Mager Sonntag, Nov 1 2009 

Mager

Sie betrachtete sich im Spiegel. Von vorne, von der Seite, von hinten. Sie strich mit der Hand über den Bauch, der sich flach zwischen ihren Beckenknochen spannte. Gott, war sie heute wieder dick! Sich über sich selbst ärgernd, dass sie dem halben Becher Magerjoghurt zum Abendessen nicht hatte widerstehen können, schlug sie sich heftig gegen den Bauch. Dann kniff sie wütend mit Daumen und Zeigefinger in Oberschenkeln und Bauch. Die roten Flecken, die dabei entstanden, störten sie nicht im Geringsten. Wie sie sich dafür hasste, dass sie nicht einen ebenso starken Willen hatte wie Severin! Vor einem Jahr hatten die beiden Freundinnen ein Abkommen getroffen, dass sie gemeinsam abnehmen wollten. Wer beim Essen sündigte, musste einen Franken in eine gemeinsame Kasse bezahlen. Im Moment waren 13 Franken drin, neun davon von ihr! Heute hatte sie zwar nicht gesündigt, aber sie fühlte sich trotzdem schuldig. Sie hatte den Tag mit Severin verbracht, die zum Mittagessen eine Kiwi gegessen hatte, während sie einen Apfel und ein Vollkornbrötchen zu sich genommen hatte. Das Abendessen hatte Severin ausgelassen, sie aber hatte natürlich dieses halbe Magerjoghurt essen müssen! Sie verabscheute sich für diese Undiszipliniertheit. Wie konnte sie ihre Ungezügeltheit rückgängig machen. Es musste eine Möglichkeit geben. Und es gab eine.

Sie ging auf die Toilette und versuchte zum ersten Mal, sich den Finger in den Hals zu stecken. Doch es klappte nicht. Sie würgte, und Speichel tropfte aus ihrem Mund, aber sie schaffte es nicht, den Finger tief genug in den Rachen zu stossen. Tränen der Enttäuschung und Verzweiflung fluteten über ihre geröteten Wangen. Was sollte sie bloss machen? Das schlechte Essen musste irgendwie wieder aus ihr heraus, sonst würde Severin ihren Vorsprung weiter vergrössern. Um sich für ihr Versagen selbst zu bestrafen, nahm sie die Nagelschere aus dem pink geblümten Necessaire und schnitt sich ein Stück Haut auf der Kuppe des Zeigefingers weg. Es schmerzte, als das Blut hervorquoll, doch sie genoss den Schmerz. Es war ein befriedigender, befreiender Schmerz. Sie betrachtete den dicken Blutstropfen, der wie ein kostbarer Rubin auf ihrer Fingerkuppe lag, einen Augenblick, denn steckte sie den Finger in den Mund und schmeckte das süssliche Blut auf ihrer Zunge. Schliesslich kroch sie in ihr Bett und zog die Decke ganz über sich. Sie rollte sich zusammen, machte sich ganz klein und nuckelte an ihrem Finger. Die Schwärze ihrer winzigen Höhle umfing sie mit mütterlicher Geborgenheit. Sie fühlte sich wie ein Fötus im Uterus. Die Zeit rann still an ihr vorbei. Sie zählte noch einmal die Kalorien des heutigen Tages zusammen und beschloss, am nächsten Tag überhaupt nichts zu essen.

Sie stand um sechs Uhr auf, kleidete sich an und trank schwarzen Kaffee mit Assugrin. Eigentlich hasste sie schwarzen Kaffee, doch seit einer Woche zwang sie sich, ihn so zu trinken. Mit Milch hatte er zuviele Kalorien. Sie würde sich mit der Zeit schon daran gewöhnen.

