Der Schleier der Nacht fällt über den Himmel und verdrängt die Helligkeit des Tages. So, wie langsam die langen Schatten aus der Weite des Landes kriechen, keimen in meinem Herzen Erinnerungen auf, werden grösser und grösser, unaufhörlich, bis sie den letzten, kleinsten Winkel meines Selbst ausgefüllt haben.
Ich fühle einen stechenden Schmerz in meinem Herzen; mein Atem rasselt.
Ich versuche ruhig zu bleiben und horche angestrengt in mich hinein. Nach einiger Zeit höre ich Bilder, die vor meinem blinden Auge vorüberziehen. Ich höre das streichelnde Geräusch deiner Finger, die mir durch die Haare fahren. Ich vernehme deine weiche, vertraute Stimme, die mir zärtliche Worte ins Ohr flüstert. Ich halte die Laute in meinem Herzen fest und setze mich kraftlos auf die weissbedeckte Erde. Meine Nase schnuppert in die frische Luft, die nach der herben Nässe des Winters riecht und sich auf einmal mit dem Duft deiner Haut vermengt. Betörend umschmeichelt dieser Duft meine Sinne, lockt, schmachtet und ruft nach mir, bis es ihm gelungen ist, meinen Geist von meinem Körper zu trennen und ihn mühelos mit sich fortzutragen. Mein Körper bleibt auf dem glitzernden Boden zurück, aber mein Geist entschwebt leicht wie eine Feder in luftige Höhen. Eine tiefe Stille kommt mir entgegen und nimmt mich in ihre Arme wie du es immer getan hast
Einem Ei gleich liegt meine Seele in die Gebärmutter der Nacht gebettet. Schützend umhüllt sie meinen Geist mit ihrem schwarzen, samtigen Mantel, als wäre sie um mich besorgt wie eine Mutter um ihr Kind besorgt ist. Die Nacht ist meine Gastgeberin geworden.
Szenen, Bilder, Worte aus unserer gemeinsamen Zeit leben jetzt wieder auf und lassen meine Seele leuchten; ein Leuchten, das aus meiner vollkommenen Liebe entsteht.
Auf der Erde werden einige aufmerksame Menschen dieses Leuchten als neuen Stern bezeichnen.
Meine Lippen haben vor kurzem zu zittern aufgehört. Die Nacht ist kalt und der Winter streng. Am nächsten Morgen wird man einen leblosen Körper im Schnee finden, dessen Herz erfroren ist, obwohl es von der Erinnerung an diese eine Liebe gewärmt wurde. Meine steife Hand wird noch immer den Bernsteinanhänger umklammert halten, das erste Geschenk, das ich von dir bekommen habe; diese „Träne der Sonne“, die niemals versiegt und deren Glanz vielleicht sogar den neuen Stern am Himmel überdauern wird.