Mager

Sie betrachtete sich im Spiegel. Von vorne, von der Seite, von hinten. Sie strich mit der Hand über den Bauch, der sich flach zwischen ihren Beckenknochen spannte. Gott, war sie heute wieder dick! Sich über sich selbst ärgernd, dass sie dem halben Becher Magerjoghurt zum Abendessen nicht hatte widerstehen können, schlug sie sich heftig gegen den Bauch. Dann kniff sie wütend mit Daumen und Zeigefinger in Oberschenkeln und Bauch. Die roten Flecken, die dabei entstanden, störten sie nicht im Geringsten. Wie sie sich dafür hasste, dass sie nicht einen ebenso starken Willen hatte wie Severin! Vor einem Jahr hatten die beiden Freundinnen ein Abkommen getroffen, dass sie gemeinsam abnehmen wollten. Wer beim Essen sündigte, musste einen Franken in eine gemeinsame Kasse bezahlen. Im Moment waren 13 Franken drin, neun davon von ihr! Heute hatte sie zwar nicht gesündigt, aber sie fühlte sich trotzdem schuldig. Sie hatte den Tag mit Severin verbracht, die zum Mittagessen eine Kiwi gegessen hatte, während sie einen Apfel und ein Vollkornbrötchen zu sich genommen hatte. Das Abendessen hatte Severin ausgelassen, sie aber hatte natürlich dieses halbe Magerjoghurt essen müssen! Sie verabscheute sich für diese Undiszipliniertheit. Wie konnte sie ihre Ungezügeltheit rückgängig machen. Es musste eine Möglichkeit geben. Und es gab eine.

Sie ging auf die Toilette und versuchte zum ersten Mal, sich den Finger in den Hals zu stecken. Doch es klappte nicht. Sie würgte, und Speichel tropfte aus ihrem Mund, aber sie schaffte es nicht, den Finger tief genug in den Rachen zu stossen. Tränen der Enttäuschung und Verzweiflung fluteten über ihre geröteten Wangen. Was sollte sie bloss machen? Das schlechte Essen musste irgendwie wieder aus ihr heraus, sonst würde Severin ihren Vorsprung weiter vergrössern. Um sich für ihr Versagen selbst zu bestrafen, nahm sie die Nagelschere aus dem pink geblümten Necessaire und schnitt sich ein Stück Haut auf der Kuppe des Zeigefingers weg. Es schmerzte, als das Blut hervorquoll, doch sie genoss den Schmerz. Es war ein befriedigender, befreiender Schmerz. Sie betrachtete den dicken Blutstropfen, der wie ein kostbarer Rubin auf ihrer Fingerkuppe lag, einen Augenblick, denn steckte sie den Finger in den Mund und schmeckte das süssliche Blut auf ihrer Zunge. Schliesslich kroch sie in ihr Bett und zog die Decke ganz über sich. Sie rollte sich zusammen, machte sich ganz klein und nuckelte an ihrem Finger. Die Schwärze ihrer winzigen Höhle umfing sie mit mütterlicher Geborgenheit. Sie fühlte sich wie ein Fötus im Uterus. Die Zeit rann still an ihr vorbei. Sie zählte noch einmal die Kalorien des heutigen Tages zusammen und beschloss, am nächsten Tag überhaupt nichts zu essen.

Sie stand um sechs Uhr auf, kleidete sich an und trank schwarzen Kaffee mit Assugrin. Eigentlich hasste sie schwarzen Kaffee, doch seit einer Woche zwang sie sich, ihn so zu trinken. Mit Milch hatte er zuviele Kalorien. Sie würde sich mit der Zeit schon daran gewöhnen.

Im Zug schlief sie fast ein. Schwer fiel ihr das Kinn immer wieder auf die Brust, und sie musste sich zusammen nehmen, um dem Schlaf nicht nachzugeben. Einen Moment starrte sie aus dem Fenster, konnte aber nur die Reflexion der Zugfahrenden erkennen. Wenigstens konnte sie so unbemerkt die Reisenden studieren und sich daran freuen, dass sie die Schlankste von allen war. Selbstbewusst stieg sie vom Zug in den Bus um und wurde in diese verhasste Schule gefahren. Sie hoffte jeden Tag, dass der Bus einen anderen Weg nehmen und sie an einen ganz anderen Ort fahren würde, doch sie entging ihrem Schicksal nie, Tag für Tag wurde sie zur Schule gefahren ohne dass sie sich hätte wehren können. Sie quälte sich durch die Stunden, von den Mitschülern verstossen und gehänselt, von den Lehrern ignoriert. Auf die Hungerbauchschmerzen, die krampfartig auftraten, achtete sie nicht, und auch die tranceartige Leere, die dumpf in ihrem Kopf pochte und ein Gefühl erzeugte, als ob sie gar nicht lebte, versuchte sie auszuschalten, indem sie sich so gut es ging auf den Unterricht konzentrierte.