Im Zug schlief sie fast ein. Schwer fiel ihr das Kinn immer wieder auf die Brust, und sie musste sich zusammen nehmen, um dem Schlaf nicht nachzugeben. Einen Moment starrte sie aus dem Fenster, konnte aber nur die Reflexion der Zugfahrenden erkennen. Wenigstens konnte sie so unbemerkt die Reisenden studieren und sich daran freuen, dass sie die Schlankste von allen war. Selbstbewusst stieg sie vom Zug in den Bus um und wurde in diese verhasste Schule gefahren. Sie hoffte jeden Tag, dass der Bus einen anderen Weg nehmen und sie an einen ganz anderen Ort fahren würde, doch sie entging ihrem Schicksal nie, Tag für Tag wurde sie zur Schule gefahren ohne dass sie sich hätte wehren können. Sie quälte sich durch die Stunden, von den Mitschülern verstossen und gehänselt, von den Lehrern ignoriert. Auf die Hungerbauchschmerzen, die krampfartig auftraten, achtete sie nicht, und auch die tranceartige Leere, die dumpf in ihrem Kopf pochte und ein Gefühl erzeugte, als ob sie gar nicht lebte, versuchte sie auszuschalten, indem sie sich so gut es ging auf den Unterricht konzentrierte.

Als endlich Mittag war, packte sie ihren randvollen Schulsack und ging in den naturwissenschaftlichen Trakt, wo während der Mittagspausen kaum jemand war. Dort setzte sie sich, von einer Pflanze zum Eingang hin abgeschirmt, auf den Radiator und packte ihr „Essen“ aus: eine anderthalb Liter Flasche gefüllt mit kaltem Kaffee, der mit Assugrin und Zimt angereichert war. Sie trank den Kaffee langsam in kleinen Schlucken, wobei sie jeden Schluck „kaute“, um den Geschmack länger im Mund speichern zu können. Nach Beendigung des „Mahls“ ging sie auf die Toilette und trank Wasser, um den Bauch noch weiter zu füllen. Kontinuierlich floss das kalte Wasser ihre Kehle hinab, und sie trank, zwang sich zu jedem Schluck, bis das Hungergefühl in diesem Meer in ihrem Magen langsam  ertrank. Als sie endlich zufrieden war, fühlte sie sich wie ein zum Bersten mit Helium gefüllter Ballon.

Am Nachmittag hatte sie zuerst eine Stunde Deutsch und danach Sport. Diese Sportstunde war allerdings speziell, weil ihre Klasse und die Parallelklasse, in die Severin ging, einen Gemeinschaftslauf durchführen mussten, welcher der Schule Geld einbrachte. Je mehr Schüler den Fünf-Kilometer-Lauf innerhalb einer gewissen Zeitspanne beendeten, desto mehr Geld gab es. Anfangs lief sie mit Severin und plauderte ein bisschen mit ihr, aber bald gab die Freundin ihr zu verstehen, dass sie sich und die anderen herausfordern wolle, indem sie über die gesamte Strecke eine Topgeschwindigkeit beizubehalten versuchen wolle. Sie trabte also in ihrem gemächlichen Tempo weiter und hörte mit jedem Schritt das Wasser in ihrem Bauch glucksen, während Severin ihre Geschwindigkeit erhöhte und bald ausser Sichtweite war. In Gedanken stellte sie den Essensplan für den nächsten Tag zusammen: morgens Kaffee, mittags ein Magerjoghurt und einen kleinen Apfel, abends ein kleiner Salat mit Maggi, aber ohne Sauce. Schritt für Schritt trieb sie vorwärts, doch sie fühlte, wie ihre Kräfte schwanden. Sie keuchte wie eine alte Dampflokomotive und zu allem Übel quälte sie auch noch fieses Seitenstechen. Sie verlangsamte, ging einige hundert Meter in Schritttempo, ehe sie wieder beschleunigte. Fast hatte sie es geschafft. Sie war auf ihrem zweitletzten Rundgang, als sie vor sich eine Ansammlung von Schülern sah, die sich über etwas in ihrer Mitte beugten, und sie fragte sich, was da wohl los war. Als sie bei der Menschengruppe angekommen war, sah sie, was es war, das da am Boden lag, und ihr stockte der Atem. Es war Severin! Sie lag bewusstlos auf der feuchten Erde und sah aus wie eine der Mumien, die sie im Museum in Kairo gesehen hatte: vertrocknet, eingefallen, ohne Fleisch, nur Haut und Knochen, die Oberschenkel so dünn wie die Oberarme einer schlanken Frau. Jemand hatte den Sportlehrer gerufen, der jetzt angejoggt kam, Severin aufzuwecken versuchte und sie, als das sinnlos schien, wegtrug.

