DIPLOMARBEIT
DES INSTITUS FÜR LEHRERINNEN- UND LEHRERBILDUNG SEKUNDARSTUFE 1
BERN
ABTEILUNG FÜR SPRACH-UND LITERATURWISSENSCHAFTLICHE STUDIEN
ABTEILUNG FÜR ERZIEHUNGS-UND SOZIALWISSENSCHAFTLICHE STUDIEN
Die Odyssee
– „Ilias“ und „Odyssee“ und die Zeit, von der sie handeln
– Kann die Irrfahrt des Odysseus auf einer Karte
nachgezeichnet werden?
– Psychologische Interpretation der Irrfahrten
eingereicht bei
Dr. Rolf Leemann
und
Prof.’in Dr. Erika Werlen
Bern, den 15.04.2005
Veröffentlichung und Verwendung jedweder Art durch Dritte nur mit Genehmigung der Autorin.
1. Einleitung
Die „Odyssee“ ist ein literarisches Werk, welches die Menschen seit dreitausend Jahren begeistert und inspiriert. In unserem täglichen Sprachgebrauch, in Malerei, Literatur, Theater, Bildhauerei, Film, usw. können wir die Beeinflussung dieses Epos erkennen. Die „Odyssee“ ist ein Meisterwerk, das seinesgleichen sucht, es harmoniert in der rhythmischen Sprache, es ist anschaulich dank einer Vielzahl von Vergleichen, es ist phantastisch durch die Seefahrt des Odysseus, es ist spannend wegen der Abenteuer, die der Held bestehen muss, und es ist aktuell, weil es dank psychologischer Interpretation zeitlos ist und damit immerwährende Aktualität hat. Die Reise des Odysseus lehrt – so meine Hypothese – den psychologisch geschulten, aufmerksamen Leser einiges über die Psyche und das Verhalten des Menschen schlechthin, über den Weg, den ein Mensch in dieser oder ähnlicher Form in seinem Leben zurück legt. Hauptmotive sind dabei unter anderen Rache, Schuld, Sühne, Lüge und List, Bestehen, Versuchung, Entscheidung, Besinnung, Ausharren, Leid und Schicksal. Themen, die nicht an Gültigkeit verloren haben; Themen, denen wir uns in unserem Leben mehrmals gegenüber stehen. Was ist das Dasein des Menschen anderes als ein Kampf zwischen Bestehen und Scheitern? In Schule, Arbeit, Freundeskreis, Partnerschaft: überall müssen wir uns bewähren, müssen wir die an uns gestellten Forderungen erfüllen. Unser Bewähren aber hängt grösstenteils ab von unserem Verhalten, und hierbei kann die „Odyssee“ als eine Art Verhaltensregelbuch hilfreiche Ansätze vermitteln.
Die „Odyssee“ differenziert tiefenpsychologisch und symbolisch zu deuten, erschliesst eine Ebene dieses Epos, auf die bisher viel zu wenig Wert gelegt worden ist, betrachtet man das spärliche Literaturangebot dazu.
Die Arbeit gliedert sich in drei Teile: zuerst gebe ich einige Informationen zu Homer und seinen beiden in Hexametern gedichteten Werken „Ilias“ und „Odyssee“ und der Zeit, in der jene spielen, danach befasse ich mich mit der Route, die Odysseus auf seinen Irrfahren genommen haben könnte. Als dritter und umfangreichster Teil folgt die psychologische Interpretation des Irrfahrtenteils.
Ich habe diese drei voneinander unabhängigen Teile gewählt, weil diese bei einer Behandlung der „Odyssee“ in der Schule (zum Beispiel in Form der Kurzausgabe von Gustav Schwab) unbedingt zur Sprache kommen müssten. Die „Odyssee“ in der Schule zu behandeln, ist in meinen Augen Pflicht, weil sie nicht nur eines der grössten literarischen Werke überhaupt ist, sondern auch, weil sie den Schülern helfen kann, ihre Verhaltsmuster besser zu verstehen und ihr eigenes Agieren und Reagieren zu überdenken und allenfalls zu ändern.
2. “Ilias” und “Odyssee” und die Zeit, von der sie handeln
Für diesen Teil stütze ich mich auf das fundierte Werk von Moses I. Finley: „Die Welt des Odysseus“ von 1992 und das erst kürzlich, d. h. 2003 erschienene Werk von Barbara Patzek: „Homer und seine Zeit“. Beide Werke behandeln alle wichtigen historischen Aspekte rund um die beiden homerischen Epen. Wie bei jedem anderen literarischen Werk ist es wichtig, Hintergrundinformationen über das Werk, seine Entstehungszeit und den Autor zu haben, um das Werk besser verstehen zu können.
2.1. Homer
Über die Figur Homer gibt es keine sicheren Informationen. Es ist sogar möglich, dass die „Odyssee“ ein anderer Dichter gedichtet hat als die „Ilias“, dass sich also hinter dem, was wir heute „Homer“ nennen, zwei verschiedene Personen verbergen.[1]
2.2. Entstehungszeit
Moderne Forscher siedeln die Entstehungszeit der „Ilias“ um 700 v. Chr. an.[2] Die „Odyssee“ sei eine oder zwei Generationen später entstanden, denn sie beinhalte einen stärkeren Sinn für Gerechtigkeit, ausserdem greifen die Götter in der „Ilias“ von Zeit zu Zeit ins Geschehen ein, in der „Odyssee“ begleitet Athene Odysseus durch das ganze Epos hindurch. Des Weiteren hat es in der „Odyssee“ mehr Magie, und auch die Erschliessung des westlichen Teils der Mittelmeerwelt durch Kolonisation um 750 v. Chr. deutet darauf hin, dass die „Odyssee“ jünger ist.[3]
2.3. Fundort der Epen
Homers Werke mussten über die Jahrhunderte hinweg immer wieder von Hand auf Papyrusrollen abgeschrieben werden, da diese Schreibgrundlage nicht unbegrenzt haltbar war.[4]
Die Wichtigkeit der Werke Homers zeigt sich daher, dass von den 1596 identifizierbaren einzelnen Abschriften oder Kommentaren literarischer Werke, die bis 1963 in Ägypten gefunden worden sind, fast die Hälfte die „Ilias“ oder die „Odyssee“ betreffen.[5] Moses I. Finley spricht eine Untersuchung des Dialekts der Epen an, bei der herausgefunden worden ist, dass die Epen im sechsten Jahrhundert vor Christus eine Textbearbeitung unter der Leitung Peisistratos’ erfahren haben. Somit dürfte der ursprüngliche Homer durch diese Textbearbeitung leicht abgewandelt worden sein. Und auch die mehrfachen Abschriften (die ältesten vollständigen, die erhalten geblieben sind, stammen aus dem zehnten Jahrhundert nach Christus) haben durch Irrtümer oder auch Zensur sicher dazu geführt, dass die originalen Epen verändert worden sind.[6]
2.4. Geschichtsbewusstsein
Homer hatte ein anderes Geschichtsbewusstsein als wir heute, er gibt zum Beispiel keinen Hinweis darauf, wann der Trojanische Krieg, der ja die Ausgangslage für die „Odyssee“ bildet, stattgefunden haben soll. Heute setzt man den Trojanischen Krieg, falls es ihn überhaupt gegeben hat, um das Jahr 1200 v. Chr. an..[7]
2.5. Sänger
„Ilias“ und „Odyssee“ waren ursprünglich Heldendichtungen und somit für den mündlichen, individuell gestalteten Vortrag durch einen Sänger, einen Rapsoden, gedacht. Um dem Sänger das spontane Dichten vor seinem Publikum zu erleichtern, wurden gewisse Geschehnisse fast immer gleich beschrieben. Der anbrechende Tag wurde beispielsweise mit „Als aber die frühgeborene erschien, die rosenfingrige Eos,…“ umschrieben. Botschaften wurden zuerst aufgetragen und dann durch den Boten wortgenau ausgerichtet. Ausserdem gab der Sänger einigen Personen, Gegenständen und Landschaften Beinamen in Form von adjektivischer Beschreibung.[8] Aber auch von Verben abgeleitete Beinamen waren üblich. Ein Beispiel hierfür ist: „der gute Rufer Menelaos“.[9] Der Dichter hatte also sein Wissen um den Verlauf der vorzutragenden Geschichte sowie unzählige mehr oder weniger umfangreiche „Formeln“, welche sich für wiederkehrende Ereignisse mehrmals einsetzen liessen, zur Verfügung, um seine somit immer wieder etwas anderes lautende Darbietung zu gestalten. Die sich wiederholenden Formeln gewährten gleichzeitig dem Publikum, das einem solchen Vortrag oft über mehrere Tage und Nächte folgte, eine „Konzentrationspause“.[10]
2.6. Heroentum
Die Pfeiler des homerischen Heroentums waren Stärke, Tapferkeit, Mut und Kühnheit. Aufs Bitterste missachtet wurde demgegenüber Feigheit und das daraus resultierende Misslingen einer heroischen Unternehmung. Besonders in der „Odyssee“ meint „Heros“ aber nicht einfach „Held“, sondern dient als Bezeichnung für alle Aristokraten.[11] „Aristos“ wiederum bedeutet „der Beste“; ein Aristokrate musste also in allem der Beste sein, dazu gehörte neben der ständigen Bewährung auch eine eindrucksvolle Genealogie, welche sich auf einen grossen Heros oder auf einen Gott zurück führen liess.[12]
2.7. Historischer Bericht oder Fiktion?
Ob es einen Odysseus gab, der an seiner Heimfahrt behindert wurde, kann nicht festgestellt werden. Das Troja der „Ilias“ aber gab es zumindest, das belegen die Funde Heinrich Schliemanns in der Türkei. Der Deutsche Hobbyarchäologe stiess bei Hissarlik auf die antiken Mauerreste der Stadt Hektors und Priamos’. Obwohl das antike Troja Spuren der gewaltsamen Zerstörung zeigt, konnten weder Schliemann noch seine Nachfolger Beweise dafür erbringen, dass die Griechen Troja zerstörten.
Die beiden Epen spielen am Ende der mykenischen Zeit, die in Griechenland von 1400 bis 1200 vor Christus anhielt, Homer jedoch lebte ca. 400 Jahre später, ohne grosses Wissen von der mykenischen Zeit zu haben. Deshalb gibt es Unstimmigkeiten zwischen der Schilderung Homers, der seine eigene Zeit zu archaisieren versuchte, und der archäologischen Wirklichkeit. Zwar existieren die „Paläste“ des Nestors in Pylos und des Agamemnon in Mykene, aber die sichere Behausung Odysseus entdeckten weder Schliemann noch sonst jemand. Ausserdem leben die Protagonisten Homers in einem Reichtum, der durch die archäologischen Funde nicht bestätigt werden kann. Die Waffen ähneln, obwohl aus Bronze und nicht aus Eisen, denen der Zeit Homers; in den Epen haben die Götter Tempel, die Mykener kannten jedoch keine solchen; die Gefallenen werden in den Epen verbrannt, obwohl die Mykener ihre Leichname bestatteten.[13] Beim Palast des Odysseus oder des Alkinoos hatte der Dichter eindeutig die Anwesen seiner Zeit vor Augen und nicht die komplizierten mykenischen Palastbauten.[14] Barbara Patzek ist deshalb der Meinung, dass die „Ilias“ und die „Odyssee“ nicht historische Ereignisse darstellen, sondern als Mythologien zum Beispiel erklären, wie das Geschlecht der Heroen beim Krieg gegen Troia ausgelöscht wurde.[15] Für die alten Griechen jedoch war der Mythos keine Fiktion, sondern die Erzählung von Geschehnissen, die als wahr betrachtet wurden.[16]
Selbst wenn der Kern der Epen wahr sein sollte, so sind zumindest einige Mengenangaben und Jahreszahlen stark übertrieben. Finley verweist auf die angebliche 1186 Kriegsschiffe, die gemäss Homer mit mindestens 60 000 Mann nach Troja fuhren.[17] Genauso unrealistisch wirken die zehn Jahre dauernde Belagerung Trojas und die zehn Jahre, in denen Odysseus von der Heimat abgehalten wurde.
2.8. Die Gesellschaft des Odysseus
Die „Odyssee“, die in 24 Gesänge unterteilt ist, ist vornehmlich eine Geschichte der Adeligen, der „aristoi“ [18]. Trotzdem kommen wir auch in Kontakt mit einigen Menschen von niederem Stand. Die alte Amme des Odysseus zum Beispiel ist von Laertes gekauft worden. Sie ist eine Sklavin.[19] Und Eumaios, der Schweinehirt des Odysseus, der von Phöniziern entführt worden ist, ist eigentlich ein Königssohn.[20] Auf Beutezügen wurden die Männer meist getötet, die Frauen zu Arbeit und oft auch zu Sex mit dem Herrn gezwungen.[21] Einem Sänger, der zu den besser gestellten Spezialisten („demioergoi“) gehörte, begegnet der Leser zum Beispiel in Gestalt des Demodokos.[22] Auch Seher, Zimmerleute, Metallarbeiter, Ärzte, Herolde gehörten in diese Grupppe. Daneben gab es freie Hirten und Bauern, welche aber niedriger gestellt waren. [23] Auch die „thetes“ werden in der „Odyssee“ angesprochen: ungebundene, besitzlose Lohnarbeiter, die bettelten und stahlen, um überhaupt überleben zu können.[24] Einmal verspottet Eurymachos den als Bettler verkleideten Odysseus, indem er ihm eine Stelle als „thes“ anbietet und ihm sagt, er werde genug Lohn erhalten.[25] Ein thes aber konnte nie sicher sein, ob er überhaupt einen Lohn erhalten würde.[26] Wie erbärmlich die Stellung eines thes war, sehen wir am Ausspruch des toten Achilles, der lieber ein thes als Herr über die Toten wäre.[27] Tot zu sein muss demnach noch schlimmer sein als ein thes zu sein. Dass die thetes weniger Ansehen genossen als die Sklaven, lag daran, dass sie zu keinem Hausstand, zu keinem „oikos“ gehörten. Der oikos sorgte für Sicherheit, für ein geregeltes Leben mit klar definierten Pflichten und Rechten und für eine feste Zugehörigkeit zu diesem Landgut.[28] Wurde der oikos von auswärtigen Mächten angegriffen, sorgte ein Hoplitenheer, bestehend aus allen wehrfähigen Männern, welche sich eine eigene Kampfausrüstung leisten konnten, für die Verteidigung.[29]
Der oikos war ein autarkes System; er stellte – mit wenigen Ausnahmen – selbst her, was seine Mitglieder zum Leben brauchten.[30]Was der oikos nicht selbst herstellen konnte (oder auch was er nicht zur Genüge herstellen konnte), musste im Handel erstanden oder durch Beutezüge geraubt werden. Solche Beutezüge waren organisierte Unternehmen, an denen oft mehrere Familien teil nahmen. Die Beute wurde durch das Los verteilt.[31]
Obwohl die Frau in der Welt des Odysseus nicht viel zu sagen hatte, oblag die Hausverwaltung, die Aufsicht über die Diener und Dienerinnen und die Verwaltung der Güter eines Hauses der Frau.[32] Deshalb ist Penelope die versteckte Herrscherin im Hause Odysseus, nicht Telemachos, obwohl dieser als nächststehender männlicher Verwandter ihr Vormund ist.
In der „Odyssee“ ist oft von „Geschenken“ die Rede, wobei es ein ungeschriebenes Gesetz war, dass, sobald man ein „Geschenk“ angenommen hatte, sich dafür verpflichtete, früher oder später eine Gegenleistung zu erbringen. Somit konnte man sich in seiner Umgebung ein soziales Netz aufbauen, das einem Gastfreunde sicherte, die für Tauschgeschäfte, Kriege, verschiedene Hilfestellungen, etc. verpflichtet werden konnten.[33] Ein Gastgeschenk konnte etwa ein wertvoller Mischkrug sein, wobei der Wert des Kleinods gesteigert wurde, wenn es ehemals einem berühmten Held gehört hatte.[34] So gibt zum Beispiel Menelaos dem Telemachos einen Mischkrug, den er vom König der Sidonier bekommen hat, als Gastgeschenk.[35] Auch das Volk gab dem König „Geschenke“, was in diesem Zusammenhang so etwas wie „Abgaben“ bedeutet.[36] Neben den Gastfreundschaften konnte durch die Ehe mit einer Tochter aus einem einflussreichen, mächtigen oikos ein weiterer wertvoller Verbündeter gewonnen werden.[37]
Um öffentliche und manchmal auch private Angelegenheiten innerhalb des oikos zu besprechen, konnte der König eine Volksversammlung einberufen. Der Redner hielt während seiner Rede einen Rednerstab, der ihm das Recht zu sprechen gab. Hatte er nichts mehr zu sagen, reichte er den Rednerstab demjenigen weiter, der als nächster etwas beitragen wollte. „So sprach er [Telemachos] zornig und warf den Rednerstab zu Boden,….“[38]
Die Versammlung zeigte bloss die Meinung der beteiligten Adeligen, Entscheidungen zu fällen, hatte sie kein Recht. Dies war allein dem König erlaubt. Die Versammlung erteilte also dem König Ratschläge, dieser konnte jedoch, wenn er wollte, jeden Rat ignorieren und selbstmächtig seine Entscheidungen fällen.[39] Um sein Volk aus einem Konflikt heraus zu halten, konnte der König zur Bereinigung seiner eigenen Streitereien anstelle eines Krieges den Zweikampf wählen.[40]
Wurde ein Adliger durch einen anderen Adeligen in irgend einer Angelegenheit geschädigt, so musste er, wenn er auf einer Vergeltung bestand, den Schuldigen anklagen und ihn entweder zum Zweikampf heraus fordern, wobei der Verlierer durch seine Unterlegenheit seine Schuld zeigte, oder einen Schiedsspruch der anderen Adeligen fordern, damit sie über Recht und Unrecht entschieden, oder den Angeklagten einen Eid leisten lassen. Basierte der Eid auf einer Lüge, würden die Götter für eine gerechte Bestrafung sorgen.[41]
Das wichtigste Ziel eines jeden Helden war es, zu grösstmöglicher Ehre zu kommen, dies gelang durch eine Tapferkeit, die nicht einmal den Tod scheute.[42] In der „Odyssee“ sehen wir das sehr gut, als Odysseus sich alleine aufmacht, um seine Gefährten aus den Fängen der Kirke zu retten, obwohl ihn der Gefährte, welcher der Zauberin entkommen ist, anfleht, nicht zu gehen, „denn ich weiss, dass weder wirst du selber wiederkommen noch irgendeinen anderen von deinen Gefährten bringen“[43].
