Es ist wieder einmal so weit. Weihnachten steht vor der Tür. Die Menschen kaufen Weihnachtsschmuck in den von bunten Kugeln, Girlanden, Engelshaar und Kerzen auseinanderberstenden Kaufhäusern; die Kinder singen auf dem Weg zur Schule „Oh du fröhliche“ und schleichen sich zwischendurch auf leisen Sohlen in den Keller, um dort nach Päckchen zu stöbern, auf denen verheissungsvoll ihre Namen stehen.  An den Fassaden der Häuser klettern rot gekleidete Santas empor; die Strassen der Städte sind in der Nacht beleuchtet mit Tausenden von Lichtern. Aus den Küchen strömt der Duft von Lebkuchengewürz und frisch gebackenen Zimtsternen, Aniskrapfen und Mandelgebäcken; die Männer decken sich mit gutem Wein ein, damit die Gäste in der Heiligen Nacht nicht auf dem Trockenen sitzen. Tja, so schön das Weihnachtsfest ist, so viel gibt es zu tun. Da werden Geschenke mehr oder weniger kunstvoll verpackt, da muss das Bäumchen geschmückt werden, da……- doch halt, was sagte ich eben: das Bäumchen muss geschmückt werden? – Natürlich! Es steht ausser Zweifel, dass ohne Weinachtsbaum alles nur halb so toll ist. Das Bäumchen hat seinen festen Platz im Brauchtum des Weihnachtfeierns. Doch – wenn wir dieser uralten Tradition bis heute gefolgt sind, sollten wir dann nicht auch wissen, woher sie kommt, diese Tradition, die so gewichtig ist, dass ohne sie beim Feiern keine richtige Stimmung aufkommt? Nun, ich will sie euch erzählen, die Geschichte des Christbaums, die zugleich die vergessene Geschichte von Safina und Serun ist. Macht es euch bequem und lauscht meiner Stimme, die euch an diesem kalten Dezembertag die Herzen wärmen wird mit einer Geschichte aus einem fernen Land aus einer fernen Zeit, wo noch vieles anders war……