Nachdem sie sich in der Garderobe umgezogen hatte, bürstete sie sich die Haare und schaute in den rahmenlosen Spiegel. Die Augen, die ihr entgegen blickten, waren nicht die ihren, es waren Severins Augen. Sie erschrak und wandte sich schnell ab. Doch diese Sekunde der Illusion hatte gereicht, um ihr bewusst zu machen, dass sie gar nicht mehr sooo weit von Severin entfernt war. Auch ihre Wangen waren schon ein wenig hohl, auch ihre Knochen stachen bereits ein kleines bisschen hervor.

Am nächsten Tag erfuhr ihre Klasse, dass Severin tot war. Gestorben an Herzversagen, bedingt durch ihr extremes Untergewicht. Sie fühlte sich wie gelähmt. Konnte das wahr sein? Severin tot – von einem Moment auf den anderen? Die fitte, zielstrebige, willensstarke, selbstbewusste Severin – durch einen 5-Kilometer-Lauf dahingerafft? Es kam ihr alles so unrealistisch vor. Es kam ihr vor, als habe man eine grosse, gläserne Glocke über sie gestülpt und als nähme sie ihre Umgebung nur noch dumpf und verschwommen wahr. Sie wusste nicht, wie sie diesen Morgen hinter sich brachte, aber am Mittag ging sie in die Mensa und hörte sich selbst das Menü bestellen – zum ersten Mal seit zwei Jahren.

Weihnachtsgeschichte: Die Schneekugel Dienstag, Dez 23 2008 

Smitha Derivati lebte mit ihren Eltern und ihren beiden Schwestern in Dehli. Eine steile, schmale Treppe ohne Licht führte in die Wohnung hinauf. Auf dem obersten Tritt musste man seine Schuhe ausziehen, um nicht unnötigen Schmutz in die Wohnung zu bringen. Smithas Mutter war sehr auf Sauberkeit bedacht, obschon das in einer Stadt wie Dehli, wo es nur wenig geteerte Strassen gibt, fast unmöglich war. Im ersten Geschoss der Wohnung war die Küche untergebracht. Verbeulte Töpfe standen auf einem Brett an der Wand. Schränke gab es nicht. Nur Tücher, welche das Geschirr vom Strassenstaub, der durchs unverglaste Fenster herein kam, schützte. Im oberen Geschoss befand sich das Schlafzimmer. Rechts und links standen zwei Betten, auf dem jeweils die Eltern und die Kinder schliefen. Geblümte Baumwolldecken, die ihre besten Zeiten vor 40 Jahren gehabt hatten, bedeckten die Betten. In einer Ecke war ein winziger Fernseher aufgestellt und an den Wänden hingen bunte Postkarten vom Elefantengott Genesha. Die Wände waren von einem schmuddeligen Weiss, das zusätzlich von einigen Flecken verunstaltet war. Sie hätten dringend einen Neuanstrich bedürft, doch dazu fehlte der Familie Derivati das Geld. Vom Schlafzimmer aus führte ein kleiner Balkon nach draussen. Von dort hatte man eine schöne Aussicht über die Dächer der Nachbarschaft. Smitha schätzte besonders die Zeit des Sonnenaufgangs, wenn die gelbe oder rote Kugel der Sonne über dem mächtigen Strommast aufstieg. Dann betete sie auf dem Balkon zu Ganesha, für den die Familie einen kleinen Altar errichtet hatte mit einer Plastikstatue des Gottes, Räucherstäbchen und – je nachdem, was zur Hand war – Blumen oder Obststücken. Hinter einem Bretterverschlag waren Dusche und Toilette untergebracht. Leitungswasser gab es nicht. Man musste es in Eimern aus der Küche holen. Die Toilette war ganz im indischen Stil: ein Loch im Boden, aus dem es manchmal grässlich stank, was Smitha durchaus die Lust aufs Beten verderben konnte.