Kommt ein Mann zu eines anderen Mannes Haus, ist es Sitte, diesen Mann – egal, ob es sich um einen Bekannten oder Fremden handelt – zu bewirten, bevor man nach seinem Namen, seiner Herkunft und seinem Anliegen fragt.[44] Ein Beispiel dafür ist die Stelle, an der Odysseus als Bettler zur Hütte des Schweinehirten Eumaios kommt: „Doch folge mir, gehen wir in die Hütte, Alter, damit du dich an Brot und Wein sättigst nach Verlangen und auch selber sagst, von wo du her bist und wie viele Kümmernisse du erduldet!“[45]
2.9. Die Götter
Traditionellerweise wurde vor einem Festmahl den Göttern geopfert, um sie gnädig zu stimmen.[46] „Ilias“ und „Odyssee“ zeigen deutlich, dass ein Mensch ohne die Götter nichts ist. Die Götter entscheiden über Erfolg oder Misserfolg eines Menschen, obwohl auch sie das Schicksal des jeweiligen Sterblichen nicht ändern können.[47] Odysseus wird während seiner Irrfahrten von Athene begleitet, doch auch andere Götter helfen ihm ab und zu, so rettet ihn zum Beispiel Ino Leukothea vor dem Ertrinken.[48] Manchmal erscheinen die Götter in ihrer realen Gestalt, manchmal treten sie als sterbliche Menschen auf, so zum Beispiel Athene am Anfang der „Odyssee“ als Mentor.[49]
In der homerischen Welt kann jede Handlung oder jeder Gedanke eines Menschen von einem Gott initiiert sein.[50]
2.10. Die „Odyssee“ als Moralpredigt
Dafür, dass die „Odyssee“ als eine Art Lehrbuch gelesen werden kann, steht die Tatsache, dass die Rapsoden als Weise respektiert wurden, welche durch ihre Vorträge zur Beachtung menschlicher Moral und Weisheit mahnten.[51] Odysseus zeigt dem Leser oft, dass unüberlegter Zorn gefährlich werden kann, dass es besser ist, sich zu besinnen und mit kühlem Kopf eine Lösung zu überlegen, „(…),denn Klugheit besiegt Stärke in dem Kulturbild Homers.“[52]
3. Kann die Irrfahrt des Odysseus auf einer Karte nachgezeichnet werden?
Bei der Lektüre der „Odyssee“ taucht unweigerlich die Frage auf, wohin es den Helden überall verschlagen hat. Doch ob die Reise des Odysseus von Troja bis Ithaka geographisch überhaupt nachvollzogen werden kann, darüber streitet sich die Wissenschaft. Dafür, dass die Stationen seiner Reise nicht lokalisiert werden können, dass sich die Reise in einem imaginären Raum abspielt, spricht die Tatsache, dass einzig in diesem Seefahrer-Teil der „Odyssee“ phantastische Wesen vorkommen (die Götter zähle ich nicht zu den phantastischen Wesen). Weshalb sollten also die Orte, auf denen diese Wesen leben, real sein? Andererseits wäre es durchaus denkbar, dass Homer wirklich existierende Gegenden vor Augen hatte und einfach phantastische Kreaturen in sie hinein projizierte. Geht man von dieser zweiten Möglichkeit aus, stellt sich einem das Problem der Ortsnamen. Homer nennt einige Namen, die Schwierigkeit ist aber, dass sich diese auf der Landkarte nirgends finden, weil sie sich im Laufe der Zeit – falls es sie wirklich einmal gegeben haben sollte – geändert haben müssen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir nicht wissen, ob Homer eine Karte zur Verfügung hatte oder ob er die Orte selbst besuchte oder eine Mischung von beidem oder gar nichts davon. Wenn er eine Karte hatte, dann ist die Nachzeichnung der Route so gut wie unmöglich, da die alten Karten sehr von der Wirklichkeit abweichen. Vielleicht kannte er einige Orte selbst und liess sich für den Rest von Berichten von Seefahrern anregen.
Aus diesen Gründen streiten sich die Gelehrten, welche der Meinung sind, die Route bestimmen zu können, über die wahre Fahrt des griechischen Helden. Ich werde im Folgenden einige der mir am interessantesten erscheinenden Theorien kurz darlegen und kommentieren. Ich stütze mich dabei vor allem auf die Gebrüder Wolf, welche verschiedene mögliche Routen gesammelt und versucht haben, diese zu widerlegen.
3.1. „Äusseres Meer“ versus „inneres Meer“
Zuerst gibt es Meinungsverschiedenheiten, ob Odysseus sich nur im „inneren Meer“ aufgehalten habe, also nicht weiter als bis zur Strasse von Gibraltar, oder ob er bis aufs „äussere Meer“, auf den Atlantischen Ozean, gefahren sei. Hier hat sich die erste Version mehrheitlich durchgesetzt.[53] Auch ich finde die Theorie der „Exokeanisten“ absurd: wie soll Odysseus über den Atlantik gefahren sein, wo die Griechen erst ab dem 8. Jahrhundert vor Christus durch Handel und Kolonisation langsam den Mittelmeerraum – und nur den Mittelmeerraum – erschlossen?[54] Ich werde mich deshalb im weiteren nur auf die Innermeer- Version konzentrieren.
3. 2. Darstellung der Theorien von Bradford und Obregòn
Erwähnenswert in der Masse von verschiedensten Theorien scheinen mir zwei ähnliche Lokalisierungsversuche.
Ernle Bradfords Theorie sieht folgendermassen aus (àvergleiche Karte 1 im Anhang): Djerba (Lotophagen), Trapani (Kyklopen), Ustica (Aiolos), Bonifacio (Laistrygonen), Monte Circeo (Kirke), Gibraltar (Hades), Galli bei Neapel (Sirenen), Pietra lunga und Pietra menalta zwischen Vulcano und Vulcanello (Plankten), Strasse von Messina (Skylla und Charybdis), Taormina (Hafen der Sonneninsel Thrinakia), Malta (Kalypso), Kerkyra (Phaiaken).
Die Gebrüder Wolf weisen bei Bradfords Theorie auf folgende Unstimmigkeiten hin: Kap Circeo ist keine Insel, und man kann von dort nicht mit Nordwind an einem einzigen Tag zum Hades nach Gibraltar fahren. Ausserdem sind die Sirenen zu weit weg vom Hafen der Sonneninsel bei Taormina. Die Brüder Wolf beanstanden weiter, dass Bradford Odysseus nicht ein zweites Mal die Meerenge von Skylla und Charybdis habe passieren lassen.[55] Ich allerdings bin der Meinung, dass eine zweite Durchfahrt nicht zwingend ist. Ich habe in Schadewaldts Übersetzung nur gelesen, dass Odysseus zur Charybdis gespült worden sei – es steht dort mit keinem Wort, dass er die Meerenge noch einmal passiert habe, auch die Sirenen werden nicht noch einmal erwähnt. Da die Charybdis das Wasser einzieht und es dann wieder ausspuckt, kann ich mir gut vorstellen, dass Odysseus geradewegs von der Meerenge fort gespült worden ist.
Mauricio Obregòn übernahm den Plan Bradfords, setzte aber die Kyklopen nach Mallorca, Aiolos nach Menorca, Kirke auf Ischia und die Phaiaken auf Zypern (àKarte 2 im Anhang). Die Brüder Wolf bemängeln bei dieser Theorie, dass Obregòn die Strecken mit dem Flugzeug, statt mit dem Schiff zurück gelegt hatte und dass deshalb die Distanzen nicht mehr stimmen würden. Und ebenfalls kritisieren sie – wie bei Bradford – die angeblich fehlende Rückdrift zwischen Skylla und Charybdis.[56]
3.3. Die Darstellung der Gebrüder Wolf
Armin und Hans-Helmut Wolf, welche sich intensiv mit der Thematik auseinander gesetzt haben und eigene Werke darüber publiziert haben, begründen ihre Route (à Karte 3 im Anhang) folgendermassen:
Kap Maleia ist unbestrittene Ausgangslage. Odysseus wird an der Insel Kythera vorbei Richtung Südwesten getrieben und muss so zwangsläufig an die nordafrikanische Küste – nach Djerba – stossen. Dort soll sich das Land der Lotophagen befinden. Von dort aus macht Homer keine Richtungsangabe, die Strömung jedoch führt an Tunesien vorbei, welches wahrscheinlich das Land der Kyklopen darstellt, wofür auch spräche, dass Polyphem in einer Höhle wohnt – wie das die Bewohner Kleinafrikas seit Jahrtausenden machen. Von der Aiolos-Insel fährt Odysseus mit dem Westwind Richtung Ithaka. Homer beschreibt die Insel als von einer hoch aufragenden Mauer umgeben. An der Südküste Maltas, welches westlich von Griechenland liegt, ragen hohe Felsen auf, die an eine Mauer erinnern könnten.[57] Nachdem Odysseus zum zweiten Mal auf der Aiolos-Insel gelandet ist, kommt er zu den Laistrygonen, welche die Autoren an der Westküste Siziliens ansiedeln. Dies unter anderem deshalb, weil die Bucht von Motya, bei Homer Telepylos = fernes Pylos genannt, der Bucht von Pylos in Griechenland sehr ähnlich sieht. Wer in diese Bucht eindringt, ist ein leichtes Opfer für Angreifer, da die Bucht wie eine Falle wirkt. In der „Odyssee“ wird die gesamte Flotte des Odysseus, ausser den Männern auf seinem Schiff, das er ausserhalb der Bucht geankert hat, von den Laistrygonen niedergemacht. Die Nordost-Strömung von Motya aus führt nach Ustica, dem homerischen Aia, wo Kirke lokalisiert werden soll. Kirke weist Odysseus an, sein Schiff an Land zu ziehen und seine Geräte in Grotten zu verstauen. Dies wäre auf Ustica möglich. Mit einem aus dem Norden kommenden Wind segelt Odysseus von da an die Nordküste Siziliens zum Gau der Kimmerer, wo sich der Hades befinden soll. Auffällig ist hier der Name der antiken Stadt Himera/Imera/Kimara auf Sizilien, der auf die Kimmerer hinweisen könnte. Pesephone wurde von Hades nach Sizilien in die Unterwelt entführt, was ebenfalls für Sizilien als Tor zur Unterwelt spricht.[58]
Nach einem Umweg über die Insel der Kirke fährt Odysseus an der Insel der Sirenen vorbei, welche vor dem Nordeingang zur Meerenge von Skylla und Charydis liegt. Armin und Hans-Helmut Wolf benennen die Sireneninsel als Düne Faro an der Ostspitze Siziliens (beim Kap Peloro). Die Düne ist gefährlich, weil starke Ströme die untermeerischen Sandbänke ständig verändern und ein Schiff bei zu wenig grossem Abstand von der Düne auf Grund laufen könnte. Nach den Sirenen kann Odysseus entweder an den Plankten, vorbei fahren, diesen Felsen des Verderbens, welche von den Brüdern Wolf als ständig tätiger Vulkan Stromboli auf den Liparischen Inseln identifiziert werden, oder den Weg vorbei an Skylla oder Charybdis wählen. Diese sollen sich an der Meerenge von Messina befinden. Odysseus kommt weiter zur „Insel der Sonne“, welche die Gefährten beim Hafen von Messina ansteuern. Somit wäre Sizilien nicht nur Heimat der Laistrygonen und Eingang zur Unterwelt, sondern auch noch die Sonneninsel Thrinakia des Helios. „Trinakria“ gilt als ältester Namen Siziliens. Vielleicht meint Homer mit der kargen Sonneninsel auch nur die Mole von Messina, die zwar heute eine Halbinsel ist, von Homer aber – weil er kein eigenes Wort für „Halbinsel“ kannte -, als Insel bezeichnet worden sein könnte. Oder sie war früher wirklich eine Insel, denn sie ist eigentlich eine Düne, die durch fort- und angeschwemmten Sand ständig ihre Gestalt wechselt. Ihre Form ähnelt einem Dreizack (gr. = thrinax), was wieder einen Hinweis auf den Namen der Insel geben würde.[59]
Nach einem Schiffbruch bei der Wegfahrt von Thrinakia verliert Odysseus alle seine Gefährten. Alleine wird er durch die Meerenge von Skylla und Charybdis zurück getrieben und strandet an der Insel Ogygia, wo die schöne Göttin Kalypso wohnt. Die Insel Panarea der Liparen soll diese Kalypso-Insel sein, weil die Insel laut Homer nahe dem Omphalos (Nabel) des Meeres liegt. Der Stromboli könnte wegen seiner Trichtergestalt als Nabel angesehen werden; Panarea ist – abgesehen von der winzigen Strombolichio – die nächst gelegene Insel.
Mit Ost- oder Nordostkurs gelangt der Held von Ogygia an die Gestade des Phaiakenlandes, in welchem die Brüder Wolf Kalabrien sehen. Von dort aus wird Odysseus nach Ithaka zurück gebracht, ohne noch einmal Skylla und Charybdis zu passieren. Dies ist von Panarea aus nur möglich, wenn das Phaiakenland keine Insel ist, wie meist angenommen wird, sondern die Stiefelspitze Italiens. Die Autoren argumentieren, „Scheria“ – so der Name des Landes – bedeute „Kontinent, Festland“.[60]
Misstrauisch macht mich bei der Theorie der Gebrüder Wolf die Tatsache, dass Odysseus nach der Wolf-Auslegung nicht weiter als nach Sizilien kommt, bei seiner Fahrt zum Hades fährt er aber auf dem Okeanos, dem die Welt umströmenden Meer, das ich am ehesten im Meer nach der Meerenge von Gibraltar sehe. „(…), und das Schiff kam zu den Grenzen des tiefströmenden Okeanos, (…).“[61] Die Autoren argumentieren hier, dass sich der Held, um zum Hades zu kommen, im westlichen, äusseren Meer jenseits von Sizilien befinde, was zur Zeit Homers als Okeanos gedeutet werden mochte. Allerdings würde sich dann nicht nur der Hades, sondern auch einige der anderen Stationen im Okeanos befinden.
Unbefriedigend finde ich auch, dass Scheria die Stiefelspitze Italiens sein soll. Es stimmt, dass nirgends steht, Scheria sei eine Insel, aber meiner Ansicht nach liegt die Stadt der Phaiaken am Meer – sie sind ja ein berühmtes Seefahrervolk – und nicht, wie bei den Wolfs, fast in der Mitte der Stiefelspitze. Ausserdem haben Nausikaa und ihre Dienerinnen die Wäsche nahe des Meerufers gewaschen, wo Odysseus gestrandet ist, und nicht im Landesinneren wie auf der Karte ersichtlich wird.
Nach ihrer Karte setzen die Gebrüder Wolf die Häuser der Kirke am Rande der Insel Ustica an, in der „Odyssee“ steht aber deutlich, dass sie in der Mitte liegen. „Denn ich sah, auf einen schroffen Ausguck hinaufgestiegen, eine Insel, die rings im Kreis ein unendliches Meer umgibt. Sie selber liegt flach da, und einen Rauch erblickte ich mit den Augen in ihrer Mitte durch das dichte Gehölz und den Wald.“[62]
Gemäss Karte 3 segelt Odysseus direkt vom Hades weiter zu den Sirenen, was aber nicht stimmt, denn nach dem Besuch der Unterwelt muss er noch einmal nach Aia zurück, um Elpenor zu begraben. Damit ergibt sich eine erhebliche Zeitdifferenz. Wolfs geben 16 ½ Stunden an für die Strecke zwischen Hades und Sirenen. Von Aia-Ustica aus hätte Odysseus – geht man von den wolfschen Zahlen aus – aber etwa 22 Stunden gehabt. Im Epos sind keine genauen Zeitangaben gemacht, allerdings habe ich das Gefühl, dass das Schiff nicht sehr lange gefahren ist, nicht einmal einen Tag. „Indessen aber gelangte das gutgebaute Schiff schnell zur Insel der beiden Sirenen, denn ein leidloser Fahrwind trieb es.“[63]
Weshalb Ogygia auf der Karte als alternativ bezeichnet wird, ist mir nicht klar. Ogygia ist eine Station wie jede andere auch, ich sehe nicht ein, weshalb die Wolfs auf die Idee kommen, sie als alternativ zu deklarieren.
Natürlich gibt es noch weitere kleinere Unstimmigkeiten wie zum Beispiel die nicht bewiesene Rückdrift durch die Meerenge von Skylla und Charybdis oder dass bei den Wolfs die Sireneninsel eine Düne ist und nicht eine eigentliche Insel oder dass Thrinakia, Telepylos und der Hades Sizilien sein sollen.
3.4. Fazit
Trotz grosser Bemühungen und guten Willens ist es bisher niemandem gelungen, die Route des Odysseus ohne Unstimmigkeiten nachzuzeichnen. Wahrscheinlich wird es auch nie jemandem gelingen, dazu fehlen einfach zu viele Informationen oder die Angaben sind zu vage. Wir wissen nicht, wie das Gebiet von der Türkei bis Spanien um 800 vor Christus genau ausgesehen hat und wir wissen nicht, wie Homer gearbeitet hat, wie exakt er die Ortsangaben geschildert hat und wie viel seiner Phantasie entsprungen ist. Die Orte ausserhalb der Irrfahrtensequenz, die ich im nächsten Kapitel als Reise ins Unbewusste deuten werde, – also Startpunkt Troja und Endpunkt Ithaka – sind zweifelsfrei identifiziert. Es ist gut möglich, dass es in der Absicht Homers lag, für die Stationen der Irrfahrt nicht existierende Orte zu nehmen. Damit wären alle Bestimmungsversuch ein Ding der Unmöglichkeit.
4. Psychologische Interpretation der Irrfahrten
4.1. Intention
Während meiner Lektüre der „Odyssee“ fielen mir die vielen moralischen Grundsätze auf. Vor allem der erste Teil der Irrfahrten des Helden kam mir vor wie ein Lehrbuch, wie man sich im Leben verhalten soll. Mit dem Imperativ ausgedrückt kommen im Epos Lehrsätze vor wie: „Du sollst nicht zu neugierig sein!“; „Du sollst dich in Geduld üben!“; „Du darfst ein Verbot nicht übertreten!“; „Du musst lernen, manche Dinge einfach anzunehmen, ohne dich dagegen aufzulehnen!“; etc. Auf Grund dieser moralischer Wegweiser erschien mir die Reise des Odysseus allmählich wie die Reise des Menschen durch sein Leben. Odysseus ist also in meinen Augen ein beliebiger Mensch in einer beliebigen Epoche und Kultur, der in seinem Leben Prüfungen verschiedenster Art bestehen muss, der viel Leid, aber auch viel Lehrreiches erfährt, dem unterschiedlichste Charakteren begegnen und der aus all diesen Erfahrungen lernt, der durch sie heran reift, geistig „erwachsen“ wird. Am Schluss seiner Reise ist aus dem anfangs unbekümmerten, heldenhaften Mann ein besonnener Weiser geworden, der sich und sein Leben analysiert hat und weiss, dass Heldentum nicht alles ist.
