Smitha Derivati lebte mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern in Dehli. Eine steile, schmale Treppe ohne Licht führte in die Wohnung hinauf. Auf dem obersten Tritt musste man seine Schuhe ausziehen, um nicht unnötigen Schmutz in die Wohnung zu bringen. Smithas Mutter war sehr auf Sauberkeit bedacht, obschon das in einer Stadt wie Dehli, wo es nur wenig geteerte Strassen gibt, fast unmöglich war. Im ersten Geschoss der Wohnung war die Küche untergebracht. Verbeulte Töpfe standen auf einem Brett an der Wand. Schränke gab es nicht. Nur Tücher, welche das Geschirr vom Strassenstaub, der durchs unverglaste Fenster herein kam, schützte. Im oberen Geschoss befand sich das Schlafzimmer. Rechts und links standen zwei Betten, auf dem jeweils die Eltern und die Kinder schliefen. Geblümte Baumwolldecken, die ihre besten Zeiten vor 40 Jahren gehabt hatten, bedeckten die Betten. In einer Ecke war ein winziger Fernseher aufgestellt und an den Wänden hingen bunte Postkarten vom Elefantengott Genesha. Die Wände waren von einem schmuddeligen Weiss, das zusätzlich von einigen Flecken verunstaltet war. Sie hätten dringend einen Neuanstrich bedürft, doch dazu fehlte der Familie Derivati das Geld. Vom Schlafzimmer aus führte ein kleiner Balkon nach draussen. Von dort hatte man eine schöne Aussicht über die Dächer der Nachbarschaft. Smitha schätzte besonders die Zeit des Sonnenaufgangs, wenn die gelbe oder rote Kugel der Sonne über dem mächtigen Strommast aufstieg. Dann betete sie auf dem Balkon zu Ganesha, für den die Familie einen kleinen Altar errichtet hatte mit einer Plastikstatue des Gottes, Räucherstäbchen und – je nachdem, was zur Hand war – Blumen oder Obststücken. Hinter einem Bretterverschlag waren Dusche und Toilette untergebracht. Leitungswasser gab es nicht. Man musste es in Eimern aus der Küche holen. Die Toilette war ganz im indischen Stil: ein Loch im Boden, aus dem es manchmal grässlich stank, was Smitha durchaus die Lust aufs Beten verderben konnte.
Smithas Vater arbeitete als Fahrrad-Rischka-Fahrer. An guten Tagen verdiente er 200 Rupien, an schlechten konnte er nicht einmal die Miete für die Rischka bezahlen. Von den indischen Fahrgästen konnte er nicht viel fordern, deshalb hoffte er immer auf Ausländer. Aber diese bevorzugten die motorisierten Tuktuks, da diese schneller und für zwei bis drei Personen Platz boten, während in der Rischka nur eine Person oder zwei schlanke sitzen konnten. Dazu kam ein heftiger Konkurrenzkampf. An allen Hotels und Touristenattraktionen warteten jeweils mindestens 10 Fahrer, in der Hochsaison bedeutend mehr. Die Chance, einen Touristen fahren zu können, war also relativ klein. Smithas Vater arbeitete nicht ungern als Rischka-Fahrer, obwohl die Arbeit ihn körperlich so auszehrte, dass er nicht viel mehr als Haut und Knochen war, und er auch im Monsoon fahren musste, wenn die Strassen sich in Flüsse verwandelten und man kaum mehr vorwärts kam. Aber die Arbeit war immerhin besser als in einer Fabrik eine 20-Stunden-Schicht arbeiten zu müssen. Smithas Mutter arbeitete morgens in einer Sarifabrik, wo sie Saris mit schillernden Pailletten, Rocailleperlen und Strasssteinen verzierte. Wenn sie Glück hatte, konnte sie mittags einen Sari nach Hause nehmen und dort weiter arbeiten. Das brachte immerhin ein paar zusätzliche Rupien ein.
Smitha war 10 Jahre alt und ging zu Schule. Ihre Eltern verzichteten auf vieles, um den Kindern die Schulbildung zu ermöglichen, die sie selbst nie hatten. Manchmal jedoch, wenn der Vater nicht genug verdiente, musste Smitha mit ihrer Mutter in die Fabrik gehen und helfen, Saris zu besticken.
Smitha war ein zufriedenes Kind, das seinen Eltern wenig Sorgen machte. Sie tat, was man ihr sagte, war von einer ergreifenden Herzlichkeit und ihrem Lachen konnte sich niemand entziehen. Obwohl sie kaum Spielzeug hatte, meckerte sie nie oder beneidete andere Kinder, die mehr hatten. Sie war sehr kreativ, was das Herstellen von Spielzeug anging. Sie bastelte aus leeren Kartonboxen und Holzstäben Elefanten und Kühe, band ein papiergefüttertes Stück Stoff so zusammen, dass eine Puppe entstand und erfand Wurfspiele mit Steinchen. Sie ging gerne in die Schule, da sie dort viele nützliche Dinge lernte. Vor allem das Lesen machte ihr Freude. In der kleinen Bibliothek, die zur Schule gehörte, hatte sie schon fast alle Bücher ausgeliehen.
