Dass der Nikolaus Jahr für Jahr an Weihnachten Geschenke auf seinen grossen Schlitten lädt und seine Rentiere einspannt, um durch die Nacht zu fliegen und den Kindern, die das Jahr über artig gewesen sind, Geschenke zu bringen, ist altbekannt.

Wie der Nikolaus jedoch zu seinen Rentieren gekommen ist, weiss heute kaum mehr jemand. Aus diesem Grunde will ich diese Geschichte  hier erzählen.

Also – unsere Erzählung führt uns geographisch und zeitlich weit fort. Wir fliegen in Gedanken über Europa, über das Meer, über Grönland zum Nordpol. Auch das Rad der Zeit drehen wir zurück, weiter als das Mittelalter, weiter und weiter bis zum 4. Jahrhundert nach Christus, als der Bischof von Myrra starb und sein Geist zum Nordpol flog und dort zum Sankt Nikolaus wurde.

Wenn wir angekommen sind, wo wir ankommen wollten, werden wir sehen, dass damals, am Anfang, der Nikolaus seine Geschenke selbst anfertigte und verteilte. Doch obschon der Nikolaus schneller als alle anderen laufen konnte, war es für ihn sehr mühsam, alle Geschenke in einem Beutel auf dem Rücken tragend zu Fuss zu verteilen. Deshalb geschah es anfangs oft, dass der Santa Klaus einige Geschenke zu spät ablieferte. Er schaffte es nie, mehr als zwei- oder dreihundert Kinder zu beschenken. Für mehr reichte es einfach nicht. Und sogar wenn er mehr Zeit zum Verteilen gehabt hätte, so hätte er doch nicht mehr Geschenke fortgeben können, da er während des Jahres nicht mehr anfertigen konnte. Das änderte sich erst, als die Wichte, kleine Männlein und Frauchen, die tief unter der Erdoberfläche wohnen, die Not des Weihnachtsmannes sahen, und ihm anboten, ihm zu helfen. Seither besitzt der Nikolaus eine riesige Werkstatt am Nordpol, in der Hunderte von diesen kleinen Erdbewohnern Spielzeug und Gebrauchsgegenstände herstellen.

Der Weihnachtsmann selbst musste sich nun nicht mehr um die  Produktion der Geschenke kümmern; trotzdem war und ist er ein durchaus vielbeschäftigter Mann. So muss er seine Augen und Ohren offen haben, um zu sehen, ob die Kinder artig oder frech und ungezogen sind. Er muss des weiteren die Materialien beschaffen, die seine Helfer zur Herstellung der Geschenke brauchen. Als Chef der Werkstatt hat er die Aufsicht über die Wichte, organisiert und plant, schlichtet Streitereien, prüft die fertigen Geschenke, lobt und tadelt. In den Händen des Weihnachtsmannes laufen alle Fäden der Werkstatt zusammen; er ist es, der dafür sorgt, dass sein Betrieb reibungslos läuft. Ab September trudeln die ersten Wunschlisten ein, und Santa Klaus muss darüber entscheiden, ob der Briefsender das Gewünschte erhalten soll. Dazu holt er sein schweres, goldenes Buch hervor, schlägt unter dem Namen des Kindes nach, das ihm den Wunschzettel geschrieben hat, und sieht aus seinen Einträgen, was das Kind in den vorhergegangenen Monaten Gutes oder Schlechtes getan hat. Je nachdem, was in diesem goldenen Buch vermerkt ist, erhält das Kind, was es sich gewünscht hat – sofern der Wunsch gut und erfüllbar ist. Natürlich ist es schon oft geschehen, dass ein Kind sich etwas Unerfüllbares gewünscht hat: zum Beispiel, dass seine tote Mutter wieder zurückkommt oder dass es viel stärker wird als alle seine Kameraden. Santa Klaus versucht in solchen Fällen, ein passendes Ersatzgeschenk zu finden; zum Beispiel eine kleine Katze für das Kind, das seine Mutter verloren hat oder ein Paar Hanteln für den Jungen, der sich Kraft wünscht. Zum Ärger des Weihnachtsmanns sind unter den Wünschen auch immer einige schlechte. Wenn ein von Natur auf aggressiver Junge sich eine Steinschleuder wünscht oder wenn ein dickes Mädchen, das das ganze Jahr zu viele Süssspeisen isst, Schleckwaren begehrt, so sind das schlechte Wünsche. Auch hier greift der Nikolaus ein. Der Junge wird einen Boxsack unter dem Christbaum finden, an dem er sich abreagieren kann. Dem Mädchen jedoch wird ein Korb voller exotischer Früchte gereicht werden.