Um zu sehen, ob sich meine Theorie des Lebenswegs bestätigt, habe ich mich mit Literatur über Märchen und Symboldeutung und mit Tiefenpsychologie beschäftigt.
Die Hauptfragestellung dabei ist, inwiefern die Reise und Heimkehr Odysseus den möglichen Lebensweg eines Menschen (in heutiger Zeit) darstellt und ob die „Odyssee“ als eine Art Lebenshilfe für den modernen Menschen gelesen werden kann.
4.2. Definition der Gattung
Die „Odyssee“ ist ein Epos, welches folgende der Sage zugeschriebene Charakteristiken[64] zeigt:
- sie hat den Anspruch, von der Wirklichkeit zu berichten; sie wird von den Zuhörern des Sängers als wahr empfunden
- sie ist dichterisch gestaltet (z. B. Hexameter)
- sie berichtet von Ungewöhnlichem
- sie befasst sich mit Geheimnisvoll-Numinosem
- in ihr kommen phantastische Gestalten vor
Die Begründung, dass ich die „Odyssee“, beziehungsweise ihren ersten Teil, die märchenhaft anmutende Erzählung des Odysseus von seinen Irrfahrten, ähnlich wie ein Märchen mit tiefenpsychologischen Ansätzen zu interpretieren versuche, liegt darin, dass es in diesem ersten Teil sehr vieles gibt, was an Märchen erinnert: [65]
- Riesen (Kyklopen), Menschenfresser (Laistrygonen), eine Zauberin (Kirke), ein Seeungeheuer (Skylla) und verlockend aussehende Bestien (Sirenen) kommen in diversen Märchen vor.
- Auch die Besiegung der übernatürlichen Wesen durch Gewalt oder List ist ein Märchenmotiv.
- Während in Märchen der Held oder die Heldin oft einen Helfer in Form einer Fee, eines Geistes oder Tieres hat, stehen dem Odysseus Athene, Hermes und Ino Leukothea zur Seite.
- Häufig wird der Märchenhauptfigur von einem (übermächtigen) Wesen (Poseidon) Prüfungen auferlegt, die es zu bestehen gilt, manchmal mit Stärke, manchmal mit einem starken Willen, Gehorsam und viel Geduld. Wie muss sich Odysseus in Geduld wiegen, bis er endlich nach Ithaka zurück darf?!
- Viele Märchen handeln von einem „guten“ und einem oder mehreren „bösen“ Menschen, wobei der Gute am Ende nach langen Mühsalen seine Belohnung bekommt, während der oder die Bösen ihre Strafe erhalten. In der „Odyssee“ handelt Odysseus stets rechtschaffen, seine Gefährten verhalten sich mehrmals unehrenhaft, wenn auch nicht eigentlich „böse“.
- Das allgemeinste Märchenschema zeigt ein Problem und seine Bewältigung. Die Geschichte geht von einer Notlage, einem Bedürfnis aus. In der „Odyssee“ ist das Problem der Fluch des Polyphems, und die Lösung besteht im Ausharren, im Erdulden. Das Bedürfnis ist die Heimfahrt.
4.3. Literatur
Für meine Interpretation habe ich einige Werke der Märchenforschung studiert wie zum Beispiel Gert Meier: „Die Wirklichkeit des Mythos“ oder „Märchenforschung und Tiefenpsychologie“ von Willhelm Laiblin (Hrsg.).
Zwei Hauptvertreter der Tiefenpsychologie sind Sigmund Freud und Carl Gustav Jung; ich beziehe mich hauptsächlich auf Jung und seine Analytische Psychologie.
Werke, die sich mit der „Odyssee“ auseinander setzen und die ich ebenfalls konsultieren werde, sind „Die Heroen Griechenlands. Einübung des Denkens von Theseus bis Odysseus.“ von Ortrud Stumpfe, „Lange Irrfahrt – grosse Heimkehr. Odysseus als Archetyp – zur Aktualität des Mythos.“ von Gotthard Fuchs (Hrsg.), „Die „Odyssee“ – nach den „Odysseen“. Betrachtungen zu ihrer individuellen Physiognomie.“ von Ernst-Richard Schwinge und „Der unbekannte Odysseus. Eine Interpretation der „Odyssee“. von Theo Reucher. Wobei ich viele Interpretationspunkte von Ortrud Stumpfe nicht nachvollziehen kann. Ernst Richards Werk betrachtet alles, nur nicht die Irrfahrtensequenz. Die anderen beiden Werke sind für das, was mich interessiert, ziemlich knapp gehalten. Nach Jungs Tiefenpsychologie interpretiert nur Gotthard Fuchs.
Zusätzlich arbeite ich für die Interpretation, die selbstverständlich eine persönliche Interpretation aus meiner Sicht ist, mit Symbolbüchern, das heisst, mit Büchern, welche erklären, was ein bestimmtes Tier, eine bestimmte Zahl, etc. für Bedeutungen haben können. .
Ausser dem Werk von Ortrud Stumpfe, das 1978 publiziert worden ist, ist die verwendete Literatur relativ jung, das meiste datiert um 1990.
4.4. Tiefenpsychologische Interpretation
Da ich mich allein auf die Seelenreise des Odysseus beschränke, fängt der für mich massgebliche Teil des Epos mit dem fünften Gesang an, wo Odysseus erstmals aktiv ins Geschehen tritt. In den vorderen Gesängen haben wir erfahren, dass Odysseus auf der Insel Ogygia bei der Göttin Kalypso festgehalten wird.
4.4.1. Kalypso[66]
Jung prägte den Begriff des „Archetypus“. Der Archetypus ist ein Urbild der Seele, ein Motiv, das in Sagen, Märchen und Träumen verschiedenster Völker und Individuen durch alle Epochen und Kulturen hindurch immer wieder erscheint. Das bedeutet, dass es „Bilder“ (Figurentypen) gibt, die allen Menschen gemein sind, die in einem „kollektiven Unbewussten“ verankert sind.[67] Kalypso ist der Mutterarchetypus, sie ist die Nährende, Pflegende, Bergende, Liebende[68] – und aus einem Überschwang von Liebe auch die, die zurück hält, die ihr „Kind“ – in diesem Fall Odysseus – nicht gehen lassen will, sondern es mit ihrer Zuneigung erdrückt.
Nachdem die Götter die Heimkehr des Helden beschlossen haben, schickt Zeus den Götterboten Hermes aus, um Kalypso den Ratsschluss zu überbringen. Dass der Göttervater Hermes ausschickt und nicht Iris, die Regenbogengöttin, die in der „Ilias“ als Botengängerin tätig ist, liegt daran, dass Hermes erste Hinweise auf Odysseus Charakter und seine bisherigen Erlebnisse gibt. Denn Hermes ist nicht nur Bote, er ist auch der Gott der Lügner und Betrüger und Gott des Reisens.[69] Und Odysseus, der Reisende, trägt oft den Zunamen „der Listenreiche“.
Als Hermes auf Ogygia ankommt, sieht er ein Feuer brennen, auf welchem das Holz von Zeder und Lebensbaum verbrannt wird. Die Zeder ist ein Symbol für Erhabenheit, Ausdauer und Unsterblichkeit[70], alles Attribute Odysseus. Unsterblichkeit nicht im Sinne eines ewig lebenden Menschen, sondern im Sinne des Gedenkens an eine bestimmte Gestalt und auch im Sinne eines ewigen „Odysseus“ in allen Menschen. Der Lebensbaum (Olivenbaum?) steht für Leben und Regeneration. Seine Wurzeln reichen in die Unterwelt, ins Unbewusste, seine Zweige aber strecken sich in den Himmel, ins Bewusstsein, in die Erkenntnis. Sein Stamm hingegen ist das Irdische, das Glied, das Bewusstsein mit Unbewusstsein verbindet[71]. In diesem Sinne weist meiner Meinung nach der Lebensbaum auch auf Odysseus hin, welcher Erfahrungen des Bewussten und Unbewussten in seinem sterblichen, irdischen Körper vereint. Dadurch, dass die Hölzer verbrannt werden, verwandelt sich plumpe, „tote“ Materie in leichten, sich bewegenden, also aktiven Rauch, in Geist, was auf die kurz bevor stehende Aktivierung und vollkommene Bewusstmachung aller Lebensschritte des Odysseus, auf eine Neugeburt auf höherer Stufe,[72] hinweist. Bei Kalypso ist Odysseus abgestumpft und passiv geworden, auf Scheria wird er all seine Erlebnisse erzählen und innerlich noch einmal durchleben können, was ihn zur „Erleuchtung“ führt und ihn auf seine Rache auf Ithaka vorbereitet. Jetzt ist also der Held noch „Holz“, auf Scheria wird er sich langsam in „Rauch“ verwandeln.
Kalypso wohnt in einer Höhle. Die Höhle als zweideutiges Symbol des Gegensatzpaares Tod-Leben[73] zeigt dem Leser der „Odyssee“ dass der Held, solange er in der Höhle lebt, geistig „tot“ ist und sobald er aus der Höhle (aus dem Mutterschoss) heraus kommt, (wieder) zu leben anfängt. Ausserdem hält Kalypso ihn körperlich lebend, aber geistig tot.
Die Göttin ist gerade mit Weben beschäftigt und macht damit einen Hinweis auf das Schicksal.[74], denn Gewobenes ist oft „(…)ein Symbol für die komplexen symbolischen Strukturen des Lebens und für die geheimen Muster des Schicksals“[75].
Die Natur, die auf der Insel beschrieben wird, verkörpert wiederum entweder den Tod wie: Pappel[76], Zypresse[77] oder das Leben oder die Wiedergeburt wie: Weinstock[78], Quellen[79]. Harmonie drückt die Tatsache aus, dass es vier[80] Quellen sind.
Der Held lebt in einem üppigen vegetativen Paradies mit einer wunderschönen Göttin, die ihm Tag und Nacht Gesellschaft leistet, es fehlt ihm äusserlich an nichts und doch will er nichts mehr, als nach Hause zu kommen, denn Ogygia ist nicht sein Platz, hier fühlt er sich nicht heimisch.
Hermes sagt der Kalypso, dass sie Odysseus frei geben muss. Die Göttin fügt sich dem Befehl, wenn auch widerwillig, denn sie hat Odysseus zum Gatten begehrt. Doch die Furcht vor der Rache des Zeus ist zu gross, und so geht sie an den Stand, wo ihr Geliebter sitzt und weint, weil er sich so sehr nach der Heimat verzehrt, und sagt ihm, er solle ein Floss bauen und sie verlassen. Odysseus misstraut der Göttin natürlich – wieso sollte sie ihn so plötzlich entlassen, wo sie ihn doch sonst immer so stark begehrt hat? Deshalb lässt der Listige die Göttin einen Eid schwören, dass sie ihm kein Unheil bereiten werde. Kalypso leistet den Schwur, versucht aber, Odysseus zum Bleiben zu bewegen, indem sie ihm weissagt, dass er noch viel Kummer erleiden müsse, bevor er nach Hause gelange. Ausserdem sei doch sie, Kalypso, viel schöner als Penelope, die Frau Odysseus’. Wenn er bei ihr bleibe, würde er ausserdem unsterblich werden. Doch des Helden Wunsch ist einzig die Rückkehr, gleichgültig, wie viel er noch erdulden muss. Odysseus hat erkannt, dass es wichtiger ist, eine Frau zu haben, die vielleicht nicht so schön ist, die man aber wirklich liebt. Er zieht ein befristetes Leben an der Seite seiner Frau dem ewigen Leben mit einer wunderschönen Frau vor, die er aber aus tiefstem Herzen heraus nicht will. Ich finde, er kann gar nicht anders, als nach Hause zu wollen, denn ohne Penelope ist er nicht vollständig; Penelope ist sein Gegenstück, ist der weibliche Teil, der die Einheit erzeugen kann, und diese Einheit drückt sich im Kind Telemachos aus, das sie gemeinsam gezeugt haben.
Sieben Jahre hat der vor Troja Kämpfende bei Kalypso verbracht. Die Sieben steht für die kosmische Ordnung, denn im Altertum kannte man sieben „Planeten“ (Sonne, Mond, Venus, Merkur, Mars, Jupiter, Saturn), welche den Wochentagen ihre Namen gaben. Die vier Phasen des Mondes dauern je sieben Tage, wodurch die Sieben auch ein Symbol der Phasen ist, die man durchwandern muss. Die Sieben ist des weiteren die Summe aus dem Himmlischen (Drei) und dem Irdischen (Vier).[81] Sieben Jahre hat also der Turnus gedauert, den Odysseus bei Kalypso hat durchschreiten, durchleben müssen. Diese Zeit kann als Initiation betrachtet werden, als Einweihungsstufen, die zur „Erkenntnis über das geistig-leibliche Wechselspiel der Weltkräfte“ führen.[82] Kalypso ist eine Nymphe, ist damit untrennbar mit dem Wasser verbunden; sie kennt die Geheimnisse des Urstoffs Wasser, aus dem das Leben entstanden ist, sie weiss von den Mysterien des Daseins, von den Regeln der Weltordnung und vermittelt diese Einsichten dem Odysseus während ihrer körperlichen Vereinigungen.[83]
Die Ogygia-Zeit ist durch die Isolation auf der Insel, durch die Gefangenschaft eine Phase der Besinnung, des seelischen Schmerzes, der Trauer, Sehnsucht, Meditation, des In-Sich-Hineinfühlens, der Passivität, des Geduldens und Ausharrens. Sie ist eine lange Pause, eine äussere Stagnation, aber durch das Lernen, zu warten und sich zu gedulden, auch eine innere Reifung. Sicher hätte Odysseus schon früher versuchen können, sich ein Floss zu bauen und von der Insel zu fliehen, doch er wäre gescheitert, weil die Zeit dafür noch nicht reif gewesen wäre und weil Kalypso es nicht gut geheissen hätte. Er hätte die Göttin bedrohen können, er hätte versuchen können, sie zu überlisten, er hätte in einem passenden Moment unbeobachtet ein Floss bauen und heimlich in See stechen können, er hätte versuchen können, mit Flehen seine Freilassung gewährt zu bekommen, aber er hat nichts dergleichen unternommen. Sieben Jahre hat Odysseus gewartet, ausgehalten; dies ist eine sehr, sehr lange Zeit, wenn man bedenkt, dass er davor schon 13 Jahren von Ithaka fort gewesen ist. Es läge deshalb nahe, dass der Dulder aktiv geworden wäre, um von dieser Insel weg zu kommen, aber genau das ist seine Prüfung bei Kalypso gewesen: eine unglaublich lange Zeit zu warten ohne seine Heimfahrt erzwingen zu wollen. Diesmal sind es nicht List oder Stärke gewesen, die geprüft worden sind, sondern Geduld und gute Nerven. Odysseus hat gelernt, sein Schicksal anzunehmen, hat gelernt, dass alles so kommen muss wie es muss, ohne dass er viel dazu beitragen kann. Der Held verbringt die Wartezeit in Trauer und in einer „Todesstarre“, die ihn vom aktiven Leben ausserhalb Ogygias abhält. Überhaupt kann Odysseus passiver nicht sein. Denn die Geschlechterrollen sind hier vertauscht: normalerweise ist der Mann der Ernährer, der sich eine Geliebte zum Vergnügen hält. Auf Ogygia ist es gerade umgekehrt. Kalypso ist der patriarchalische Teil; sie ist der Verköstiger, der sich aus Lust einen Bettgefährten hält.[84]
An diesem Abend schlafen der Held und die Nymphe ein letztes Mal miteinander, und Kalypso gewährt ihrem „Sohn-Geliebten“ eine letzte Einsicht in die kosmische Weltordnung.
Am nächsten Morgen beginnt Odysseus mit dem Bau eines Flosses aus 20 Baumstämmen – so viele Tage wird er unterwegs sein, bevor er nach Scheria kommt. Vier Tage braucht er, um das Floss fertig zu stellen: die Vier symbolisiert Vollständigkeit[85]. Am fünften Tag sticht er mit den Gaben der Kalypso ins Meer. Die Fünf steht für den Menschen[86], dies zeigt, dass der Dulder mit dem Besteigen des Flosses seine Ogygia-Passivität verliert und wieder zum aktiven Menschen wird.
