1. Griechische Bronzezeit und Archaik
Schon früh, das heisst etwa um 3000 vor Christus, entstanden im ägäischen Raum dreidimensionale, plastische Bildwerke. Der Frau als Mutter, als Wesen, das, wie die Erde auch, befruchtet wird, in ihrem Bauch ein Baby austrägt und dieses schliesslich als kleines, doch vollkommen „funktionierendes“, lebendes Wesen gebärt und nährt, gebührte eine grosse Anerkennung. Deshalb zeigen viele Darstellungen nicht nur die sterbliche Frau, sondern auch viele Mutter-Gottheiten. Die Wertschätzung der Frau kann man nachvollziehen, wenn man bedenkt, dass das weibliche Wesen nicht nur fruchtbare Lebensspenderin der Menschen war, sondern stellvertretend als die Grosse Mutter angesehen wurde, die sogenannte Ur-Mutter, aus deren Schoss einst alles entstanden war: Pflanzen, Tiere, Menschen.
In der Ausformung halten sich die Figuren dieser Zeit in einem Primitvschema, allerdings sind die altsteinzeitlichen Gestalten viel plumper, massiger, dickbäuchiger und kurzbeiniger als etwa die jungsteinzeitlichen Frauenplastiken der Kykladen. Diese sind langgestreckter, haben einen säulenartigen, langen Hals, sind schlank und weisen eine gewisse Zwitterhaftigkeit aus.
Erst um etwa 600 vor Christus begannen die Griechen, den Mann ganz nackt darzustellen. Bei den olympischen Wettkämpfen hatten die Männer nämlich damit begonnen, den störenden Lendenschurz abzulegen. So stellten die Künstler die Sportler fortan oft nackt dar. Aber noch waren die Leiber nicht so perfekt proportioniert, die Muskeln so fein ausgestaltet wie wir das aus der Klassik und dem Hellenismus kennen.
Mit der Zeit formten sich die plastischen und die zweidimensionalen, nicht-räumlichen Darstellungen auf Keramik immer mehr aus.
2. Klassik und Hellenismus
Durch genaue Studien des menschlichen Körpers waren die Griechen schliesslich fähig, Skulpturen von unbeschreiblicher Schönheit und anatomischer Genauigkeit zu schaffen. In den grossen Museen dieser Welt bewundern wir die gut proportionierten Statuen von olympischen Sportlern. Es sind wunderschöne, kräftige Leiber, von denen wir jeden einzelnen Muskel sehen. Idealisierte Körper, die für die individuellen physischen Mängel der Modelle keinen Raum liessen. Schon damals gab es also das Ideal, wie ein Mensch zu sein hatte, und entsprach er nicht diesem Vorsatz (was kaum hundertprozentig möglich war), wurde er in seiner Abbildung kurzerhand verschönert. Heute werden in der Werbung die Fotos von Models auch retouchiert, wenn sie nicht bis ins kleinste Detail der Vorstellung des gängigen Schönheitsideals entsprechen. Plötzlich sind die Lippen voller, die Haare glänzender, ist die Haut reiner und die Nase schmaler als in Wirklichkeit.
Wir sehen Bewegung, Stolz, Anmut und Kraft in den Figuren dieser Zeit, doch selten werden wir irgendeines Gesichtsausdrucks, einer Mimik, gewahr. Nach einem lachenden, strahlenden Gesicht kann man unter griechischen Stauen lange suchen. Meist sind die Gesichter ernst, stolz und mit einem Ausdruck grossen Selbstbewusstsein. Eher als ein lachendes Gesicht zeigen sich schmerzerfüllte oder ängstliche Züge, so zum Beispiel in der Figurengruppe, die den Todeskampf des Lakoon zum Thema hat.
Wie die Frau in der Bronzezeit und der Archaik die Hauptrolle in den Darstellungen gespielt hatte, wurde sie mit Beginn der Klassik in eine Nebenrolle gedrängt. Die Ehefrau als Regentin über Kinder und Haushalt war vom öffentlichen Leben fast vollkommen ausgeschlossen. Sie führte ein unterdrücktes Leben und wurde als Person und Individuum überhaupt nicht wertgeschätzt. Deshalb, und weil in den Augen des Staates allein der athletische Mann Träger des Staatswohls und des Krieges war, wurde bloss der Mann als abbildungswürdig angesehen. Die Kunst hatte den Zweck, das Augenmerk der Bürger auf wichtige und erstrebenswerte Dinge zu lenken, und weil die Frau eine solch geringe soziale Bedeutung hatte, musste sie auch in der Kunst zur Seite treten.
3. Hochrenaissance
Durch die grosse Horizonterweiterung des Menschen in der Hochrenaissance traten neben die althergebrachten kirchlichen Motive neue Inhalte, die es wert schienen, künstlerisch umgesetzt zu werden. Der Mensch als Darstellungsobjekt rückte von seiner Statistenrolle neu ins Rampenlicht des künstlerischen Interesses. Er drückte mit seinem Körper und Sein Grösse und Majestät aus. Im Menschen pries Gott seine Schöpfung. Mit dem erwachten Interesse am Menschen und an der Natur begann die Suche nach messbaren Proportionen. Albrecht Dürer und vor allem auch Leonardo da Vinci knüpften an die medizinischen Sektionen der Vorrenaissance an und erforschten im 15. und frühen 16. Jahrhundert die Anatomie des menschlichen Körpers. Sie stellten Proportionslehren auf und leisteten somit einen grossen Beitrag für die naturgetreue Abbildung des Menschen in der Kunst.
4. Barock
Der Barock entwickelte sich aus der Renaissance. Da einige offizielle Akademien keine weiblichen Aktmodelle zuliessen, fanden Aktstudien vorwiegend in privaten Akademien statt. Die Darstellung nackten Fleisches entfaltete sich im Barock aus der Rechtfertigung des mythologischen oder biblischen Themas heraus. Die Malerei konnte mit den Gegensätzen „nackte – bekleidete Menschen“, „helles, blühendes Frauenfleisch – dunkles, muskelbepacktes Männerfleisch“, ect. arbeiten. Die Aktmalerei erlangte vor dem Hintergrund einer unwirklichen, idealisierten Darstellung der Antike eine neue, immense Bedeutung. Durch das gezielte Einsetzen von Hell-Dunkel, von treffenden Farben und von Lichtreflexen konnten die sinnlichen Reize des schwülstigen, nackten Körpers, die genaue Widergabe des Materiellen und der Ausdruck des seelischen Zustands gesteigert werden.
5. Moderne
Die Aktmalerei des 20. Jahrhunderts ist so unterschiedlich und manchmal auch widersprüchlich, dass man sie nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen kann. Viele Künstler haben mit ihrer teilweise sehr persönlichen Sichtweise das Menschenbild der Moderne beeinflusst. So sind zum Beispiel die Akte des Expressionismus gekennzeichnet durch leidenschaftliche Intensität und durch eine Ausdrucksweise die sich nicht allein auf die Formgestaltung beschränkt, sondern übergreift auf eine impulsive Auseinandersetzung mit Farben. Die Aktdarstellungen des Surrealismus greifen Sigmund Freuds Schriften der Psychoanalyse auf und beschäftigen sich mit der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Unbewussten und Triebhaften. Die Aktkunst des Pop-Art betont den Warencharakter von Körper, Schönheit und Sexualität in einer Welt des Kommerzes, des Konsums und der Medien.
Bibliographie:
G. Bammes: Akt, Das Menschenbild in Kunst und Anatomie, Stuttgart und Zürich, 1992.