Als endlich Mittag war, packte sie ihren randvollen Schulsack und ging in den naturwissenschaftlichen Trakt, wo während der Mittagspausen kaum jemand war. Dort setzte sie sich, von einer Pflanze zum Eingang hin abgeschirmt, auf den Radiator und packte ihr „Essen“ aus: eine anderthalb Liter Flasche gefüllt mit kaltem Kaffee, der mit Assugrin und Zimt angereichert war. Sie trank den Kaffee langsam in kleinen Schlucken, wobei sie jeden Schluck „kaute“, um den Geschmack länger im Mund speichern zu können. Nach Beendigung des „Mahls“ ging sie auf die Toilette und trank Wasser, um den Bauch noch weiter zu füllen. Kontinuierlich floss das kalte Wasser ihre Kehle hinab, und sie trank, zwang sich zu jedem Schluck, bis das Hungergefühl in diesem Meer in ihrem Magen langsam  ertrank. Als sie endlich zufrieden war, fühlte sie sich wie ein zum Bersten mit Helium gefüllter Ballon.

Am Nachmittag hatte sie zuerst eine Stunde Deutsch und danach Sport. Diese Sportstunde war allerdings speziell, weil ihre Klasse und die Parallelklasse, in die Severin ging, einen Gemeinschaftslauf durchführen mussten, welcher der Schule Geld einbrachte. Je mehr Schüler den Fünf-Kilometer-Lauf innerhalb einer gewissen Zeitspanne beendeten, desto mehr Geld gab es. Anfangs lief sie mit Severin und plauderte ein bisschen mit ihr, aber bald gab die Freundin ihr zu verstehen, dass sie sich und die anderen herausfordern wolle, indem sie über die gesamte Strecke eine Topgeschwindigkeit beizubehalten versuchen wolle. Sie trabte also in ihrem gemächlichen Tempo weiter und hörte mit jedem Schritt das Wasser in ihrem Bauch glucksen, während Severin ihre Geschwindigkeit erhöhte und bald ausser Sichtweite war. In Gedanken stellte sie den Essensplan für den nächsten Tag zusammen: morgens Kaffee, mittags ein Magerjoghurt und einen kleinen Apfel, abends ein kleiner Salat mit Maggi, aber ohne Sauce. Schritt für Schritt trieb sie vorwärts, doch sie fühlte, wie ihre Kräfte schwanden. Sie keuchte wie eine alte Dampflokomotive und zu allem Übel quälte sie auch noch fieses Seitenstechen. Sie verlangsamte, ging einige hundert Meter in Schritttempo, ehe sie wieder beschleunigte. Fast hatte sie es geschafft. Sie war auf ihrem zweitletzten Rundgang, als sie vor sich eine Ansammlung von Schülern sah, die sich über etwas in ihrer Mitte beugten, und sie fragte sich, was da wohl los war. Als sie bei der Menschengruppe angekommen war, sah sie, was es war, das da am Boden lag, und ihr stockte der Atem. Es war Severin! Sie lag bewusstlos auf der feuchten Erde und sah aus wie eine der Mumien, die sie im Museum in Kairo gesehen hatte: vertrocknet, eingefallen, ohne Fleisch, nur Haut und Knochen, die Oberschenkel so dünn wie die Oberarme einer schlanken Frau. Jemand hatte den Sportlehrer gerufen, der jetzt angejoggt kam, Severin aufzuwecken versuchte und sie, als das sinnlos schien, wegtrug.

Nachdem sie sich in der Garderobe umgezogen hatte, bürstete sie sich die Haare und schaute in den rahmenlosen Spiegel. Die Augen, die ihr entgegen blickten, waren nicht die ihren, es waren Severins Augen. Sie erschrak und wandte sich schnell ab. Doch diese Sekunde der Illusion hatte gereicht, um ihr bewusst zu machen, dass sie gar nicht mehr sooo weit von Severin entfernt war. Auch ihre Wangen waren schon ein wenig hohl, auch ihre Knochen stachen bereits ein kleines bisschen hervor.

Am nächsten Tag erfuhr ihre Klasse, dass Severin tot war. Gestorben an Herzversagen, bedingt durch ihr extremes Untergewicht. Sie fühlte sich wie gelähmt. Konnte das wahr sein? Severin tot – von einem Moment auf den anderen? Die fitte, zielstrebige, willensstarke, selbstbewusste Severin – durch einen 5-Kilometer-Lauf dahingerafft? Es kam ihr alles so unrealistisch vor. Es kam ihr vor, als habe man eine grosse, gläserne Glocke über sie gestülpt und als nähme sie ihre Umgebung nur noch dumpf und verschwommen wahr. Sie wusste nicht, wie sie diesen Morgen hinter sich brachte, aber am Mittag ging sie in die Mensa und hörte sich selbst das Menü bestellen – zum ersten Mal seit zwei Jahren.