4.4.2. Flossfahrt[87]
Siebzehn Tage fährt de Held, am achtzehnten erscheint Scheria „wie ein Schild in dem dunstigen Meere“[88], das heisst als rettendes, schützendes Land. Doch zur selben Zeit entdeckt Poseidon den Flossfahrer und lässt einen Sturm aufkommen, um Odysseus die Anfahrt nach Scheria so unangenehm wie möglich zu machen. Der Listenreiche fürchtet um sein Leben, doch noch schlimmer als der mögliche Tod erscheint ihm die Tatsache, dass er hier, allein auf offenem Meer kein ehrenvolles Begräbnis und keinen Ruhm erhalten würde. Die Wogen wirbeln sein Schiff umher, das tragende Mittel der Ogygia-Zeit. Odysseus wird untergetaucht, und Kalypsos Kleider ziehen ihn zusätzlich nach unten. Die Gaben der Göttin sind hilfreich und tragend, solange das Meer glatt ist, sobald aber der Sturm des Lebens aufkommt, wird das tragende Element (Floss) beschädigt und das schützende Element (Kleidung) ist sogar behinderlich beim Überstehen des Sturmes. Odysseus taucht schliesslich wieder aus dem Meer, welches das Unbewusste symbolisiert[89], auf und schafft es, zu seinem demolierten Floss zu schwimmen und sich darauf zu setzen. Die Meeresgöttin Ino Leukothea hat Erbarmen mit Odysseus, erscheint ihm in Gestalt eines Tauchervogels und weist ihn an, sich seiner Kleider zu entledigen und sich dafür ihr Kopftuch um die Brust zu binden und sein Floss zu verlassen, um schwimmend nach Scheria zu gelangen. Ino Leukothea kann mit der Selbstüberwindung, der „transzendenten Funktion“[90], gleichgesetzt werden, dem Mut, etwas zu wagen, auch wenn es daneben gehen könnte.[91] Odysseus muss also seine eigenen Grenzen übersteigen, doch vorerst getraut er sich noch nicht, scheint ihm der gute Rat zu waghalsig, wer weiss, ob es nicht eine Falle ist und irgend ein Gott ihn ins Verderben stürzen will. Lieber bleibt er so lange wie möglich auf dem Floss und schwimmt erst, wenn das Land ganz nahe ist. Odysseus hat also den Einfall (in Gestalt der Ino Leukothea) gehabt, sich von allem vermeintlich Nützlichen zu trennen, doch nun kommen ihm Zweifel und er will mit der Umsetzung seiner Idee noch warten. Zu viel Überwindung kostet es, in absoluter Einsamkeit in einem tobenden Meer alle vermeintliche Sicherheit aufzugeben, los zu lassen, um ins Ungewisse zu springen. Odysseus muss lernen, dass, was einmal hilfreich gewesen ist, in einer anderen Situation den Untergang bewirken kann. Die Lage fordert ein immenses Mass an Mut, Zuversicht und Vertrauen vom Protagonisten. Vollkommen nackt, schutzlos, mit nichts als dem blossen Körper soll er sich in die bedrohlichen Fluten werfen.[92] Immer noch zögert der Held, doch eine riesige Welle zerschlägt ihm das Floss, sodass er gezwungen ist zu schwimmen. Er zieht die Kleider aus, bindet sich das Kopftuch (= Zuversicht), das ihn schützen soll, um die Brust und treibt im endlosen Meer. Dies ist der Nullpunkt seiner Reisen[93], losgelöst von allem Vorherigen treibt er nackt wie ein Embryo im Mutterleib des Meeres. Er hat nichts mehr und ist nichts mehr. Sein Troja-Helden-Ich hat er bereits auf der Irrfahrt verloren, jetzt aber sind auch noch alle seit Kalypso übrig gebliebenen Erfahrungen seines Irrfahrten-Erkenntnis-Ichs ins Unbewusste versunken, er ist nur noch eine inhaltslose menschliche Hülle in diesem Moment.
Am dritten Tag gelingt es dem Schiffbrüchigen, in eine Flussmündung der Insel zu schwimmen und dort an Land zu gehen. Da die Drei die Zahl der Vollkommenheit, der Ganzheit aller Aspekte des Lebens ist[94], kann man die Flossfahrt in drei Stufen unterteilen: Flossfahrt = Leben, nacktes Umhertreiben = Sterben, Erreichen von Scheria = (Wieder)geburt.
An Land fürchtet Odysseus, entweder zu erfrieren oder von wilden Tieren gefressen zu werden, gegen die er sich nicht wehren könnte, schwach wie er ist. Das am Flussufer beschriebene Schilfrohr weist auf seine Schwäche und seinen Wankelmut hin.[95] Somit sucht sich der Held ein Lager unter zwei dicht verwachsenen Olivenbäumen, welche Schutz vor Wind und Sonne bieten und wo er sich in und unter einen Haufen Blätter bettet. Das Schutzdach der Olivenbäume weist auf den zukünftigen Sieg und das lange Leben des Protagonisten hin. Ausserdem ist der Olivenbaum der Athene geweiht[96], was zeigt, dass der Held unter dem Schutz dieser Göttin steht. So behütet, fällt Odysseus in einen regenerierenden Schlaf.
4.4.3. Nausikaa[97]
Nausikaa, die Tochter des Scheriakönigs Alkinoos, macht sich – durch Athene dazu
bewogen – mit ihren Mägden auf, um am Fluss die Kleider für ihre bevorstehende Hochzeit zu waschen. Die Mädchen spielen nach getaner Arbeit Ball, doch Athene lässt einmal den Ball weg driften, worauf die Mädchen laut aufschreien und damit Odysseus wecken. Diese „Erweckung“ bedeutet den Anfang von Odysseus Wiedererlangung seiner Identität[98] und seiner Erkenntnis, die er teils bei Kalypso, teils im Meer verloren hat.
Der Nackte verlässt seinen Schlafplatz und geht, schrecklich anzuschauen, die Scham nur mit einem Ast bedeckend, auf die Mädchen zu. Diese erschrecken sich und rennen davon, nur Nausikaa bleibt stehen. Da überlegt sich der Gestrandete, ob er des Mädchens Knie umfassen soll oder fernab von ihm stehend, es anflehen solle. Noch in dieser Notsituation behält er einen kühlen Kopf, denn er weiss, dass er es sich nicht verscherzen darf mit diesem Mädchen vor ihm, das seine einzige Hoffnung auf seine physische Wiederherstellung ist. Würde auch es sich abwenden, wäre er in seiner animalischen Nacktheit wieder allein und wäre auf seiner Wieder-Mensch-Werdung, oder besser: Wieder-Odysseus-Werdung (d. h. der Reinkarnation des Troja- und des Irrfahrten-Odysseus) keinen Schritt weiter gekommen. Kühl berechnend entschliesst er sich zu der zweiten Variante, weil das Mädchen sich andernfalls erschrecken könnte, und gewinnt seine Gunst mit einer schmeichelnden Rede. Der Held stellt sich dabei nicht vor, weil er das auch gar nicht kann; in diesem Moment ist er nicht „Odysseus“, in diesem Moment ist er nichts als ein nackter, identitätsloser Mann.[99] Nausikaa verspricht ihm Hilfe und weist ihre Mägde an, den Schiffbrüchigen zu waschen und zu salben. Odysseus tut dies jedoch lieber selbst. Mit dem Bad widerfährt ihm Reinigung, er spült die Salzkrusten des Meeres ab, die ihm die Haut verklebt haben, wirft die Altlasten des Erkenntnis wegspülenden Unbewussten (Meer) fort. Wie ein Kind, das aus dem Mutterleib des Unbewussten ins Bewusstsein, in die Welt, geboren wird und das man von der blutigen Hinterlassenschaft des Mutterleibs reinigen muss, muss auch Odysseus sich von Salz des Unbewussten, des Meeres, reinigen, um ins Leben treten zu können. Dies ist die erste Stufe seiner äusserlichen Menschwerdung, der negative Altballast des Meeres bedeckt ihn nicht mehr, nun ist er neutral und bereit für die nächste Stufe: die Bekleidung, die ihm die Würde eines Menschen zurück gibt. Als letzten Schritt bekommt er zu trinken und zu essen, womit seine Lebenskräfte wieder regeneriert sind und er zumindest äusserlich wieder Mensch ist. Danach begleitet Nausikaa Odysseus zur Stadt und rät ihm, im Palast zu ihrer Mutter Arete zu flehen, die geehrt wird wie eine Göttin.
4.4.4. Annäherung an die Phaiaken[100]
Athene giesst einen Nebel um Odysseus, damit er unbeobachtet in den Königssaal gelangt, denn die Phaiaken sind gegenüber Fremden nicht freundlich eingestellt. Der Nebel steht für den Übergang[101] des Odysseus als physisch wieder hergestelltem Mensch zum zusätzlich psychisch rekonstruierten Helden und Lebensweisen.
Der Dulder wirft sich der Königin Arete an die Knie und bittet sie um ein Heimgeleit. Danach setzt er sich beim Herd in die Asche, welche den Tod symbolisiert[102] und den Anwesenden zeigt, dass er innerlich „tot“ ist. Der erstaunte König Alkinoos nimmt den unerwarteten Gast bei der Hand und zieht ihn aus der Asche, was auf die Wiedergeburt des Odysseus durch die Phaiaken, durch Alkinoos, hindeutet. Der König sagt den Fürsten im Saal, dass der Fremde eventuell ein Gott sei und richtet damit Odysseus Blick erstmals wieder auf sich selber, was Voraussetzung ist für seine innere Wiedererkennung.[103] Odysseus dementiert diese vom König aufgeworfene Möglichkeit und bezeichnet sich als einen Leidenden, der nichts stärker begehrt als in die Heimat zu kommen.
Als Arete die Kleidung des Odysseus als die königliche Kleidung aus ihrem eigenen Haus erkennt, fragt sie ihn direkt, woher er komme und woher er die Kleider habe. Odysseus weicht aus, erzählt von seiner verlorenen Mannschaft und von Ogygia und dass er schliesslich am zwanzigsten Tag schwimmend auf Scheria angelangt sei; seinen Namen und seine Herkunft verschweigt er, weil er noch nicht seine Identität wieder erlangt hat, weil er noch nicht wieder der ruhmvolle Held und König Odysseus von Ithaka ist, sondern bloss ein Hilfesuchender, ein leidender Namenloser.[104]
Nach Jungs Tiefenpsychologie muss der Schiffsbrüchige zuerst seine „Persona“ rekonstruieren, bevor er sagen kann, wer er ist. Die Persona ist die „(…) Berufs- und Konventionsmaske, die sich jeder Mensch im Alltag zulegen muss“ [105]. Vor seinen Irrfahren ist Odysseus der Listenreiche, der Geschickte, der Krieger gewesen, der vor Troja gekämpft und die Niederlage der Stadt herbei geführt hat. Er ist ein Held gewesen und hat sich auch so benommen. Die Erwartungen, die man an ihn gestellt hat, hat er erfüllt. Auf seiner Irrreise jedoch hat Odysseus erfahren müssen, dass er sich als Held nicht immer bestätigen kann, er hat viele Niederlagen erlebt, die dazu geführt haben, dass seine Persona, sein Heldenimage, zu bröckeln begann. Auf Scheria muss er sich also diese seine Heldenpersona, seine Troja-Odysseus-Persona wieder aufbauen. Allerdings wird sie nie mehr so dominant wie vor der Irrfahrt sein, was man daran sieht, dass Odysseus später zuerst als Bettler in Ithaka auftreten wird und nicht als strahlender Held. Dieser Dominanzverlust der Persona ist positiv, da sie ja nur eine Fassade, eine Äusserlichkeit ist, die, wenn sie zu mächtig wird, den eigentlichen Menschen verdeckt.
Alkinoos bietet Odysseus seine Tochter zur Frau an – dieses Angebot und auch die vorherige Erwägung, der Fremde könne ein Gott sein, stärken Odysseus Selbstvertrauen, zeigen ihm, dass er doch mehr ist als ein von Kummer und Schmerz Gezeichneter.[106]
4.4.5. Das Wiedererwachen[107]
Am nächsten Tag beruft Alkinoos eine Versammlung ein und verkündet, dass er dem Fremden ein Heimgeleit geben will. Die Untertanen sollen alles Nötige bereit stellen, während die Herren dem Unglücklichen ein Gastmahl gewähren. Der anwesende Sänger singt vom Streit des Odysseus mit Achill, was zur Folge hat, dass er dem gebrochenen Helden einen Spiegel vorhält, in dem er sehen kann, wer er einst gewesen ist. Odysseus weint darob. Seine so ruhmreiche Vergangenheit, die von der zehnjährigen Leidensirrfahrt überdeckt worden ist, kommt nun mit einem Schlag in sein Bewusstsein zurück.[108] Doch er ist noch nicht so weit, dass er sich mit diesem Troja-Odysseus identifizieren kann, weshalb er seinen Namen weiterhin verschweigt.[109] Alkinoos allein bemerkt die Tränen seines Gastes; er fragt aber nicht nach deren Ursache, sondern beordert die Phaiaken, einen Wettkampf zu veranstalten, um Odysseus abzulenken. Der Gast wird aufgefordert, an den Spielen teilzuhaben, doch er lehnt ab. Da beleidigt ein Phaiake ihn, sagt er sei bestimmt kein Kämpfer, sondern ein Händler, da er sich vor körperlicher Anstrengung drücke. Durch diese Anschuldigung provoziert, muss natürlich der Protagonist beweisen, dass er ein starker, geschickter Mann ist, weshalb er sich – ohne den Mantel abzulegen – eine grössere, schwerere Wurfscheibe greift als die, mit denen die Phaiaken werfen, und diese weit über alle anderen hinaus wirft. Odysseus bewährt sich zum ersten Mal wieder in einem Wettkampf, was ihm weiter Selbstbewusstsein vermittelt. Er erkennt, dass er an Kraft nichts eingebüsst hat auf seinen langen Irrfahrten, er ist wieder zum Troja-Odysseus geworden, weshalb er zum ersten Mal einen Teil seiner Persönlichkeit frei legt, indem er sagt, dass er bei den Achaiern vor Troja gekämpft habe.[110]
Der Phaiake, der Odysseus beleidigt hat, schenkt ihm als Entschuldigung ein Schwert, die Fürsten von Scheria geben dem Helden reiche Gaben, was für ihn bedeutet, dass seine trojische Heldenidentität bestätigt wird, denn in Troja hat er für seine Kämpfe und Taten reiche Gaben erhalten und nun bekommt er für seine Wettkampfbewährung Geschenke.[111] Odysseus macht einen Knoten über der Truhe mit den Schätzen, was seine Zugehörigkeit zu ihnen, seine Verknüpfung[112] mit seiner materiell gewordenen Trojavergangenheit symbolisiert.
Danach fordert er den Sänger auf, vom Trojanischen Pferd, der letzten Troja-Episode zu singen, welche direkt zu den Irrfahrten überleitet[113]. Sein Troja-Ich hat er wieder erlangt, durch die Gesangsaufforderung (bei der er bereits seinen Namen nennt aber so, als ob dieser einem anderen gehören würde[114]) will er sehen, ob er auch sein Irrfahrten-Ich wieder erlangt hat. Odysseus kommen erneut Tränen, als er dem Lied lauscht, was zeigt, dass er die Reidentifizierung mit seinem Irrfahrten-Ich noch nicht hat vollziehen können. Diesmal ignoriert Alkinoos das Jammern seines Gastes nicht, sondern fragt ihn, wer er sei und warum er weine, wenn von Troja gesungen werde. Alkinoos weiss, dass der Fremde in Troja gewesen ist und dort als einer der Besten gekämpft hat. Er versteht aber nicht, warum der Gast darob weint, eigentlich müsste er doch stolz auf seine Kampfeserfahrungen sein. Es besteht in den Augen Alkinoos’ also kein Grund, über der Erzählung von Troja in Tränen auszubrechen, es sei denn, der Gast habe dort einen lieben Gefährten verloren – oder es sei ihm etwas Schlimmes widerfahren, was unmittelbar mit Troja zusammen hänge.
4.4.6. Die Kikonen[115]
Diesmal weicht Odysseus den Fragen nach seinem Namen nicht aus, es besteht auch kein Anlass dazu, er hat ja das Troja-Ich, das seinem Namen würdig ist, zurück erlangt. Jetzt geht es darum, das Irrfahrten-Ich zurück zu erobern. Durch die Erzählung seiner langen Reise vergegenwärtigt er sich seine Erlebnisse, gelingt es ihm, die Erkenntnisse, die er gewonnen hat, in sein Bewusstsein zurück zu holen. Aus dem armen Leidenden, der aus dem Meer gestiegen ist, ist also in einem ersten Schritt der starke, listenreiche Trojaheld geworden, und in einem zweiten Schritt wird er seine Erfahrungen und Lehren, welche er auf seiner Lebensreise durchlebt hat, wieder erkennen. Odysseus nennt also seinen Namen und woher er kommt und beginnt sofort mit der Erzählung seiner Irrfahrt.
Nach der Abfahrt von Troja kommen die zwölf Schiffe des Odysseus (die Zwölf ist eine kosmische Zahl: Zwölf Tierkreiszeichen[116])nach Ismaros zu den Kikonen, wo die Griechen einen Raubzug durchführen, die Häuser zerstören, die Männer ermorden und reiche Beute machen. Obwohl der Ithaka-Fürst danach zur Weiterfahrt drängt, hören die Gefährten nicht auf ihn, sondern festen und betrinken sich. In der Zwischenzeit holen die Überlebenden Hilfe bei benachbarten Kikonen, welche am nächsten Morgen auftauchen und mit den Achaiern kämpfen. Bis zum Abend sind sechs Männer von jedem Schiff gefallen, die anderen können sich retten und segeln eiligst fort. Die Kikonen-Episode zeigt, dass man wissen muss, wann etwas genug ist. Man muss Mass halten und Gefahren richtig abschätzen können, man muss seine Triebe unter Kontrolle halten und sein eigenes Wollen gegenüber den eventuellen Risiken abwägen können. Man sollte auf den Rat eines anderen hören und darüber nachdenken, ob er nicht Recht haben könnte. Odysseus ist der Besonnene, welcher die Folgen seines Tun sieht, welcher nicht nur im Moment lebt, sondern auch an die Zukunft denkt, während seine Gefährten sich ungehemmt ihren Trieben hin geben ohne an mögliche Gefahren zu denken.[117]
4.4.7 Die Lotophagen[118].
Bei Maleia treiben Nordwind und Strömung die Schiffe ab, wodurch sie schliesslich ans Land der Lotophagen kommen. Dort essen manche der Gefährten von der süssen Lotosfrucht, welche die freundlichen Lotophagen anbieten, und vergessen dadurch der Heimfahrt und wollen auf immer bei den Lotophagen bleiben. Erst mit Gewalt bringt Odysseus diese Gefährten in die Schiffe zurück. Das Lotophagenland stellt eine Grenze dar zwischen realer und mythischer Welt, zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein.[119] Wenn man die Reise des Odysseus als geistige, innerseelische Reise sieht, hat ihm etwas Äusseres (Wind, Strömung) den Anstoss gegeben, seinen üblichen, direkten Gedankenweg zu verlassen und sich in unbekannte Gefilde zu begeben. Das Lotophagenland symbolisiert also das Tor zum Unbewussten. Der Held dringt von nun an in jene Zonen seines Ichs vor, die er bisher nicht wahrgenommen hat oder nicht wahrnehmen wollte.
Von nun an kann die „Odyssee“ als Archetypuserzählung nach C. G. Jungs Psychoanalyse gedeutet werden.. Dabei werden nicht alle Figuren auf subjektaler Ebene, als innerseelische Aspekte, als bestimmte Charakterzüge des Menschen Odysseus, gedeutet, sondern auch auf objektaler Ebene, als äussere Gefahren und Begegnungen im Leben dieses Menschen. [120]
In diesem Sinne kostet ein Teil des Menschen Odysseus von der vergessen machenden Lotosfrucht und ist damit bereit, sich ins Unbewusste treiben zu lassen, während ein anderer Teil „vernünftig“ bleibt und von der Schwelle zwischen Mystischem und Realen lieber wieder ins Reale, ins Bewusste zurück will und vom Unbewussten weiterhin nichts wissen will. Der Mensch Odysseus ist hier also eine gespaltene Persönlichkeit, einerseits will er das Unbewusste entdecken, andererseits drängt es ihn, diese Teile seiner Psyche zu verlassen und in die vertrauten, bewussten Regionen (nach Ithaka) zurück zu kehren. Doch einige „Gefährten“ haben von der Lotosfrucht gekostet, weshalb eine Reise ins Unbewusste unvermeidlich ist.