Eines Tages erzählte ihr ihre Lehrerin, dass viele indische Filme in einem Land mit dem Namen Schweiz gedreht werden. Smitha suchte darauf so lange in der Bibliothek, bis sie tatsächlich einen Bildband über die Schweiz gefunden hatte. Auf den ersten paar Seiten standen Informationen über dieses Land in Europa, das Smitha so unbekannt war wie eine WC-Schüssel. Und dann kamen die Bilder. Das Buch war voller wunderbarer Bilder, Bilder von Bergen, Bilder von Seen, von seltsamen Blumen und Tieren, die aussahen wie Tiger in Miniaturformat, nur mit anderem Fell. Smitha sah Kühe, die im Gegensatz zu den indischen Kühen schwarze Flecken hatten, sie sah Wälder mit spitzen Bäumen (es waren Tannen), hellhäutige Frauen in weissen Blusen, schwarzen Schürzen und Spitzenhauben, die neben geschmückten Ziegen einher schritten, und Holzhäuser mit roten Blumen vor den Fenstern. Sie staunte über dieses Wunderland, liess sich mitreissen von der Bilderflut, entführen in eine ihr fremde Welt, die, je mehr sie davon entdeckte, eine immer grössere Faszination auf sie ausübte. Was sie jedoch am meisten in ihren Bann zog, war ein Bild, auf dem ein Dorf mit einem merkwürdigen weissen Material überzogen war. Das Material schien im Sonnenlicht zu glitzern und lag nicht nur auf den Häusern, sondern auch am Boden, auf Zäunen, auf den Bäumen, einfach überall. Smitha las die Bildunterschrift. „St. Moritz im Schnee“, stand da. „Schnee“, was war das für ein Wort? Smitha kannte es nicht, hatte es noch nie gehört. Sie rätselte, was es sein könnte. Vielleicht war es eine Art Krankheit, die das Land befallen hatte. Aber würde neben all den schönen Bildern so etwas Negatives in diesem Buch abgebildet werden? Vielleicht war es etwas, was die Schweizer zu einem Fest verstreuten. So, wie die Inder am Holi-Fest Farbpulver umher schleuderten. Aber dann brauchten die Schweizer sehr viel von diesem Material, um ein ganzes Dorf damit zu bedecken.
Am Nachmittag, als sie ihrer Mutter dabei half, Gemüse zu schneiden für ein Gemüsecurry, fragte sie: „Mama, was ist Schnee?“
Ihre Mutter schaute sie irritiert an. „Woher hast du dieses Wort? Ich habe es noch nie gehört.“
„Ich habe es in einem Buch über die Schweiz gelesen“, antwortete Smitha und versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.
Am nächsten Tag bestürmte sie ihre Lehrerin, kaum dass diese das Schulzimmer betreten hatte. Sie zupfte am baumwollenen Sari der Lehrerin, schaute sie aus ihren grossen, wissenshungrigen Augen an und stellte die Frage, die ihr die ganze Nacht auf der Zunge gebrannt und ihr den Schlaf geraubt hatte.
„Schnee ist ähnlich wie Regen“, erklärte die Lehrerin. „In nördlichen Ländern, wo es im Winter kalt wird, gefriert der Regen und fällt als Schnee auf die Erde.“
„Und wie fühlt er sich an?“, wollte Smitha weiter wissen.
„Das weiss ich nicht, Liebes, ich habe selbst noch nie Schnee gesehen oder berührt.“
„Oh, schade“, meinte Smitha. „Können wir etwas machen, dass es auch hier Schnee gibt?“
„Nein, leider nicht, das liegt nicht in unserer Macht. Es hängt vom Wetter ab, von der Temperatur, und auf die können wir keinen Einfluss nehmen. Aber nun geh und setzt dich, damit wir mit dem Unterricht beginnen können“, antwortete sie und schob Smitha sanft von sich.
Natürlich passte Smitha bei der folgenden Rechenlektion nicht auf. Sie war viel zu sehr mit wichtigeren Fragen beschäftigt. Wie roch und schmeckte Schnee? Schmolz er, wenn man ihn berührte? Wie lange blieb er liegen? Wie kalt war er? Wie fühlte es sich an, wenn man auf ihm ging?