Die Anzahl der zu verteilenden Geschenke verfünffachte sich dank der Mitarbeit der hilfsbereiten Wichte binnen kürzester Zeit und wuchs von da an ständig weiter. Bald konnten alle Kinder beschenkt werden, die an den Weihnachtsmann glaubten. Doch durch dieses Ansteigen der Geschenkzahl war das Problem, dass der Santa Klaus zu Fuss zu langsam war, um alle Gaben rechtzeitig auszuhändigen, noch grösser geworden. Ein Transportmittel musste her!

Die Wichte, die für ihr Leben gern tüfteln und neue Dinge erfinden, entwarfen einen Schlitten, mit dem man auf Schnee und Eis gut fahren kann. Bisher hatte der Santa Klaus seine Geschenke vor den Türen der Häuser abgeladen, die Wichte fanden aber, es sei praktischer, wenn er durch den Kamin ins Haus rutschen würde, um dort die Geschenke direkt unter den Weihnachtsbaum zu legen oder in die Strümpfe zu stopfen, die manche Leute im Winter am Kaminsims befestigen, damit sie von der Wärme des Feuers getrocknet werden. Aus diesem Grund  erfanden sie zudem ein Zauberpulver, das den Zugtieren des Schlittens die Fähigkeit zu fliegen verleihen sollte. So weit, so gut, jetzt mussten also nur noch die passenden Tiere gefunden werden, die den Schlitten durch den Himmel ziehen konnten. Der Nikolaus liess einen Aufruf durch die Welt gehen, dass diejenigen Tiere, die diese Arbeit übernehmen wollten, sich melden sollten. In den folgenden Wochen versammelten sich nach und nach unzählige Tiere, die von allen Ecken und Winkeln dieser Welt zum Nordpol gekommen waren, um sich für das Schlittenziehen zu bewerben. Der Santa Klaus war über einen derartigen Andrang ziemlich erstaunt, er hatte nicht damit gerechnet, dass diese Arbeit so begehrt sein würde. St. Nikolaus begutachtete alle Bewerber sorgfältig. Viele Tiere waren jedoch gänzlich ungeeignet. Deshalb wurden zum Beispiel die Giraffen aus Afrika wieder zurückgeschickt, weil ihr langer Hals einen zu grossen Luftwiderstand verursacht hätte. Auch das Nashorn wurde heimgeschickt, weil sein Anblick für die Menschen vielleicht etwas zu furchterregend gewesen wäre. Das Pferd, das in die engere Wahl gekommen war, sonderte man aus, weil es auf einem Probeflug bei der Landung auf den vereisten Hausdächern ausrutschte. Die Wölfe schieden aus, weil sie mit ihrem ständigen Gejaule alle Leute aus ihren Betten geschreckt hätten. Auch der Elefant kam nicht in Frage; unter seinem Gewicht wären die Hausdächer eingebrochen. Am Schluss blieben nur der Eisbär und das Rentier übrig. Der Nikolaus beschloss, ein Wettrennen zu veranstalten und demjenigen den Job zu geben, der auch ohne Zauberpulver schneller war. Das Rennen sollte über eine ziemlich weite Strecke vom Nordpol nach Alaska und wieder zurück führen. Auf das Startsignal preschten die beiden Konkurrenten los, Kopf an Kopf ging es über Schnee und Eis, später durchs Meer bis nach Alaska. Da es dort dichte Wälder gab verhedderte sich jedoch das Rentier, das damals noch ohne Geweih war, in einer Astgabel. Der Eisbär, der von kleinerer Höhe war, rannte problemlos unter dem Geäst hindurch und gewann so an Vorsprung. Das Rentier aber bäumte sich auf und gebärdete sich wie wild, um sich vom Gehölz, das fest seinen Kopf umklammerte, zu befreien. Endlich brach der Ast und das Rentier rannte mit dem seltsamen Kopfputz auf der Stirn, der sich nicht abschütteln liess, weiter. In gestrecktem Galopp preschte es weiter durch den Wald, um den Eisbären wieder einzuholen. Am Wendepunkt drehte es sich behände und lief den Weg, den es gekommen war, zurück. Der Eisbär blieb jedoch ausser Sichtweite. Erst als das Rentier schneller als ein Fisch durch das Meer geschwommen war und schneller als der Wind Grönland durchquert hatte, kam, wenige Kilometer vor dem Ziel, der weisse Bär in Sicht. Das Rentier gab noch einmal sein Bestes, denn es wollte diese Arbeit beim Nikolaus unbedingt bekommen, und schaffte es, drei Meter vor dem Ziel den Eisbären um Kopfeslänge zu überholen. Der Nikolaus lachte über den lustigen Kopfputz des Gewinners und meinte, von nun an sollten alle Rentiere einen solchen Schmuck tragen, damit jeder sie als Sieger dieses Rennens und als Gehilfen des Nikolaus erkennen würde.

So also kam der Santa Klaus zu seinen Rentieren und das Rentier zu seinem Geweih.