4.4.8. Polyphem[121]
Odysseus (das heisst der Hauptaspekt „Odysseus“ und all seine „Gefährten“, die Nebenaspekte seiner Seele) kommt zum „(…) Lande der Kyklopen, der übergewaltigen, gesetzlosen, die, sich auf die Götter verlassend, die unsterblichen, weder Gewächse pflanzen mit den Händen noch pflügen, (…)“[122]. Die riesenhaften Kyklopen sind anarchistische Kerle, die unzivilisiert leben und keine Scheu vor den Göttern oder vor anderen Menschen haben. Sie sind vergleichbar mit den Riesen in den deutschen Märchen.
Die Schiffe ankern an einer der Kyklopeninsel vorgelagerten Insel, auf welcher nur Ziegen hausen. Diese wilden Ziegen weisen auf die ungezähmte Begierde[123] des Odysseus hin. Er verkleinert diesen negativen Aspekt seines Charakters, indem er einige der Tiere schlachtet. Da diese erste Station im Unbewussten gut verlaufen ist und da er jetzt, wo er im Unbewussten ist, draufgängerisch wird, will „Odysseus“ wissen, was sich auf der gegenüber liegenden Insel verbirgt. Die Entdeckung der Kyklopeninsel geschieht also nicht willkürlich, sondern einzig und allein, weil „Odysseus“ erstens so neugierig ist und weil er zweitens habgierig ist, erhofft er sich doch von den Bewohnern der Insel ein Gastgeschenk. Im übertragenen Sinn hofft er, auf dieser Insel in seinem Unbewussten etwas zu erfahren, etwas zu lernen.
Er und einige seiner „Gefährten“ rudern also auf die Kyklopeninsel, wo sie eine Höhle entdecken, in der viel Käse und Molke gelagert ist. Diesmal ist es „Odysseus“ der sich von seinen „Gefährten“ nicht dazu überreden lässt, von den Esswaren zu nehmen und die Insel zu verlassen. Er will diesen Teil seines Unbewussten entdecken, auch wenn er dabei das Risiko eingeht, Schreckliches zu erfahren.
Als der Hirte Polyphem mit seinen Ziegen und Schafen in die Höhle kommt, setzt er einen mächtigen Stein vor den Eingang, was bedeutet, dass die Höhle zu einem Gefängnis geworden ist. Polyphem bemerkt die Fremden und sagt auf die Aufforderung des „Odysseus“, ihm ein Gastgeschenk zu geben, dass er die Götter nicht scheue und dass er nichts geben werde. Er greift sich darauf zwei der „Gefährten“, schlägt sie tot und isst sie. Am nächsten Morgen verfährt er gleich mit weiteren zwei „Gefährten“. Innerseelisch gedeutet, zeigt dieses Auffressen die unbewusste Angst des Odysseus vor seiner eigenen Unkultiviertheit, seinen ungezügelten Impulsen[124] (die alle Menschen in sich tragen), die einmal hervor kommen und in wildem Jähzorn kultivierte Teilaspekte seiner Seele verschlingen und somit Überhand bekommen könnten. Nach Jung kann man Polyphem als „Schatten“ bezeichnen. Der Schatten ist das Verdrängte in der Seele einer Person, dieser Aspektbereich, welcher ein Mensch lieber unter Verschluss hält, „(…) weil er seinen moralischen, ästhetischen und auch narzisstischen Standards nicht entspricht“.[125]
Der Kyklop hat nur ein einziges Auge, was zeigt, dass er einen beschränkteren Zugang hat zum Seelisch-Geistigen, zu Innenschau und Weisheit[126].
„Odysseus“ macht Polyphem mit dem mitgebrachten Wein betrunken und sagt ihm auf die Frage, wie er heisse, sein Name sei „Niemand“. Diese Antwort macht deutlich, dass „Odysseus“ voraus gedacht hat, dass er vermuten kann, wie der Kyklop später reagieren wird. Dies setzt voraus, dass „Odysseus“ ebenfalls ein bisschen böse, ein bisschen „riesenhaft“, ist, denn sonst könnte er Polyphems Verhalten nicht erahnen.[127]
Als der Riese vom Wein berauscht schläft, rammen ihm die Gefangenen einen zuvor zugespitzten und im Feuer gehärteten Holzpfahl ins Auge, das ausläuft und den Riesen somit blind macht. „Odysseus“ hat seine in sich schlummernde Unkultiviertheit also nicht vollkommen besiegt, aber doch grösstenteils unschädlich gemacht.
Polyphem schreit vor Schmerz laut auf. Den anderen Kyklopen, die sein Schreien gehört haben und ihn fragen, was los sei, antwortet er, „Niemand“ wolle ihn erschlagen. Diese Episode zeigt, dass die Ungeschlachtheit roher Gewalt dem vernünftig denkenden Menschen physisch überlegen, aber im Geistigen unterlegen ist.
Schliesslich schiebt der Riese den Stein vom Eingang weg und setzt sich selbst davor, um die Männer, wenn sie fliehen wollten, zu packen und zu töten. „Odysseus“ heisst seine „Gefährten“ sich unter den Bäuchen von dicken Hammeln fest zu halten und so dem Menschenfresser zu entgehen. Indem sie die Oberflächlichkeit verlassen (d. h. alles, was Polyphem von oben her berührt) und sich in die Tiefgründigkeit (unter die Bäuche der Tiere) begeben, können sie sich von der blinden Wut (Polyphem) distanzieren.
Die Männer retten sich auf ihr Schiff und verlassen die Insel. „Odysseus“ ruft dem Kyklopen als Genugtuung seinen wahren Namen zu; Polyphem erinnert sich an eine Prophezeiung. Er hat gewusst, dass ein „Odysseus“ ihn blenden werde, doch er hat sich jemand Grosses, ihm körperlich Ebenbürtiges, vorgestellt. Dies zeigt, dass man seinen Gegner nie unterschätzen sollte, dass ein äusserlich „Geringer“ vielleicht mehr vollbringen kann als man auf den ersten Blick meint.
Polyphem wirft Felsblöcke nach dem Schiff, verfehlt es aber jeweils knapp, was einen Hinweis gibt auf die folgenden rund zehn Jahre, in denen „Odysseus“ jeweils nur knapp dem Verderben entrinnt.
Der Riese verflucht seinen Blender, indem er seinen Vater Poseidon gegen ihn aufhetzt. Hätte „Odysseus“ geschwiegen und nicht in seiner Eitelkeit seinen Namen genannt, hätte der Zyklop „Niemand“ verflucht, und dem Menschen Odysseus wäre die zehnjährige Leidensfahrt erspart geblieben. Das Vergehen besteht also nicht in der Selbstverteidigung der Blendung, sondern in der Prahlerei nach dem Sieg. „Hochmut kommt vor dem Fall“, ist das Sprichwort, welches „Odysseus“ gekannt haben müsste, um sich vor dem Fluch zu bewahren.
Später opfert „Odysseus“ den Lieblingswidder des Kyklopen und tötet somit die Männlichkeit, Wildheit, Kraft und Aggressivität, welche der Widder symbolisiert[128] und welche unweigerliche Attribute des Kyklopen sind, womit nochmals der (vermeintliche) Sieg über den Kyklopen dargestellt wird.
Polyphem kann auch als Natur an sich interpretiert werden, die, solange sie von den Menschen nicht gestört wird, idyllisch und harmonisch ist. Sobald aber Menschen unbefugt in ihren Bereich eindringen, zeigt sie sich gewalttätig und tötet die Menschen. Um die Natur zu „zähmen“, um sie gefahrenlos zu machen, bedienen sich die Menschen ihrer Vernunft und der Technik (zugespitzter Holzpfahl).[129]
„Odysseus“ ist im Grunde keine andere Wahl geblieben, als den bedrohlichen Zyklopen zu blenden. Den Stein hätte er nicht allein vom Eingang wegrollen können, Polyphem zu töten, hätte nichts gebracht. Einen anderen Ausgang hat die Höhle nicht und sich einfach fressen zu lassen, kann nicht Sinn der Sache sein. Odysseus hat sich auf die Erkundung seines Unbewussten eingelassen und muss somit damit rechnen, nicht nur Schönes zu erleben, sondern auch viel Beängstigendes durchzumachen. Er kann nur durch das Entdecken, Wahrnehmen und Analysieren seiner unbewussten Seelenzustände zu dem werden, was er am Schluss des Epos ist. Ich sehe seine Reise auch als Traum oder Träume, die er schliesslich im Meer nach Kalypso vergisst und die er, nach seinem Aufwachen auf Scheria, den Phaiaken (seinen Therapeuten) erzählt und für sich analysiert.
4.4.9. Aiolos[130]
Odysseus kommt zur Insel des Aiolos, des Gottes der Winde, der zwölf Kinder hat, sechs Töchter und sechs Söhne, die er miteinander vermählt hat. Für Ortrud Stumpfe stellt sich hier die „Zwölfheit des Sonnenrhythmus“[131] dar.
Einen Monat wohnt Odysseus bei ihm, bevor er ihn um Geleit bittet. Aiolos gibt ihm einen Lederschlauch, in dem die für die Heimfahrt nach Ithaka schädigenden Winde eingeschlossen sind. Nur der Westwind lässt er draussen, damit die Schiffe ungehindert in die Heimat gelangen. Neun Tage fahren sie, und „Odysseus“ führt immer das Ruder. Am zehnten Tag zeigen sich die Feuerwachen der Heimat, doch „Odysseus“ schläft ein, d. h. er verliert die Kontrolle über die Situation. Dies nützen seine „Gefährten“ aus, die aus Neugier und Eifersucht den Schlauch öffnen, weil sie meinen, es seien wertvolle Geschenke des Aiolos drin. Wilde, zügellose Triebe brechen also aus, sobald das Ich sich nicht mehr auf sie konzentriert und sie somit nicht zurück halten kann, und sie setzten etwas in Gang, was sich als negativ erweist. Die Winde fahren sofort heraus und schleudern die Schiffe weit von Ithaka weg. Dies hat so geschehen müssen, denn Odysseus ist noch nicht reif für seine Rückkehr, er hat die Entdeckung seines innersten Ichs noch nicht abgeschlossen, er muss weitere Einsichten gewinnen, bevor er sich auf Ithaka zurück lehnen kann.
„Odysseus“ in seiner Verzweiflung denkt an Selbstmord, verwirft den Gedanken aber doch. Die Schiffe kommen wieder zur Aiolos-Insel, und „Odysseus“ versucht, noch einmal ein Geleit vom Herrn der Winde zu bekommen, doch dieser schickt die Unglücklichen fort, da es ihm nicht erlaubt ist, diejenigen zu leiten, die den Göttern verhasst sind.
Die Aiolos-Sequenz erinnert mich an Sysiphos (Die Arbeit, die kurz vor dem Ziel steht, zerfällt und muss von vorne begonnen werden.) und Pandora (Unerlaubterweise wird der Behälter, der das Verderben enthält, geöffnet.). Die „Gefährten“ haben das Schicksal erfüllt, indem sie etwas Verbotenes gemacht haben, indem ihre Neugier, ihr Misstrauen und ihr Neid der Gesamtperson Odysseus geschadet haben und sie von ihrem Ziel entfernt haben.
Man mag sich fragen, weshalb „Odysseus“ den „Gefährten“ nicht gesagt hat, was im Schlauch ist und warum sie ihn nicht öffnen dürfen. Vielleicht wäre das Unglück dann nicht geschehen, aber wahrscheinlich wäre es doch passiert, weil die „Gefährten“ ihrem „Anführer“ nicht geglaubt hätten und weil es durch den Fluch Polyphems eine Unabdingbarkeit ist, dass die Irrfahrt sehr lange dauern wird.
4.4.10. Die Laistrygonen[132]
Am siebten Rudertag gelangen die Schiffe nach Telepylos, wo alle Schiffe ausser dem des „Odysseus“ in eine Bucht mit sehr schmalem Eingang hinein fahren. „Odysseus“ schickt drei „Gefährten“ aus, die erkunden sollen, wer hier lebt. Sie stossen auf ein Mädchen, das ihnen den Weg zum Palast des Vaters weist. Dieser ergreift gleich den einen der Männer und bereitet ihn sich zum Mahl. Die anderen fliehen, der König jedoch lässt sie von seinen Laistrygonen verfolgen. In der Bucht, die sich als Falle erweist, werden alle „Gefährten“ getötet. Nur „Odysseus’“ Schiff, das ausserhalb der Bucht geankert hat, kann entkommen. „Odysseus“ weiss, dass er für die „Gefährten“ nichts tun kann, die Laistrygonen würden auch ihn überwältigen, wenn er versuchen wurde, ihnen zu Hilfe zu kommen.
In der Laistrygonen-Szene sehe ich in der Grundstruktur eine Wiederholung der Polyphem-Szene mit dem Unterschied, dass wir es hier nicht mit wilden, urtümlichen Gestalten zu tun haben, die in Höhlen wohnen und kein Sozialgefüge haben. Die Laistrygonen, welche von riesenhafter Gestalt sind, zeigen sich auf den ersten Blick sehr wohl „zivilisiert“, sie wohnen z. B. in Städten und haben Versammlungen. Allerdings sehen sie in den „normalen“ Menschen anscheinend keine zu respektierenden Artgenossen, sondern Beute.
Für mich halten die Laistrygonen den Trojakämpfern den Spiegel vor. Zur Zeit der Handlung des Epos assen die Griechen sehr viel Fleisch. Odysseus hat – wie diese Szene zeigt – Angst, dass irgend jemand ihn genauso leicht töten, schlachten und essen könnte wie er z. B. einen Fisch oder ein Schaf oder ein Schwein tötet und isst. Beim Zyklopen hat er Angst gehabt, die Natur könnte ihn (den Menschen) töten, jetzt fürchtet er das Gegenteil: Jetzt ist er Vertreter der Natur („Und wie Fische spiessten sie sie auf…“[133]) und die Laistrygonen (die Menschen) wollen ihn töten.
„Odysseus“ muss den grössten Teil seiner „Gefährten“ los lassen. Menschen haben gewisse Teilaspekte des Menschen Odysseus zerstört; Oysseus weiss, dass er nicht intervenieren darf, weil diese Menschen sonst noch mehr anrichten würden. Modern umgesetzt wäre die Figur der Laistrygonen zum Beispiel eine unnachgiebige, verbissene Person in einer höheren Position (z. B. im Chefsessel), die einen für etwas schilt und bestraft. Weil man weiss, dass sie mehr Macht hat, versucht man gar nicht erst, sich auf einen Streit, eine Rechtfertigung einzulassen, sondern nimmt den Tadel, die Strafe wortlos an (was vielleicht unser Selbstvertrauen, unsere Freude am Job, unsere Kreativität, etc. tötet) und versucht, bei der nächstbesten Gelegenheit aus dem Wirkungskreis dieser Person weg zu kommen (z. B. durch Kündigung).
Dass die „Gefährten“ in die Bucht des Feindes hinein fahren, könnte uns sagen wollen, dass man nicht zu schnell zu nahe an unbekanntes Gefilde heran treten soll, d. h. dass man sich nicht voreilig unbekannten Leuten öffnen soll, weil man dann ein besseres Ziel für deren Angriffe ist. Es ist besser, anfangs ein wenig auf Distanz zu bleiben.
4.4.11. Kirke[134]
Alle seine „Gefährten“ sind ums Leben gekommen, bis auf die, die auf seinem Schiff fahren. Die Person Odysseus wird sich auf ihrer Reise zu ihrem Innersten allmählich von allen Nebenaspekten ihrer Seele befreien müssen bis sie nur noch sich selbst ist, bis sie nur noch „Odysseus“ ist.
Das Schiff stösst auf die Insel Aia, wo die „Gefährten“ drei Tage ruhen, während „Odysseus“ am dritten Tag die Insel erkundet. Auf einem Ausguck entdeckt er Rauch. Auf seinem Rückweg zu den „Gefährten“ begegnet ihm ein Hirsch, den er erlegt. Nach der Situationsumkehrung in Telepylos ist jetzt er wieder derjenige, der die Tiere tötet.
Der Hirsch ist ein Symbol für die Sonne[135], was auf Kirke voran weist, denn sie ist die Tochter des Sonnengottes Helios. Der Hirsch steht des weiteren für Erneuerung, Metamorphose, Ewigkeit, Vermittlung zwischen Himmel und Erde.[136] Er ist oft die Verkörperung eines unbewussten Faktors, der zu einem bedeutenden Ereignis führt.[137]
Die Mutter der Kirke ist Perse, welche Ortrud Stumpfe der Hekate gleich setzt.[138] Hekate aber ist die Göttin der Magie, Patronin der Hexen und Zauberer.[139]
Obwohl sie den Tag- und Nachtwechsel miterleben, verlieren die Männer auf Aia die Orientierung: „Wir wissen ja nicht, wo das Dunkel ist, und nicht, wo Morgen, auch nicht, wo Helios, der den Sterblichen scheint, unter die Erde geht und wo er wieder heraufkommt.“[140] Wahrscheinlich erlebt der Mensch Odysseus den Tag ebenso wie die Nacht, aber er sieht nicht, wo die Sonne auf- und wo sie untergeht. Aus dieser Orientierungslosigkeit heraus muss Odysseus zu den Bewohnern der Insel gehen, um sie um eine Wegweisung für die Weiterfahrt zu bitten. Anfängliche Orientierungslosigkeit kann also zu „magischer Einsicht“ führen oder aber, wenn man sich nicht vorsieht, zu primitiver Einsichtslosigkeit.
„Odysseus“ teilt seine „Mannschaft“ in zwei Gruppen, und lässt durch Los bestimmen, welche erkunden soll, wer auf Aia wohnt. Früher (à Zyklop) hätte er sich einige „Männer“ ausgesucht und wäre selbst auf Entdeckung gegangen, jetzt aber haben ihn die negativen Erlebnisse geprägt, seine Neugier hat nachgelassen. Das Los bestimmt die 22-köpfige Gruppe des „Eurylochos“, die sich sogleich klagend und angstvoll auf den Weg macht. Ängstlichkeit und Weinerlichkeit sind also Aspekte seines Selbst, die Odysseus immer zu verdrängen versucht hat.