Safina war eine junge Frau, die mit ihren Eltern am Rande eines grossen Nadelwaldes lebte. Safina war kein verwöhntes Mädchen, ihre Eltern waren einfache Leute ohne viel Besitz. Deshalb verkaufte sie Beeren und Pilze, die sie im finsteren Wald, in den sich kaum jemand traute, sammelte. Die Dorfbewohner erzählten sich von einer bösen Hexe, die dort ihr Unwesen trieb. Safina waren diese Gerüchte nur recht, denn so war sie die einzige, die die Früchte des Waldes pflückte, und niemand machte ihr das sowieso schon karge Geschäft streitig. Safinas Handel blühte leider nie so recht. Da die Dorfbewohner allesamt keine reichen Leute waren, kauften sie, was sie wirklich zum Leben brauchten: Salz, Mehl, sättigende Knollen. Beeren und Pilze waren eher eine Delikatesse und füllten den Bauch kaum. So verkaufte Safina oft nur etwas, wenn einer aus dem Dorf im Glücksspiel gewonnen hatte, wenn ein Fest anstand oder wenn es eine barmherzige Seele gut mit ihr meinte. Die Einahmen, die das Mädchen machte, reichten gerade aus, um für sich und seine Familie die notwendigen Grundnahrungsmittel und für den Winter eine Decke oder ein Paar Handschuhe und eine Mütze zu besorgen. Doch obwohl Safina Grund genug dazu gehabt hätte, mit ihrem Leben unzufrieden zu sein, war sie es nicht. Sie verrichtete ihre Arbeiten ohne zu klagen und schätzte sich glücklich, ihre Eltern noch um sich zu haben, denn das war nicht selbstverständlich. Wie viele Menschen hatte die klirrende Strenge des Winters schon dahingerafft! Dazu kam, dass die junge Frau sehr verliebt war und zwar in ihren Verlobten Serun. Und wie man ja weiss, vermag die Liebe Wunder zu bewirken. So verleiht sie den einen Flügel, den anderen färbt sie die Welt rosarot; aus Knechten macht sie Könige und Leidtragenden macht sie das Leid erträglicher. Safina freute sich ganz besonders auf den Weihnachtsabend, denn dann kam ihr Geliebter und würde mit ihr und ihren Eltern den schönsten Tag des Jahres feiern. Safina hatte eine alte Vase verkauft, die sie von ihrer Grossmutter geerbt hatte, und hatte dafür Mandelkonfekt erworben, mit dem sie an diesem Abend ihre Liebsten überraschen wollte, denn Mandelkonfekt war etwas sehr Besonderes. Aber bevor es so weit war, mussten noch viele Arbeiten erledigt werden. Um das Weihnachtsessen zu kochen musste sie Wasser aus dem See im Wald holen. Sie schnappte sich die beiden Eimer mit den hölzernen Deckeln, die ein Verschütten des Inhalts unmöglich machten, und ging pfeifend in den Wald. Mit jedem Schritt wurde der Wald dichter und schwärzer, verlor sich das fahle Licht der matten Wintersonne mehr. Safina schlenkerte ihre Eimer und war voller Vorfreude für den Abend. Sie bemerkte nicht, dass sie auf ihrem Weg beobachtet wurde. Wie hätte sie das auch merken können, sie war es sich seit Jahren gewohnt, der einzige Mensch zwischen diesen hohen, düsteren Bäumen zu sein. Weshalb hätte sie also argwöhnisch sein sollen? Safina pfiff ahnungslos vor sich hin und stellte sich vor, der Nebel, der auf Augenhöhe zwischen den Stämmen hing, sei glitzernder Sternenstaub. Nach einiger Zeit kam sie zum See, aus dem sie jeden Tag Wasser schöpfte. Für die Körperpflege genügte das Wasser aus dem Bach, das etwas schlammig schmeckte, zum Kochen und Trinken jedoch verwendete die Familie Safinas nur das Wasser aus diesem See, das auf wunderbare Weise so klar und frisch war wie das eines Bergquells. Die junge Frau kniete sich auf der weichen Mooszunge nieder, die in den See leckte, und füllte ihre Eimer mit dem kalten Nass. Wie sie das tat, fiel plötzlich von hinten ein Schatten über sie, packte sie augenblicklich an den Armen und riss sie empor in die Lüfte. In rasendem Tempo flitzte die Hexe mit ihrem Opfer zwischen den Baumstämmen hindurch. Safina wusste nicht, wie ihr geschah, ihr schwindelte von der ungeheuerlichen Geschwindigkeit, und die Angst hatte pfeilschnell von ihr Besitz ergriffen. Ihre Glieder waren starr, sie vermochte keinen vernünftigen Gedanken mehr zu fassen, und Panik pochte in ihren Schläfen. Nach Minuten der Qual war der Flug endlich zu Ende. Die Entführerin landete mit dem Mädchen vor einer Holzhütte mitten in diesem finsteren Wald. Safina drehte sich zu ihrer Entführerin um und erschrak ob deren hässlichem Aussehen. Eine knollige Nase ragte aus einem runzligen, alten Gesicht. Die Augen waren gross und stechend, das Haar schütter und strähnig. Ihr magerer Körper war in ein sackartiges Leinentuch gewickelt, was sie aussehen liess wie eine Bettlerin. Die Alte stiess Safina vor sich her in die Hütte. Dann warf sie ihr einen Besen vor die Füsse, fasste sie scharf ins Auge und sagte: „Das Mädel, das ich vor Jahren entführt habe und das all die Zeit für mich gearbeitet hat, ist vor wenigen Tagen am Waldfieber gestorben, du wirst nun an ihre Stelle treten. Erledigst du deine Arbeiten wohl und zu meiner Zufriedenheit, so werde ich dir gestatten, des Nachts zu schlafen und ab und zu ein Stück Brotrinde oder  Käse zu essen. Bist du aber unartig oder versuchst gar, mich hinters Licht zu führen, dann soll es dir wahrlich schlecht ergehen. Nun, die Wahl liegt bei dir. Falls du dich dazu entschliesst, mir zu Diensten zu stehen, dann kannst du gleich damit beginnen, den Fussboden zu kehren. Danach muss Holz gehackt, die Wände geschrubbt, mein Bett gemacht werden. Wenn du damit fertig bist, machst du mir etwas zu essen.“