Nachts träumte sie vom Schnee. Sie war eine Schneemaharani, in einen hellblauen Salwar Kameez gekleidet, und tanzte auf dem Schnee. Sie wirbelte den Schnee mit ihren Füssen auf, warf ihn in die Luft, damit er wie glitzernde Pailletten hinunter fiel und auf ihren Schultern zu liegen kam wie ein feiner Schal. Sie schritt durch eine Reihe von Elefanten, die mit ihren Rüsseln feinsten Schnee auf sie stäubten. Tänzerinnen und Tänzer tanzten in farbenfrohen Kleidern auf dem verschneiten Balkon ihres Palastes, während sich schneebedeckte Gipfel im See vor dem Palast spiegelten.
Wie ein Pflänzchen spross in Smitha der Wunsch, einmal in ein Land mit Schnee zu reisen, am besten in die Schweiz. Sie wusste, dass das ein beinahe unmöglicher Wunsch war, aber Wünsche hüllten sich oft in einen Schleier der Unmöglichkeit. Wenn sie sich in der Schule anstrengte und gute Noten bekam, würde sie studieren und einen guten Job bekommen. Wenn sie das Geld sparte und dazu noch einen einigermassen wohl situierten Mann heiratete, würde sie vielleicht einmal in die Schweiz reisen können. Sie würde die gefleckten Kühe sehen, die spitzen Bäume und die Frauen mit den seltsamen Kopfbedeckungen.
Zwei Jahre später, Smitha spielte mit anderen Kindern draussen auf der Strasse, kam eine junge Frau auf sie zu. Die Frau war hellhäutig und hatte Haare wie die Sonne. Sie trug eine leichte, weisse Hose und ein besticktes, rotes Top. Sie war gross und schlank und erinnerte Smitha an eine Ausländerin, die in einem Bollywoodfilm gespielt hatte. Die Frau kam direkt auf die Kinder zu, doch Smitha verstand nicht, warum. Was wollte sie von ihnen? Als die Fremde noch einen Meter entfernt war, langte sie in ihre riesige Beuteltasche und zauberte einen Stoffhund hervor, den sie Smithas Freundin gab. Smithas Schwestern bekamen eine Kette mit Glasperlen und glitzernde Aufkleber. Jetzt hatten auch die Kinder, die auf der anderen Strassenseite gespielt hatten, entdeckt, dass es hier etwas zu holen gab. Sie rannten auf die Frau zu, bedrängten sie und rissen ihr aus den Fingern, was sie aus der Tasche holte. Smitha getraute sich nicht, aufdringlich zu werden. Sie fand, dass sich das nicht gehörte. Sie stand abseits und sah dem Treiben neugierig zu. Endlich hatte jedes Kind ein Geschenk bekommen und die Frau entfernte sich, jedoch nicht, ohne Smitha einen Blick zuzuwerfen, der ein Versprechen zu beinhalten schien. Die Fremde schaute sich in einem nahen Geschäft Bindis an, aber sobald sich die Kinder verstreut hatten, kam sie zurück und lächelte Smitha an. Smitha lächelte zurück, schenkte der Fremden ihr schönstes Lächeln. Ohne ein Wort zu sagen, griff die Frau ein letztes Mal in ihre Tasche und brachte eine Glaskugel zum Vorschein. Sie drückte sie Smitha in die Hände, lächelte noch einmal und ging fort. Smitha sah ihr nach, bis sie von der Menschenmenge verschluckt wurde, und sie nicht einmal mehr die gelben Haare ausmachen konnte. Jetzt erst betrachtete sie die Kugel richtig. Sie war etwa so gross wie Papas Faust und hatte einen weissen Sockel, auf dem sie stehen konnte. Im Innern der Kugel waren diese spitzen Bäume, die sie aus dem Buch über die Schweiz kannte, und drei der Holzhäuser, die ebenfalls im Buch abgebildet waren. Das Beste jedoch war, dass alles von einer weissen Schicht überzogen war. Schnee! In dieser Kugel war Schnee! Reflexartig schüttelte Smitha die Kugel. Und siehe da: Der Schnee stob auf, um dann friedlich herunter zu rieseln. Smitha sah dem Wunder staunend zu, sah die tanzenden Flocken und verspürte das Bedürfnis, sie zu berühren. Einen kurzen Augenblick erwog sie, die Kugel zu zerschlagen, um den Schnee auf ihren Händen zu fühlen und damit eine Antwort auf all ihre Fragen zu finden, doch dann entschied sie sich anders. In der Kugel war der Schnee geschützt und würde besser erhalten bleiben, als wenn sie ihn heraus nähme.
Sie schüttelte den Glasball erneut und erfreute sich am Schneefall wie sie es in Zukunft noch oft tun würde. Woher hatte die Fremde bloss gewusst, dass sie sich Schnee wünschte? Smitha fand keine Antwort darauf, aber es spielte auch keine Rolle. Hauptsache, ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen, wenn auch in etwas anderer Form als ursprünglich gedacht.