Die Gruppe kommt zu den Häusern der Kirke, vor denen Wölfe und Löwen zahm wie Hunde sie begrüssen. Der Löwe als solares Tier[141] weist wie der Hirsch auf die väterlichen „Sonneneigenschaften“ der Kirke; der Wolf ist ambivalent in seiner Bedeutung, er steht für Negatives wie für Positives[142]. Hier aber ist er eindeutig ein Fingerzeig auf Kirkes dunkle Mutter Hekate.[143]
Die Zahmheit der Tiere zeigt dem Leser, dass Kirke die wilde Natur bändigen kann, dass sie ungebremste, unüberlegte, aggressive Triebe in ein freundliches, demütiges, ruhiges Wesen verwandeln kann.
In den Häusern singt eine Frau und schreitet an einem grossen Gewebe auf und ab. Die „Gefährten“ rufen sie, und sie lässt sie eintreten und niedersitzen und reicht ihnen einen verzauberten Trunk. Auf einen Gertenschlag hin verwandeln sie sich in Schweine und werden von Kirke in den Kofen gesperrt. Ich sehe in dieser Mann-zu-Tier-Verwandlung durch eine Frau die Angst des Odysseus, dass eine Frau mächtiger als der Mann werden könnte (Gynaikokratie)[144] und sich das Rollenverhältnis umkehrt. In der griechischen Welt war der Mann der Herr, die Ehefrau war oft nur unterwürfige Kindererzeugerin und Arbeiterin, die in ihren Rechten weit unter dem Mann lag und die zu gehorchen hatte. Kirke verwandelt die Männer in Tiere und hält sie wie Tiere, die ihr ausgeliefert sind, die auf sie als ihre Nahrungsgeberin angewiesen sind. Zeigt sich darin im Verborgenen die Angst des Mannes vor der Macht der Frau? Hat der Mann die Frau all die Jahrtausende hindurch nur als minderwertig verurteilt, weil er sich davor fürchtete, sie könnte sich zu einer nicht mehr zu kontrollierenden Übermacht entwickeln, sobald er ihre Leine etwas lockerte?
Kirke ist nach Jungs Tiefenpsychologie die „Anima“[145], d. h. das Bild des Weiblichen, das der Mann in seinem Unbewussten trägt. Kirke stellt die Frau als Sexualobjekt dar, das der Mann besitzen will. Aber der Mann hat auch Angst davor, die Frau könne ihn züchtigen, könne ihn von ihr abhängig und ihr untertänig machen. Der Mann fürchtet sich vor der Magie des Weiblichen, die auf der emotional-geistigen Ebene funktioniert, während der Mann auf der rational-weltlichen Ebene funktioniert.
„Eurylochos“, der als einziger draussen geblieben ist, wartet lange, doch die „Gefährten“ kommen nicht mehr zurück. Endlich kehrt er um und erzählt „Odysseus“, was er weiss. Dieser hängt sich die Waffen um die Schultern und weist „Eurylochos“ an, ihm den Weg zu zeigen. Jener aber fürchtet sich, weshalb ihn „Odysseus“ schliesslich beim Schiff lässt und alleine geht. „Eurylochos“ ist hier also derjenige Teil des Menschen Odysseus, den man als „Hasenfuss“ bezeichnen kann.
Auf dem Weg begegnet „Odysseus“ dem Hermes, der ihn über die Verwandlung der „Gefährten“ aufklärt und der ihm genau sagt, wie er sich bei Kirke zu verhalten habe, damit sie ihm nichts antun könne. Er gibt ihm ein Kraut, das dem Zauber der Kirke entgegen wirkt. Dieses Kraut heisst Moly, hat schwarze Wurzeln und eine milchweisse Blüte, weist auf das dunkle Unterirdische der Mutter der Magie, Hekate, und auf das lichte Himmlische des Vaters Helios hin. Es braucht beide Komponenten, die dunkle und die helle, um Kirke zu besiegen.
Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Hermes „Odysseus“ auf Aia hilft. Hermes als Besitzer des Caduceus, des von zwei Schlangen umwickelten Merkurstabs, ist Herr über das Gleichgewicht und das Gegensätzliche.[146] Daher kennt sich Hermes mit dem gegensätzlichen Wesen und den Zaubereien der Kirke bestens aus. Ausserdem ist Hermes der Gott der Reisenden[147], und was ist der Mensch Odysseus anderes als ein Reisender?
Natürlich gibt die Zauberin „Odysseus“ sofort von dem Weinmus zu trinken. Als er sich nicht in ein Schwein verwandelt, sondern sie mit dem Schwert bedroht, ist sie höchst erstaunt und bietet ihm an, mit ihr aufs Liebeslager zu steigen. Das zeigt dem Leser, dass ein Gegner besiegt werden kann, wenn man genau das Gegenteil macht, von dem, was er erwartet.
„Odysseus“ lässt Kirke einen Schwur schwören, dass sie ihm, sobald er nackt ist, nichts Böses antun werde. Dies ist ein Zeichen für seine immer noch währende Angst, für die Angst vor einer übermächtigen weiblichen Sexualität, die ihn „unmännlich“ machen könnte. Durch den Eid unterschreibt Kirke im Prinzip ihre Unterwürfigkeit gegenüber dem Mann.[148]
Nach der Vereinigung, der Verschmelzung zweier Gegensätze, bittet „Odysseus“ Kirke darum, seine „Gefährten“ zurück zu verwandeln, was diese auch tut. Hier sehen wir auch eine Verwandlung der Kirke selbst. Ohne nach dem Namen, der Herkunft und der Absicht der Gäste zu fragen hat sie diese immer gleich – wie unter Zwang – in Tiere verwandelt, was stark an die Märchenprinzessinnen erinnert, welche die Freier, die ihre Aufgaben nicht bewältigen können, tötet.[149] Jetzt, wo „Odysseus“ den Bann gebrochen hat, erscheint sie freundlich und hilfsbereit, sie hat das Furchtbare, Dämonische verloren.
Die Zauberin sagt dem „Odysseus“, er solle die anderen „Gefährten“, die beim Schiff warten, holen. Er tut dies, der Aspekt „Eurylochos“ allerdings stellt sich quer, misstraut dem Weiblichen nach wie vor, doch er wird von der Mehrheit überredet, mit zu gehen.
In diesem Jahr, welches die Griechen bei Kirke verbringen, wird „Odysseus eingeweiht in die Lehren der Zauberin. Nach meiner Meinung sind es die Lehren von den Gegensätzen, denn Kirke selbst ist die Frucht der Vereinigung zweier Gegensätze (Hekate – Dunkelheit – Magie versus Helios – Licht – Logos) und die ganze Kirke-Sequenz zeigt unzählige Gegensatzpaare: Tag – Nacht; Mensch – Tier; Mann – Frau; Übermacht – Unterwürfigkeit; Wildheit – Zahmheit, schwarze Wurzel – weisse Blüte; Löwe – Wolf; Sieg – Niederlage; Verwandlung – Entwandlung; „Gift“ – „Gegengift“, Gott – Mensch. „Odysseus“ lernt die Gegensätze nicht nur sehen, er lernt auch, die Zusammenhänge zwischen beiden zu erkennen. Am Anfang auf Aia hat er Tag und Nacht unterscheiden können, aber er hat die Verbindung zwischen ihnen nicht herstellen können, weil er nicht „sah“, wo die Sonne auf- und wo sie untergeht; nun ist er fähig, den Zyklus zu sehen, nun weiss er, dass die Nacht ohne den Tag nicht sein kann und umgekehrt, dass beide gleichwertige Teile des Ganzen sind. Ein Jahr lang (eins steht für Totalität[150]) lernt er also diese elementare Lehre, danach streben seine Nebenaspekte, die „Gefährten“ zur Weiterfahrt. Kirke lässt Odysseus gehen, doch befiehlt sie ihm, zuerst in den Hades zum Seher Teiresias zu gehen und ihn nach der Heimfahrt zu befragen. Sie gibt ihm ein weisses männliches und ein schwarzes weibliches Schaf zum Opfern mit und erklärt ihm, wie er zur Unterwelt komme und wie er dort vorgehen solle.
4.4.12. Die Unterwelt[151]
Das Schiff kommt nach einer Tagesfahrt zur Unterwelt, wo „Odysseus“ den Toten Honig, Wasser, Wein und Gerste opfert. Danach tötet er die beiden Schafe und lässt ihr Blut in eine zuvor gegrabene Grube fliessen, was die Toten anlockt. So wie der Altar die Verbindung zum Himmlischen, zu den Göttern, herstellt, ist die Grube die Verbindung zur Unterwelt.[152] Als erster begegnet ihm „Elpenor“, ein junger „Gefährte“, der, als er sich auf Kirkes Dach gesonnt hat, hinab gestürzt ist, weil er vergessen hat, die Treppe zu nehmen. Ich sehe in „Elpenor“ einen jugendlichen, unbefangenen, unbedachten Aspekt in der Seele Odysseus, einen Aspekt, der im Kirke-Jahr wieder stärker zum Vorschein gekommen ist. Doch wie soll ein Mensch, in dem ein unbesonnener Kind-Aspekt sich vordrängt, all die Prüfungen bestehen, die ein volles Mass an Reife und Verstand fordern? Aus diesem Grund hat „Elpenor“, das Kindliche in Odysseus, „sterben“ müssen. Der Mensch Odysseus versucht seit der Abfahrt von Kirke, das Kindliche in ihm nicht mehr zu beachten, doch es gelingt ihm nicht ganz. „Elpenor“ geistert noch immer schattenhaft in seinem Wesen und Kopf herum; dies wird die Rückkehr nach Aia erforderlich machen, wo Odysseus „Elpenor“ begraben und somit mit dem Kindlichen endgültig abschliessen kann.
Die Reise in die Unterwelt ist sozusagen der Höhepunkt der Reise ins Unbewusste. Die Unterwelt ist die tiefste, hinterste der Ebenen des Unbewussten. Sie ist der Ort, an dem Vergangenheit und Zukunft aufeinander treffen. Sie ist einerseits ein Ort der Rückschau, der Analyse von Vergangenem, der Erinnerung (u. a. an Tote), andererseits ein Ort, an dem Beschlüsse für die Zukunft gefasst werden.
Da die Toten begierig auf die Blutgrube zuströmen, muss „Odysseus“ mit Hilfe seines Schwertes die Ströme der Vergangenheitsgeister kontrollieren, um nicht von ihnen überrannt zu werden.[153] Diese Szene zeigt also, dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit auch negativ sein kann, nämlich dann, wenn sie Überhand gewinnt, sei es, weil man nur noch in der Vergangenheit lebt (weil die Vergangenheit schöner war als die Gegenwart) oder weil ein Aspekt aus der Vergangenheit so bedrohlich wird, dass die Persönlichkeit daran zerbricht (z. B. weil man eine Vergewaltigung oder eine Schuld nicht verarbeiten kann).
Das Blut, welches für das Leben steht, symbolisiert den Gedanken, den der Mensch Odysseus an Aspekte seines tiefsten Unbewussten richtet und sie damit aus dem Schwarz des Unbewussten heraus löst und „zum Leben erweckt“.
Teiresias – das heisst der Seher im Menschen Odysseus selbst[154] – trinkt von dem Blut und sagt dem „Odysseus“ beide möglichen Schicksale voraus, die davon abhängen, wie sich die „Gefährten“ auf der Insel Thrinakia verhalten werden. Nach dem Seher Teiresias kommt die Mutter von Odysseus heran und trinkt von dem Blut, das ihr die Gabe verleiht, mit den noch Lebenden zu sprechen. Sie schildert ihm die Situation auf Ithaka, sagt ihm, dass seine Frau Penelope immer noch auf ihn warte. „Odysseus“ versucht seine Mutter zu umarmen, aber sie entweicht ihm, was bedeutet, dass man sich an Vergangenem nicht festhalten darf. Danach kommen viele Frauen aus dem Dunkel hervor, trinken vom Blut und stellen sich vor.
An dieser Stelle unterbricht Odysseus seine Erzählung vor den Phaiaken, bekommt auf Geheiss der Arete noch mehr Geschenke und fährt schliesslich auf Bitte des Alkinoos mit seiner Geschichte fort.
Nach den Frauen erscheinen jene Figuren, die Odysseus von seiner ruhmreichen Trojavergangenheit her kennt. Zuerst kommt Agamemnon, der Heerführer des Kampfes vor Troja, und erzählt „Odysseus“, dass er und sein Gefolge bei seiner Rückkehr von Troja von seiner eigenen Frau und deren Liebhaber erschlagen worden sei. Er warnt ihn vor den Frauen, denen nicht zu trauen sei. Die Agamemnon-Sequenz weist darauf hin, dass eine Unternehmung, die eigentlich gut voran kommt, an einem Aspekt scheitern kann, der nicht als problematisch erachtet worden ist. Ausserdem zeigt sich durch diese Sequenz, dass man vorsichtig sein soll, wem man vertraut und dass, wenn das Fundament wackelt, das herrlichste Gebäude einstürzt. Nach Agamemnon erscheint Achilles, der einem klar macht, das Leben zu geniessen und zu schätzen und seine Chancen zu nutzen, danach taucht Aias auf, der sich das Leben genommen hat, nachdem die Waffen des gefallenen Achilles dem Odysseus und nicht ihm zugesprochen worden sind. „Odysseus“ versucht Aias zu versöhnen, denn wenn er gewusst hätte, was dies auslösen würde, hätte er die Waffen nicht angenommen. Doch Aias ist nach wie vor erzürnt.
Die Begegnung mit den Toten ist ein Mahnmal für „Odysseus“, er sieht, wie Tantalos, Tityos und Sisyphos unter ihrer Bestrafung leiden. Indem er die Lebensgeschichten der Toten hört und sieht, wie es ihnen im Jenseits geht, ob sie bestraft oder belohnt werden, kann er Schlüsse für sein eigenes Leben ziehen.
Als weiter Zehntausende von Toten aus dem Dunkel streben, fürchtet „Odysseus“, Persephone könne ihm den Kopf der Medusa schicken, weshalb er flieht. „Odysseus“ hat also Angst, dass ihm unter dem vielen, was ihm bei angestrengtem Nachdenken in den Sinn kommt, was „angehört“ und interpretiert werden will, etwas ganz Ungeheuerliches erscheint, etwas, was ihn „versteinern“ kann, was ihm den Mut zum weiteren Handeln nimmt.
4.4.13. Kirke[155]
Das Schiff ankert vor Aia, Odysseus begräbt „Elpenor“, zieht also einen Strich unter dem kindlich-übermütigen Aspekt seines Ichs. Da Teiresias nicht konkret den Heimweg aufgezeigt hat, sondern nur vor Thrinakia gewarnt und prophezeit hat, dass Odysseus die Freier seiner Frau werde besiegen können, weist nun Kirke den weiteren Weg, gibt zusätzlich Informationen über die Gefahren, die der Weg birgt und schlägt vor, wie man diese umgehen könne. Sie sagt, er werde bei den Sirenen vorbei kommen und müsse sich dann für einen der möglichen Wege entscheiden, entweder der der Plankten oder der von Skylla oder der von Charybdis. Danach werde er zur Insel Thrinakia kommen, die auch Teiresias schon angesprochen hat. Es scheint, dass das Weibliche (Kirke) eher für das Mystische, für die weitere Irrfahrt, das Männliche (Teiresias) für das Weltliche, für die Reinthronisation auf Ithaka, zuständig ist.
4.4.14 Die Sirenen[156]
Das Schiff fährt in Richtung der Insel der Sirenen, und „Odysseus“ heisst seine „Gefährten“ ihn an den Mastbaum zu binden; die Ohren der „Gefährten“ sind mit Wachs verstopft. Die beiden Sirenen locken mit ihrem honigsüssen Gesang, der den Menschen Odysseus rühmt und ihm verspricht, sie werden ihm unendliches Wissen vermitteln. „Odysseus“ kann den Stimmen nicht widerstehen, er befiehlt den „Gefährten“ mit seiner Mimik, ihn los zu binden, aber sie fesseln ihn nur noch stärker an den Mastbaum. Der Mensch Odysseus hört also hin(„Odysseus“) und hört doch wieder nicht hin(„Gefährten“). Der Mensch Odysseus sieht also die Verlockung, nimmt sie aber nicht bewusst und konzentriert wahr, doch die Verlockung ist so stark, dass er, ohne zu wissen, wie ihm geschieht, wie magisch von ihr angezogen wird. Da er aber an etwas Unbiegsames, Standhaftes (Mast) gefesselt ist, kann er der Versuchung nicht nachkommen.
Die Sirenen wohnen auf einer Blumeninsel, die mit Knochen und verwesenden Leichenteilen überhäuft ist. Kommt ein Seefahrer an der Insel vorbei und vernimmt ihre Stimmen, sieht er – bildlich ausgedrückt – nur noch die Blumen, die Knochen übersieht er, was bedeutet, dass man sich nicht von einem Superlativ blenden lassen soll, weil man darüber schnell einmal die negativen Aspekte ignoriert, obwohl man ganz klar weiss, dass es diese negativen Aspekte mit bestimmten negativen Folgen gibt. Das ist wie einer, der eine Droge nimmt, obwohl er genau weiss, welche Folgen das für ihn haben wird. Es ist, als ob die Vernunft ausgeschaltet würde und nur der Moment zählte und das, was danach kommt, keine Wichtigkeit hätte.
Natürlich stehen die Sirenen auch für die Verführung, und damit meine ich nicht nur die weibliche. Die Sirenen können für jede Art der Verführung stehen: für die Verführung zu Verbotenem, für die Verführung zu Gefährlichem, für die Verführung zu Unmoralischem, usw. Die Verführung zu etwas Schlechtem ist Thema vieler Märchen und Geschichten, zum Beispiel auch der Geschichte von Adam und Eva. Wer kann der Verführung widerstehen, und wer gibt ihr nach, und was sind die jeweiligen Folgen davon?
Die Sirenen locken mit Weltweisheit, mit unbegrenztem Wissen, einem Wissen, das ich mir als dasjenige vorstelle, welches Faust in Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil.“ anstrebt: Wissen, „(…) was die Welt in ihrem Innersten zusammenhält (…)“[157]. Damit aber ist ein weiterer Aspekt der Sirenen-Szene aufgeführt: Das Streben des Menschen nach einem Superlativ, der ihn über alle anderen Menschen erhebt, das Streben nach einer Art Göttlichkeit[158], hier ausgedrückt in einem Wissen, das die Vorstellungskraft jedes normalen Menschen sprengt. Die Gefahr, die solchem Streben inne wohnt, folgt auf den Fuss: Scheitern und Tod.