Safina getraute sich nicht, etwas zu sagen. Dies alles kam ihr wie ein Alptraum vor. Sie überlegte kurz, was sie tun sollte, hob schliesslich den Besen auf und begann mit dem Säubern des Fussbodens, denn sie hielt es für das Beste, erst einmal zu tun, was die Hexe verlangte. Das böse Weib aber liess sie nie aus den Augen, verfolgte sie auf Schritt und Tritt, um sicherzugehen, dass sie nicht fliehen würde. Safina schuftete, bis der Mond am Himmel stand, dann erst führte sie die Hexe in ein kleines Nebenkämmerchen, in dem ein prächtiger Tannenbaum stand. An seinen Ästen hingen farbige Glaskugeln, was den Baum richtig strahlend aussehen liess. Die Hexe zauberte Safina mit einem kurzen, zischelnden Zauberspruch in eine der Kugeln hinein. Dies sollte ihre Schlafstätte für die Nacht sein. Schlafstätte und Gefängnis in einem.

Man kann sich vorstellen, wie sich die Eltern von Safina um ihre Tochter besorgten, nachdem diese nicht mehr nach Hause zurückgekehrt war und in welche Aufregung auch Serun geriet, der schon lange zur Weihnachtsfeier eingetroffen war und von den Eltern Bescheid erhalten hatte über das Verschwinden seiner Verlobten. Serun liess es sich nicht nehmen, sich auf die Suche nach Safina zu machen.  Der junge Mann kämpfte sich durch den finsteren Wald, irrte von Westen nach Osten, bis er endlich den See im Mondlicht silbern glitzern sah. Er fand jedoch nichts als die beiden Eimer, die am Ufer liegen geblieben waren. Verzweifelt suchte der Mann das Bord nach weiteren Spuren ab, kniff, nachdem er nichts hatte ausmachen können, die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen und spähte so in alle Richtungen. Aber so sehr er sich auch bemühte, er konnte nichts erkennen, was ihn auf die Spur Safinas gebracht hätte. Entmutigt setzte er sich auf den feuchten, moosigen Boden und sann darüber nach, was er tun sollte. Da hörte er auf einmal den Ruf einer Eule über sich. Er erhob sich und schritt zu dem Baum, auf dem das Tier sass, um es zu betrachten. Die Eule drehte ihren Kopf nach links, dann nach rechts, fixierte den Menschen unter ihr mit ihren grossen, runden Augen, stiess nochmals einen Ruf aus und flog dann in nordwestliche Richtung. Serun verspürte auf seltsame Weise den Drang, dem Vogel der Nacht zu folgen. Er lief der Eule nach durch ein dunkles Dickicht von Tannen und anderen Nadelbäumen, stolperte über Wurzeln und Steine, bis endlich, nach anstrengendem Lauf, sich ein Hüttchen aus dem Schwarz der Nacht abhob. Serun blieb keuchend stehen. Sein Brustkorb hob und senkte sich in kurzen Abständen, er stiess die Luft gepresst und schnell aus dem Munde. Die Eule flatterte um ihn herum, füllte ihre Krallen mit kleinen Zweigchen, die auf dem Boden lagen, und landete damit auf einem grossen, flachen Stein in der Nähe. Die Ästchen legte sie vor sich auf den Stein und begann, sie so zu arrangieren, dass Worte entstanden. Nach einiger Zeit konnte Serun lesen, was der geheimnisvolle Vogel deutlich machen wollte. Nur eine ist die deine, stand dort. Der junge Mann verstand zwar nicht, was die Eule damit meinte, bedankte sich aber mit einem Kopfnicken und schlich sich zum Haus. Durch ein Fenster konnte er direkt in die Stube blicken, wo die hässliche Alte auf einer weich gepolsterten Pritsche tief und fest schlief. Serun öffnete die Tür und betrat den Raum, der mit dem Licht einer Kerze spährlich erhellt war. So leise wie nur irgend möglich ging er in der Kammer auf und ab und hielt Ausschau nach Safina. Als er sie nirgends entdecken konnte, ging er durch eine zweite Tür in das Nebenzimmer mit dem Tannenbaum. Von der Schönheit dieses Baumes entzückt, blieb er einen Moment stehen und betrachtete ihn in stiller Wonne. Als er ihn sich genauer ansah, bemerkte er, dass in jeder der Kugeln Safina steckte. Mal schlief sie, mal weinte sie oder klopfte gegen die Kugelinnenwand. Serun war verdutzt, aber er wusste nun, was die Eule gemeint hatte. Es galt, die richtige Safina unter diesen vielleicht Hundert Safinas herauszufinden. Eine schwierige Aufgabe! Serun schloss für einige Sekunden die Augen und versuchte sich vorzustellen, wie seine Verlobte sich wohl in der Kugel verhalten würde. Es dauerte nicht lange und er wusste mit absoluter Gewissheit, dass sie, weil sie in dieser Situation wohl kaum schlafen konnte und weil sie sich selber beruhigen wollte, singen würde. Das tat sie immer, wenn sie ihre Angst und Verzweiflung unter Kontrolle bringen wollte. Die Kugeln am Baum wurden abgesucht, und es war die siebzehnte, in der eine singende Safina zu sehen war. Serun griff sich die rote Glaskugel und legte sie vor sich auf den Boden, worauf sie barst und die Frau freigab, die in rasendem Tempo zu ihrer normalen Grösse heranwuchs. Die beiden umarmten und herzten sich in überschwänglicher Freude, und Safina sagte: „Oh, Serun, was bin ich froh, dass du mich gefunden und gerettet hast. Ich musste stundenlang schmutzige Arbeiten für die Hexe erledigen.“