Die Sirenen haben einen Vogelleib mit Frauenkopf und oft auch Brüsten[159] und erinnern damit an Seelenvögel, Todesgöttinnen.
4.4.15. Plankten[160]
Nach den Sirenen hat Kirke dem „Odysseus“ zwei mögliche Wege aufgezeigt, jedoch rät sie ihm von einem der beiden ab: den Plankten. Die Plankten sind die Felsen des Scheiterns, an denen bisher kein Schiff ausser der Argo, dem Schiff Iasons, vorbei gekommen ist, ohne an den Felsen zu zerschmettern. Und die Argo stand unter dem Geleit der Hera.
Meiner Meinung nach sind die Plankten das unausweichliche Verderben, das einem erlangt, wenn man einen bestimmten verderblichen Weg einschlägt. Rettung gibt es nur, wenn ein mächtiger Freund (in Form einer realen Person, einer Selbsterkenntnis oder eines „Schutzengels“) einem beisteht. Wenn man nichts weiss von den Plankten und zufällig in ihren Bereich kommt, ist das etwa zu vergleichen mit einem schweren tödlichen Unfall, in den man verwickelt wird, ohne etwas dafür zu können. Weiss man – wie „Odysseus“ – von den Felsen des Scheiterns und geht trotz ihrer Gefährlichkeit diesen Weg, ist das zu vergleichen mit einer Person, die sich zum Beispiel mit der Mafia einlässt, obwohl sie weiss, dass dies ein Spiel mit dem Feuer ist.
Weil „Odysseus“ um beide Wege weiss, muss er sich gegen die Plankten entscheiden, denn wenn er sein Schicksal auf diese Art heraus fordern würde, wäre er höchst wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt.
4.4.16. Skylla[161]
Der andere Weg hält wieder zwei Möglichkeiten offen: entweder kann Odysseus nahe der Charybdis oder nahe der Skylla, die in der gegenüber liegenden Klippe haust, vorbei rudern. Kirke hat ihm die Skylla empfohlen, weil es besser sei, sechs „Gefährten“ zu verlieren als alle. Skylla ist ein sechsköpfiges Ungetüm, das in einer Höhle in der Klippe wohnt und nicht besiegt werden kann, da es unsterblich ist. „Odysseus“ hat gesagt, er wolle sich wehren, doch Kirke hat ihm davon abgeraten, weil Skylla sich sonst noch mehr „Männer“ als nur sechs holen würde.
Skylla hat eine Stimme wie ein junger Hund, was nochmals verdeutlicht, was wir schon bei den Sirenen gelernt haben: dass nicht alles wunderbar ist, was gut klingt; dass hinter etwas Schönem etwas Schlechtes stecken kann, dass man sich nicht von Vordergründigkeiten täuschen lassen soll.
Das Schiff fährt also am Felsen Skyllas vorbei. „Odysseus“ hat seinen „Gefährten“ nichts vom Ungeheuer erzählt, damit sie den Mut nicht verlieren. Der Mensch Odysseus weiss zwar um die drohende Gefahr, er versucht aber trotzdem, ruhig und mutig zu bleiben. Obwohl Kirke „Odysseus“ geraten hat, er solle sich nicht wehren gegen das Ungetüm, ergreift er seine Speere und legt seine Rüstung an. Sechs „Gefährten“ holt sich blitzschnell Skylla, und „Odysseus“ kann nur tatenlos zusehen, es geht alles zu schnell, als dass er reagieren könnte. Hier erfährt er, dass er als Troja-Odysseus, als Krieger und Held, hilf- und machtlos ist gegen ein gieriges weibliches Naturgeschöpf. „Odysseus“ erlebt seine Grenzen, muss sich eingestehen, dass es Wesen gibt, die er nicht zu bezwingen vermag.[162] Diese seine Hilflosigkeit bezeichnet er als „(…) das Jammervollste, das ich mit den Augen gesehen habe unter allem, soviel ich ausgestanden, während ich die Strassen der Salzflut durchforschte.“[163]
Der Mensch Odysseus muss sich also von weiteren Nebenaspekten seines Ichs trennen, und dies ohne dagegen zu rebellieren. Loslassen, Annehmen, wort- und tatenloses Geschehen-Lassen, Resignieren, Akzeptieren, Erdulden sind die Hauptthemen der Skylla-Lehre. Die „Gefährten“ sind belastende Nebenaspekte der Seele Odysseus, welche verhindern, dass er zu seinem Ziel kommt. Aus diesem Grund muss er diese Nebenaspekt, diesen „Ballast“ abwerfen, denn nur wenn er vollkommen sich selbst ist, wenn er sich hundertprozentig auf sein Innerstes, sein wahrstes Ich konzentriert – und dann dieses auch noch kurzzeitig
verliert (im Meer nach Kalypso) – kann er nach Ithaka gelangen. Das ist vergleichbar mit meditativen Praktiken. Der Meditierende muss alle Gedanken „über Bord“ werfen, muss nur noch sein, nur noch in sich selbst verharren, bevor er sich für kurze Zeit von seinem eigenen Körper lösen kann, um in der Allumfasstheit des Mysteriums aufzugehen.
Odysseus muss also einige Seelenaspekte, vielleicht gewisse Zwänge, los lassen, opfern, um auf seinem Lebensweg weiter zu kommen. Das erinnert mich stark an ein eigenes Erlebnis. Ich wollte seit Jahren mit dem Schreiben Erfolg haben und machte mir einen ungeheuren Druck, auch wirklich Erfolg zu haben. Dieser Druck machte mich manchmal fast wahnsinnig, weshalb ich einmal, als die Zeit dazu reif war, beschloss, das Schreiben, diesen extrem wichtigen Nebenaspekt von mir, symbolisch zu verbrennen. Ich tat das und verbrannte mit dem „Gefährten“ Schreiben auch gerade den „Dämon“ Erfolgsdruck, der untrennbar an den „Gefährten“ gekoppelt war. Nach diesem Loslassen, Zerstören schrieb ich nie wieder etwas Grösseres und lebe seither unbelastet und frei.
Dass sich „Odysseus“ nicht wehren darf, deutet auf die unzähligen Situationen im Leben, in denen man etwas Unangenehmes wortlos erdulden muss, weil Widerstand die Lage noch verschlimmern würde. „Augen zu und durch!“ wäre hierzu das passende Motto.
4.4.17. Thrinakia[164]
Das Schiff kommt zur Insel Thrinakia, auf welcher der Sonnengott Helios seine Herden hat. Es sind sieben Herden mit je fünfzig Rindern und sieben Herden mit je fünfzig Schafen. Manche Interpreten sehen darin (7×50=350) das Jahr symbolisiert.[165] Mir ist aber nicht klar, weshalb es dann zweimal 350 Tiere hat. Da die Tiere auf natürliche Weise nicht sterben, sich aber auch nicht vermehren, wäre mit dem Frevel der „Gefährten“ der Jahreszyklus gestört. Weshalb haben wir aber immer noch 365 Tage im Jahr und nicht 340 oder 345, auf jeden Fall weniger als 350?
Auf Geheiss der Kirke und des Teiresias heisst „Odysseus“ seine „Gefährten“ an der Insel vorbei zu segeln. Doch diese klagen über Müdigkeit und überreden ihren „Anführer“, für eine Nacht Halt zu machen und am nächsten Morgen sofort weiter zu fahren. Nachdem er sie einen Schwur hat leisten lassen, dass sie die Tiere des Helios nicht berühren, willigt „Odysseus“ ein, hat aber trotzdem ein ungutes Gefühl dabei. Teiresias und Kirke haben prophezeit, dass „Odysseus“ alle seine „Gefährten“ verlieren und nach langer Zeit erst nach Ithaka heim kehren würde, wenn die Tiere des Helios geschlachtet werden würden. Die Szene hier hat also ein Tabu, ein grosses Verbot zum Inhalt, was oft auch Gegenstand von Märchen ist.[166] „Odysseus“ ist in der Unterwelt und bei Kirke ein Entweder-Oder vorgespielt worden, weshalb er nun mit aller Kraft versucht, das Oder abzuwenden. Was er noch nicht weiss, ist, dass es in Wahrheit keine Alternative gibt. Es ist sein Schicksal, das Tabu zu brechen, damit der von Polyphem ausgesprochene Fluch sich erfüllen kann. Da das Schicksal mächtiger ist als alles andere, selbst mächtiger als die Götter, kann ein Mensch machen, was er will, am Ende wird sich dieses sein Schicksal doch erfüllen.[167]
Zeus lässt in der Nacht heftige Winde entstehen, sodass Odysseus am nächsten Tag nicht ablegen kann. Die Stürme dauern einen ganzen Monat. Anfangs ist noch genug Speise und Trank von Kirke vorhanden, doch als sich die Vorräte zur Neige senken, werden Fische und Vögel gejagt. Während „Odysseus“ sich aufmacht, zu den Göttern zu beten, stiftet einer der „Gefährten“ die anderen an, einige der Rinder zu schlachten.
Als „Odysseus“, der inzwischen eingeschlafen ist, aufwacht, ist das böse Werk schon vollbracht. Damit hat sich wiederholt, was schon einmal in ähnlicher Weise geschehen ist: während „Odysseus“ schläft, machen die „Gefährten“ etwas Verbotenes. Dies ist folgendermassen umzuinterpretieren: Der Mensch Odysseus versucht dem Tabu zu widerstehen, doch in dem Moment, in dem der Hunger zu stark wird, schläft der Verstand ein, und Odysseus macht, was eigentlich verboten ist.
Indem diese zuvor fixe Zahl der Rinder vermindert worden ist, zeigt sich, dass die Ordnung der Natur aus dem Gleichgewicht geraten ist. Der Mensch mit seinen Bedürfnissen zerstört das empfindliche System der Natur, verursacht irreparable Schäden.[168]
Sechs Tage schmausen die „Gefährten“, am siebten Tag – der Sturm hat sich inzwischen gelegt – sticht das Schiff in See. Doch Helios hat bei Zeus Rache für den Mord an seinen Tieren eingefordert, weshalb Zeus ein Gewitter aufkommen lässt und mit Wind, Wellen und Blitz das Schiff zerschlägt. Die „Gefährten“, die nachgiebigen Aspekte, die dem Tabu nicht haben wiederstehen können, sterben alle, „Odysseus“ aber kann Kiel und Mastbaum zusammenbinden, setzt sich darauf und lässt sich so tragen. Der Mensch Odysseus hat im Sinnbild Thrinakias ein Verbot überschritten und ist dafür bestraft worden. Noch während der Bestrafung schwört er seinem schwachen Wesen ab und will versuchen, sich in Zukunft besser zu zügeln.
4.4.18. Charybdis[169]
Die Charybdis liegt gegenüber der Skylla und ist ein Meeresstrudel, der dreimal am Tag das Meerwasser einschlürft und es wieder ausspeit. Wer in ihren Sog gelangt, ist hoffnungslos verloren. Kirke hat „Odysseus“ gesagt, es sei besser, sechs „Gefährten“ durch die Skylla zu verlieren als alle durch Charybdis.
Nach dem Schiffsbruch wechselt der Wind und der Mensch Odysseus, der sich von all seinen Nebenaspekten hat befreien müssen, sodass er nur noch „Odysseus“ ist, wird zurück zur Meerenge von Skylla und Charybdis getrieben. Der Meeresstrudel schlürft das Wasser gerade ein, doch Odysseus gelingt es, sich an einem Ast des Feigenbaums, der sich über Charybdis spannt, fest zu halten. So baumelt er dort, ohne festen Grund unter den Füssen, über dem verzehrenden Schlund und muss lange warten, bis der Strudel das Wasser wieder ausspuckt und er sich fallen lassen kann.
Für mich ist die Charybdis ein übler Strom, der einen mitreisst und in den Abgrund zerren will. Wenn man einmal in diesen Strom gelangt, ist es schwierig, unbehelligt davon zu kommen, es sei denn, man hat eine „helfende Hand“ (z. B. in Form von Hoffnung, Glück, usw.), an die man sich klammern kann, um das Schlimmste zu überstehen.
Auf einem Wrackteil seines ehemaligen Schiffes sitzend, treibt Odysseus neun Tage auf dem Meer, bis er am zehnten Tag nach Ogygia kommt. Die Zehn steht für geistige Vollkommenheit, da sie aus der Eins (das Göttliche) und der Null (Potential) besteht.[170] Tatsächlich wird Odysseus auf Ogygia (à 4.4.1. Kalypso) die letzte seiner innerseelischen Lektionen lernen.
4.4.19. Das Heimgeleit[171]
Durch das Erzählen seiner Irrfahrt hat Odysseus zu seinem Irrfahrten-Ich zurück gefunden. Der Troja-Held und der Irrfahrten-Erfahrene sind in seiner Brust wiedergeboren. Nun ist er bereit, nach Hause zu kehren, dort das Wiedererkennen mit seinen Lieben einzuleiten und die Freier, die seinen Besitz und seine Königswürde bedrohen, zu töten.
Alkinoos lässt seinem hohen Gast weitere Gaben bereit legen. Die Phaiaken, deren Schiff das schnellste aller Sterblichen ist, bringen Odysseus, der während der ganzen Fahrt schläft, in nur einer Nacht nach Ithaka. Dort legen sie ihn und die Schätze am Ufer nahe der Naiaden-Höhle ab.
Scheria ist also die Zwischenstation zwischen Unbewusstem und Bewusstem. Bei den Lotophagen ist Odysseus ins Unbewusste eingetreten, hat sich auf die Reise zu seinem Inneren aufgemacht und viele Erkenntnisse gewonnen, oft einher gehend mit schmerzlichen Erfahrungen. Er hat Verluste erlitten, hat sich von einigen seiner Charakterzüge und Ansichten trennen müssen, ist dafür aber in seiner Weisheit einige Stufen nach oben gestiegen. Scheria ist der Austrittspunkt aus der Reise ins Innere. Auf Scheria rekapituliert er seine Erlebnisse und vereint den „inneren Odysseus“ (Irrfahrten-Odysseus) mit dem „äusseren Odysseus“ (Troja-Odysseus). Die Phaiaken sind die Therapeuten, die ihm helfen, seine Träume zu analysieren. Wenn er Scheria verlässt, ist das, als ob er durch die Tür der Therapeutenpraxis ins Leben, ins Weltliche, zurück kehrt.
Was Odysseus auf Scheria erlebt hat, würde Jung als Abschluss des „Individuationsprozesses“ bezeichnen; als Entstehung und Erkennung des Selbst. „Dieser ist die – allmähliche – Vereinigung der bewusstseinsfähigen Inhalte des Unbewussten mit dem Bewusstsein; (…).“[172] Durch die Irrfahrt sind dem Menschen Odysseus als Symbole verschlüsselte unbewusste Inhalte vorgeführt worden; die er auf Scheria deuten und mit dem Bewusstsein vereinen kann.
4.5. Fazit
Die Irrfahrten des Odysseus sind, wie ich versucht habe aufzuzeigen, nichts anderes als die Selbstwerdung des Menschen Odysseus schlechthin. Odysseus lernte, dass Willkür nicht existiert, dass all sein Leiden am Ende einen Sinn hatte. Er konnte, so sehr er es auch wollte, die Heimfahrt nicht erzwingen, denn die Zeit dazu war noch nicht reif. Das Schicksal, der Fluch, hielt einige Stationen, Prüfungen, für Odysseus bereit, um die er nicht herum kam. Wobei es gar nicht darum geht, sondern darum, was er aus diesen Prüfungen für sein zukünftiges Leben machte.[173] Der Tod seiner „Gefährten“, seiner Irrmeinungen und behinderlichen Charaktereigenschaften, hatte sich für den Menschen Odysseus positiv ausgewirkt, nur so war er zu dem gereift, der auf Ithaka wieder König werden konnte.
Natürlich erlebt nicht jeder Mensch all das, was Odysseus erlebt hat, aber wahrscheinlich wird jeder Mensch in jeder beliebigen Epoche und Kultur die eine oder andere Station nach einigem Nachdenken auch in seinem Leben erkennen und vielleicht hilft ihm die Darstellung des Verhaltenkanons, in einer ähnlichen Situation auf kluge Weise zu handeln. Die „Odyssee“ kann also durchaus als Lehrbuch betrachtet werden, das mögliche Stationen im Leben eines Menschen darstellt.
Zusammenfassend liste ich die Lehrsätze der einzelnen Stationen noch einmal kurz auf:
Kikonen:
- Halte Mass!
- Höre auf die Meinung eines anderen und bilde dir dann deine eigene Meinung!
- Lebe nicht nur im Moment, sondern bedenke, was dein Tun in der Zukunft für Folgen haben kann!
Polyphem:
- Zügle deine Begierde!
- Sei nicht habgierig!
- Missachte nicht deine innere Stimme! (=die „Gefährten“, die von der Insel weg wollen.)
- Beherrsche deine wilden Impulse, dein Aufbegehren, deine Gewalttätigkeit! Sei lieber besonnen und löse deine Probleme mit Verstand.
- Unterschätze nie deinen Gegner!
- Sei tiefgründig, nicht oberflächlich!
- Sei nicht hochmütig!
- Dränge dich, wenn es besser ist, im Hintergrund zu bleiben, nicht auf.
Aiolos:
- Halte deine Neugier im Zaum!
- Sei nicht neidisch!
- Brich nicht Verbote!
- Betrüge nicht denjenigen, der es gut mit dir meint. Betrüge nicht dich selbst!
- Lass deinen Verstand nicht einschlafen!
Laistrygonen:
- Öffne dich gegenüber Fremden nicht allzu schnell!
- Wisse, wann du besser aufgibst.
- Manchmal ist Flucht besser als Kampf!
Kirke:
- Zwei Gegensätze erzeugen Ganzheit, Ausgeglichenheit.
- Manche Gegensätze können für sich nicht stehen. Die Nacht gibt es nur in Verbindung mit dem Tag, ein Kind kann nur durch die Vereinigung von Mann und Frau geboren werden, etc. Bei anderen Gegensatzpaaren ist es besser, wenn es nur die eine Seite gibt oder sie zumindest überwiegt: z. B. gerecht – ungerecht, ehrlich – unehrlich, etc.
- Ohne den negativen Gegensatz würden wir den positiven nicht so sehr schätzen. Z. B. wüssten wir nicht, was Freude ist, wenn wir die Trauer nicht kennen würden. Oder wir wären nicht dankbar für unsere gute Gesundheit, wenn wir nicht auch Krankheiten hätten.
- Reagiere auf unerwartete Weise, um deinen Gegner zu besiegen.
- Sei in gesundem Masse misstrauisch!