Serun gab ihr einen Kuss und erwiderte: „Meine Arme. Aber jetzt ist alles wieder gut. Komm, lass uns diesen schrecklichen Ort verlassen.“

„Warte“, hielt ihn Safina zurück. „Die Hexe schöpft ihre Kraft von einem gelben Steinchen, das sie ständig in der Hand hält, das habe ich genau beobachtet. Wir wollen es ihr nehmen, damit sie niemandem mehr etwas Böses antun kann.“

Der mutige Jüngling schlich sich also an die schlafende Hexe an, öffnete ihr die verkrampften, sehnigen Finger so geschickt, dass sie nicht erwachte und entnahm den Zauber-Stein. Das junge Paar machte sich glücklich auf den Heimweg und warf den Stein, damit er kein Unheil mehr anrichten konnte, in den See, aus dem Safina gewöhnlich ihr Wasser schöpfte. Kaum hatte das Steinchen jedoch die Wasseroberfläche berührt, tauchte ein grosser Krug mit Tausenden von Goldstückchen aus der Tiefe des Sees auf. Safina und Serun blickten einander freudestrahlend an und zogen den Krug eifrig aus dem Wasser.

Von diesem Tage an hatte die Familie Safinas genug Geld, um ihr ganzes Leben ohne Sorgen um das Morgen zu verbringen. Und Safina und Serun, die bald darauf heirateten, waren selbstlos genug, einen Teil der Goldstücke an die Bewohner ihres Dorfes zu verteilen. -

Seit der Rettung Safinas wird zum heiligen Fest ein Weihnachtsbaum aufgestellt und mit glänzenden Glaskugeln geschmückt. Er soll sowohl an die Geschichte von Safina und Serun erinnern wie auch an den Tag, an dem die beiden Glück und Wohlstand über ihr Dorf brachten. Und weshalb man zu Weihnachten singt, das muss ich jetzt auch nicht mehr erklären, oder?