Unterwelt:
- Eine Rückschau in die eigene Vergangenheit kann dir vieles erklären und dir den Weg für deine Zukunft weisen.
- Lebe in der Gegenwart. Klammere dich nicht zu sehr an Vergangenes.
- Gib Acht, wem du dein Vertrauen schenkst!
- Ist das Fundament nicht solide, kann auch das beste Haus einstürzen.
- Rechne auch mit dem Unvorhergesehenen.
- Geniesse dein Leben auf Erden!
Sirenen:
- Versuche, immer beide Seiten einer Medaille zu sehen: die Vorder- und die Rückseite, der positive und der negative Aspekt.
- Bedenke immer auch die Folgen von deinem Handeln!
- Erhebe dich nicht über die anderen.
Plankten:
- Versuche nicht den Helden zu spielen, wenn du an einen Ort wie die Plankten gerätst.
Skylla:
- Lass dich nicht von Vordergründigkeiten, von Äusserlichkeiten täuschen!
- Lerne, Dinge, Eigenheiten, Charakterzüge, die dir nicht gut tun, los zu lassen!
- Nimm an, was du nicht ändern kannst!
Thrinakia:
- Hüte dich davor, ein Tabu, ein Verbot zu überschreiten.
- Du kannst machen, was du willst, deinem Schicksal kannst du nicht entgehen.
Charybdis:
- Nimm dich vor bösen Strömungen wie der Chaybdis in Acht!
- Wenn du einmal in den Sog gekommen bist, ist es sehr schwierig, wieder heraus zu kommen.
- Halte an der Hoffnung fest!
- Gib nicht auf!
Kalypso:
- Liebe kann auch erdrücken.
- Lerne, Leid und Warten zu ertragen!
- Übe dich in Geduld!
- Überwinde dich selbst!
Zum Schluss will ich noch anfügen, wo ich selbst schon eigene Erfahrungen gemacht habe:
Polyphem:
Ich war einmal auf einen Nachbarn dermassen zornig, dass ich ihm im Streit beinahe eine Ohrfeige verpasst hätte. Zum Glück konnte ich mich aber gerade noch beherrschen. Rückblickend bin ich darüber sehr dankbar, weil er sonst vielleicht eine Anzeige erstattet hätte oder zurück geschlagen hätte.
Unterwelt:
Indem ich Geschehnisse aus der Vergangenheit analysiert habe, habe ich schon viel Erkenntnis darüber gewonnen, warum ich so bin, wie ich bin. Dieses Wissen hilft mir, mich selbst besser zu verstehen.
Skylla:
Siehe Text S. 45.
Thrinakia:
Schliesst sich an Skylla an. Dass ich mir sage, mit dem Schreiben keinen Erfolg zu haben, weil es mein Schicksal ist, macht mir das Akzeptieren leichter. Es hilft mir nichts, wenn ich mich immer nach der Gerechtigkeit frage, warum ich es nicht schaffe, während so viele schlechte Bücher auf dem Markt sind.
Kalypso:
Geht Hand in Hand mit Skylla und Thrinakia. Während der Zeit meines Schreibens musste ich sehr viel Geduld haben, die aber niemals belohnt worden ist. Um mit dem Schreiben abzuschliessen, musste ich mich selbst überwinden.
5. Bibliographie
- Becker, Udo: Lexikon der Symbole. Mit über 900 Abbildungen. Freiburg: Herder, 1998 (= Spektrum, Bd. 4698)
- Bruce-Mitford, Miranda: Zeichen und Symbole. Die verborgene Botschaft der Bilder. Stuttgart, Zürich: Belser, 1997
- Drewermann, Eugen: Tiefenpsychologie und Exegenese. Band 1. Die Wahrheit der Formen. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende. 6. Aufl. Olten: Walter, 1984
- Finley, Moses I.: Die Welt des Odysseus. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1992 (= Reihe Campus, Bd. 1061)
- Fontana, David: Die Sprache der Symbole. Ein visueller Schlüssel zur Bedeutung der Symbole. Düsseldorf: Patmos, 2004
- Gibson, Clare: Zeichen und Symbole. Ursprung, Geschichte, Bedeutung. Köln: Könemann, 2000
- Goethe, Johann, Wolfgang: Faust: Der Tragödie erster Teil. Stuttgart: Reclam, 1986. (=Universal-Bibliothek Nr. 1.)
- Homer: Die Odyssee. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1958
- Jacoby, Mario; Kast, Verena; Riedel, Ingrid: Das Böse im Märchen. Freiburg i. Br.: Herder, 1994 (= Spektrum, Bd. 4287)
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5., um ein Vorw. erw. Aufl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1995
- Lüthi, Max: Märchen. 9. durchges. u. erg. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1996 (Sammlung Metzler, Bd. 16)
- Meier, Gert: Die Wirklichkeit des Mythos. Bern, Stuttgart: Haupt, 1990
- Oliphant, Margaret: Atlas der alten Welt. Eine atemberaubende Reise zu den Hochkulturen der Menschheit. Aus dem Englischen von Konrad Dietzfelbinger.
4. Aufl. München: Frederking und Thaler, 1998 (= Villa Arceno)
- Patzek, Barbara: Homer und seine Zeit. München: C. H. Beck, 2003
- Rattner, Josef: Kritisches Wörterbuch der Tiefenpsychologie für Anfänger und Fortgeschrittene. Berlin, München: Quintessenz, 1994
- Reucher, Theo: Der unbekannte Odysseus. Eine Interpretation der „Odyssee“. Bern, Stuttgart: Francke, 1989
- Rüf, Elisabeth: „Der lange Weg nach Hause. Die „Odyssee“ in tiefenpsychologischer Entfaltung.“ In: Fuchs, Gotthard (Hg.): Lange Irrfahrt – grosse Heimkehr. Odysseus als Archetyp – zur Aktualität des Mythos. Frankfurt am Main: Knecht, 1994. 189-238
- Schwinge, Ernst-Richard: Die Odyssee – nach den Odysseen. Betrachtungen zu ihrer individuellen Physiognomie. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1993 (=Veröffentlichung der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften Hamburg; Nr. 73)
- Stumpfe, Ortrud: Die Heroen Griechenlands. Einübung des Denkens von Theseus bis Odysseus. Münster: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, 1978
- von Franz, Marie-Louise: Psychologische Märcheninterpretationen. Eine Einführung. München: Kösel, 1986
- Wilkinson, Philip: Enzyklopädie der Mythen und Sagen. In der Bildwelt der Völker und Kulturen. Übersetzung aus dem Englischen von Heidi Wetzel u. a. Vevey: Mondo, 2003
- Wolf, Armin und Hans-Helmut: Die wirkliche Reise des Odysseus. Zur Rekonstruktion des Homerischen Weltbilds. 3. Aufl. München, Wien: Langen Müller, 1990
Internetadresse:
- Liebig, Gabriele (1998): „Homers Odyssee. Seefahrt in der Antike und das Prinzip der Kolonisation.“ URL: http://www.solidaritaet.com/neuesol/1998/52/odysseus.htm
[1]Finley, Moses I.: Die Welt des Odysseus. Frankfurt am Main, New York: Campus, 1992 (= Reihe Campus, Bd. 1061), S. 11f.
[2] Ebd., S. 12.
[3] Ebd., S. 29f.
[4] Ebd., S. 16.
[5] Finley, 1992, S. 17.
[6] Ebd., S. 36.
[7] Ebd., S. 24.
[8] Ebd., S. 26f.
[9] Homer: Die Odyssee. Deutsch von Wolfgang Schadewaldt. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt, 1958. S. 75.
[10] Finley, 1992, S. 27f.
[11] Ebd., S. 25.
[12] Patzek, Barbara: Homer und seine Zeit. München: C. H. Beck, 2003. S. 77f.
[13] Finley, 1992, S. 43.
[14] Patzek, 2003, S.69.
[15] Ebd., S.65f.
[16] Finley, 1992, S. 19.
[17] Ebd, S. 50.
[18]Ebd., S. 52.
[19] Homer (Schadewaldt),l 1958, S. 21.
[20] Ebd., S. 271-274.
[21] Finley, 1992, S. 53.
[22]Homer (Schadewaldt), 1958, S. 142.
[23] Finley, 1992, S. 54.
[24] Ebd., S. 56f.
[25]Homer (Schadewaldt), 1958, S.328.
[26] Finley, 1992, S. 56f.
[27] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 202f.
[28] Finley, 1992, S. 57.
[29] Patzek, 2003, S. 82f.
[30] Finley, 1992, S. 60f.
[31] Ebd., S. 63f.
[32] Patzek, 2003, S. 88f.
[33] Finley, 1992, S. 64-66.
[34] Ebd., S. 126.
[35] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 76f.
[36] Finley, 1992, S. 99.
[37] Ebd., S. 102.
[38] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 24.
[39] Finley, 1992, S. 79-84.
[40] Patzek, 2003, S. 83f.
[41] Finley, 1992, S. 113f.
[42]Ebd., S 117.
[43]Homer (Schadewaldt), 1958, S. 175.
[44] Finley, 1992, S. 130.
[45]Homer (Schadewaldt), 1958, S. 240.
[46] Finley, 1992, S. 131.
[47] Patzek, 2003, S. 108f.
[48] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 95.
[49] Ebd., S. 35.
[50] Finley, 1992, S. 136.
[51] Patzek, 2003, S. 46.
[52] Ebd., S. 87.
[53] Liebig, Gabriele (1998): „Homers Odysse. Seefahrt in der Antike und das Prinzip der Kolonisation.“ URL: http://www.solidaritaet.com/neuesol/1998/52/odysseus.htm
[54] Oliphant, Margaret: Atlas der alten Welt. Eine atemberaubende Reise zu den Hochkulturen der Menschheit. Aus dem Englischen von Konrad Dietzfelbinger. 4. Aufl. München: Frederking und Thaler, 1998 (= Villa Arceno). S. 100f.
[55] Wolf, Armin und Hans-Helmut: Die wirkliche Reise des Odysseus. Zur Rekonstruktion des Homerischen Weltbilds. 3. Aufl. München, Wien: Langen Müller, 1990. S. 182f.
[56] Ebd. S. 190.
[57] Wolf, 1990, S. 33-42.
[58] Ebd., S. 42-61.
[59] Wolf, 1990, S. 61-83.
[60] Ebd., S. 83-92.
[61] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 186.
[62]Homer (Schadewaldt), 1958, S. 172.
[63]Ebd., S. 213.
[64] Lüthi, Max: Märchen. 9. durchges. u. erg. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1996 (=Sammlung Metzler, Bd. 16). S. 6f.
[65] Lüthi, 1996, S. 17f und S. 25-31. Vergleiche auch folgende Grimm-Märchen: zu 1. und 2.: Das tapfere Schneiderlein.; zu 3.: Die drei Federn. Zu 4.: Die zwölf Brüder. Zu 5.: Der Arme und der Reiche. Zu 6.: Die beiden Wanderer. Zu 7.: Brüderchen und Schwesterchen.
[66]Homer (Schadewaldt), 1958, S. 84-93.
[67] Rattner, Josef: Kritisches Wörterbuch der Tiefenpsychologie für Anfänger und Fortgeschrittene. Berlin, München: Quintessenz, 1994. S. 36f.
[68] Fontana, David: Die Sprache der Symbole. Ein visueller Schlüssel zur Bedeutung der Symbole. Düsseldorf: Patmos, 2004. S. 21.
[69] Wilkinson, Philip: Enzyklopädie der Mythen und Sagen. In der Bildwelt der Völker und Kulturen. Übersetzung aus dem Englischen von Heidi Wetzel u. a. Vevey: Mondo, 2003. S. 56.
[70] Becker, Udo: Lexikon der Symbole. Mit über 900 Abbildungen. Freiburg: Herder, 1998 (= Spektrum, Bd. 4698). S. 338.
[71] Gibson, Clare: Zeichen und Symbole. Ursprung, Geschichte, Bedeutung. Köln: Könemann, 2000. S. 117.
[72] Becker, 1998, S. 87.
[73] Becker, 1998, S. 130.
[74] Ebd., S. 327.
[75] von Franz, Marie-Louise: Psychologische Märcheninterpretationen. Eine Einführung. München: Kösel, 1986. S. 70.
[76] Becker, 1998, S. 213.
[77] Bruce-Mitford, Miranda: Zeichen und Symbole. Die verborgene Botschaft der Bilder. Stuttgart, Zürich: Belser, 1997. S. 45.
[78] Becker, 1998, S. 330.
[79] Bei Jung steht die Quelle auch für unerschöpfliche geistig-seelische Energie. Becker, 1998, S. 235.
[80] Ebd., S. 319.
[81] Gibson, 2000, S. 87.
[82] Stumpfe, Ortrud: Die Heroen Griechenlands. Einübung des Denkens von Theseus bis Odysseus. Münster: Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, 1978. S. 254f.
[83] Ebd., S. 256-258.
[84] Reucher, Theo: Der unbekannte Odysseus. Eine Interpretation der „Odyssee“. Bern, Stuttgart: Francke, 1989. S. 83f.
[85] Bruce-Mitford, 1997, S. 102.
[86] Ebd., S. 102.
[87] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 93-99.
[88] Ebd., S. 93.
[89] Becker, 1998, S. 185.
[90] Rattner, 1994, S. 316.
[91] Stumpfe, 1978, S. 259.
[92] Rüf, 1994, S. 212f.
[93] Ebd., S. 212.
[94] Gibson, 2000, S. 86.
[95] Becker, 1998, S. 256.
[96] Gibson, 2000, S. 118.
[97] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 101 –112.
[98] Schwinge, Ernst-Richard: Die Odyssee – nach den Odysseen. Betrachtungen zu ihrer individuellen Physiognomie. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1993 (=Veröffentlichung der Joachim Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften Hamburg; Nr. 73). S. 129.
[99] Schwinge, 1993, S. 130f.
[100].Homer (Schadewaldt), 1958, S. 113-124.
[101] Becker, 1998, S. 203.
[102] Ebd., S. 24.
[103] Schwinge, 1993, S. 135.
[104] Schwinge, 1993, S. 136f.
[105] Rattner, 1994, S. 229.
[106] Schwinge, 1993, S. 137.
[107] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 125-145.
[108] Schwinge, 1993, S. 140.
[109] Schwinge, 1993, S. 140f.
[110] Ebd., S. 143.
[111] Ebd., S. 144.
[112] Becker, 1998, S. 149.
[113] Da alle Gefährten des Odysseus ums Leben gekommen sind, ist Odysseus Irrfahrten-Geschichte den Menschen unbekannt, weshalb es auch kein Lied darüber geben kann, welches der Sänger hätte singen können. Die Episode mit dem Trojanischen Pferd markiert das Ende des Troja-Jahrzehnts und öffnet den Weg für das Irrfahrten-Jahrzehnt, kommt somit diesem zweiten Teil am nächsten.
[114] Schwinge, 1993, S. 150.
[115] Homer (Schadewaldt), 1958, S.146-148.
[116] Becker,1998, S. 346.
[117] Reucher, 1989, S. 27.
[118] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 148-149.
[119] Reucher, 1989, S. 29.
[120] Drewermann, Eugen: Tiefenpsychologie und Exegenese. Band 1. Die Wahrheit der Formen. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende. 6. Aufl. Olten: Walter, 1984. S. 376f.
[121] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 149-165.
[122] Ebd., S. 149.
[123] Gibson, 2000, S. 104.
[124] von Franz, 1986, S. 115.
[125] Rattner, 1994, S. 297.
[126] Becker, 1998, S. 28.
[127] Jacoby, Mario; Kast, Verena; Riedel, Ingrid: Das Böse im Märchen. Freiburg i. Br.: Herder, 1994
(= Spektrum, Bd. 4287). S. 38.
[128] Gibson, 2000, S. 104.
[129] Reucher, 1989, S. 31-33.
[130] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 166-168.
[131] Stumpfe, 1978, S. 248.
[132] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 168-170.
[133] Ebd., S. 170.
[134] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 170-185.
[135] Becker, 1998, S, 129.
[136] Ebd., S. 129.
[137] von Franz, 1986, S. 110. Im Grimm-Märchen „Der gläserne Sarg“ zum Beispiel führt ein Mann, der in einen Hirsch verwandelt worden ist, einen jungen Schneider zu einer verzauberten Höhle, wo ihn sein Glück erwartet.
[138] Stumpfe, 1978, S. 250.
[139] Wilkinson, Philip: Enzyklopädie der Mythen und Sagen. In der Bildwelt der Völker und Kulturen. Übersetzung aus dem Englischen von Heidi Wetzel u. a. Vevey: Mondo, 2003. S. 68.
[140] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 172.
[141] Gibson, 2000, S. 98.
[142] Ebd., S. 100.
[143] Wilkinson, 2003, S. 68.
[144] Laiblin, 1995, S. 145.
[145] Fontana, 2004, S. 20.
[146] Meier, Gert: Die Wirklichkeit des Mythos. Bern, Stuttgart: Haupt, 1990. S. 43f.
[147] Ebd., S. 42.
[148] Reucher, 1989, S.47f.
[149] Rüf, 1994, S. 208f.
[150] Becker, 1998, S. 67.
[151] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 186-207.
[152] Reucher, 1989,S. 52.
[153] Ebd., S. 53.
[154] Stumpfe, 1978, S. 251.
[155] Homer (Schadewaldt), 1958, S.208-213
[156] Ebd., S.213-215 und 209-210.
[157] Goethe, Johann, Wolfgang: Faust. Der Tragödie erster Teil. Stuttgart: Reclam, 1986. Universal-Bibliothek Nr. 1. S.13.
[158] Reucher, 1989, S. 71.
[159] Becker,1998, S. 271.
[160] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 210.
[161] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 210-212 und 215-217.
[162] Reucher, 1989, S. 73.
[163] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 216f.
[164] Ebd., 1958, S. 217–222 und 212-213.
[165] Reucher, 1989, S. 76.
[166] Vergl. zum Bsp. das Grimm-Märchen „Die zwölf Brüder“.
[167] Reucher, 1989, S. 54f.
[168] Reucher, 1989, S. 78.
[169] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 223 und 211.
[170] Gibson, 2000, S. 87.
[171] Homer (Schadewaldt), 1958, S. 224-228.
[172] Meier, 1990, S. 16.
[173] Laiblin, 1995, 126f.

Juni 20, 2009 um 6:30 |
Eine sehr interessante Seite hast du.
Juni 24, 2009 um 6:55 |
Danke sehr. Du auch. Auch ein Griechenlandanbeter wie ich sehe. Auch ein Literat. Auch ein Dichter. Auch ein Philosoph.