Smithas Vater arbeitete als Fahrrad-Rischka-Fahrer. An guten Tagen verdiente er 200 Rupien, an schlechten konnte er nicht einmal die Miete für die Rischka bezahlen. Von den indischen Fahrgästen konnte er nicht viel fordern, deshalb hoffte er immer auf Ausländer. Aber diese bevorzugten die motorisierten Tuktuks, da diese schneller und für zwei bis drei Personen Platz boten, während in der Rischka nur eine Person oder zwei schlanke sitzen konnten. Dazu kam ein heftiger Konkurrenzkampf. An allen Hotels und Touristenattraktionen warteten jeweils mindestens 10 Fahrer, in der Hochsaison bedeutend mehr. Die Chance, einen Touristen fahren zu können, war also relativ klein. Smithas Vater arbeitete nicht ungern als Rischka-Fahrer, obwohl die Arbeit ihn körperlich so auszehrte, dass er nicht viel mehr als Haut und Knochen war, und er auch im Monsoon fahren musste, wenn die Strassen sich in Flüsse verwandelten und man kaum mehr vorwärts kam. Aber die Arbeit war immerhin besser als in einer Fabrik eine 20-Stunden-Schicht arbeiten zu müssen. Smithas Mutter arbeitete morgens in einer Sarifabrik, wo sie Saris mit schillernden Pailletten, Rocailleperlen und Strasssteinen verzierte. Wenn sie Glück hatte, konnte sie mittags einen Sari nach Hause nehmen und dort weiter arbeiten. Das brachte immerhin ein paar zusätzliche Rupien ein.

Smitha war 10 Jahre alt und ging zu Schule. Ihre Eltern verzichteten auf vieles, um den Kindern die Schulbildung zu ermöglichen, die sie selbst nie hatten. Manchmal jedoch, wenn der Vater nicht genug verdiente, musste Smitha mit ihrer Mutter in die Fabrik gehen und helfen, Saris zu besticken.

Smitha war ein zufriedenes Kind, das seinen Eltern wenig Sorgen machte. Sie tat, was man ihr sagte, war von einer ergreifenden Herzlichkeit und ihrem Lachen konnte sich niemand entziehen. Obwohl sie kaum Spielzeug hatte, meckerte sie nie oder beneidete andere Kinder, die mehr hatten. Sie war sehr kreativ, was das Herstellen von Spielzeug anging. Sie bastelte aus leeren Kartonboxen und Holzstäben Elefanten und Kühe, band ein papiergefüttertes Stück Stoff so zusammen, dass eine Puppe entstand und erfand Wurfspiele mit Steinchen. Sie ging gerne in die Schule, da sie dort viele nützliche Dinge lernte. Vor allem das Lesen machte ihr Freude. In der kleinen Bibliothek, die zur Schule gehörte, hatte sie schon fast alle Bücher ausgeliehen.

Eines Tages erzählte ihr ihre Lehrerin, dass viele indische Filme in einem Land mit dem Namen Schweiz gedreht werden. Smitha suchte darauf so lange in der Bibliothek, bis sie tatsächlich einen Bildband über die Schweiz gefunden hatte. Auf den ersten paar Seiten standen Informationen über dieses Land in Europa, das Smitha so unbekannt war wie eine WC-Schüssel. Und dann kamen die Bilder. Das Buch war voller wunderbarer Bilder, Bilder von Bergen, Bilder von Seen, von seltsamen Blumen und Tieren, die aussahen wie Tiger in Miniaturformat, nur mit anderem Fell. Smitha sah Kühe, die im Gegensatz zu den indischen Kühen schwarze Flecken hatten, sie sah Wälder mit spitzen Bäumen (es waren Tannen), hellhäutige Frauen in weissen Blusen, schwarzen Schürzen und Spitzenhauben, die neben geschmückten Ziegen einher schritten, und Holzhäuser mit roten Blumen vor den Fenstern. Sie staunte über dieses Wunderland, liess sich mitreissen von der Bilderflut, entführen in eine ihr fremde Welt, die, je mehr sie davon entdeckte, eine immer grössere Faszination auf sie ausübte. Was sie jedoch am meisten in ihren Bann zog, war ein Bild, auf dem ein Dorf mit einem merkwürdigen weissen Material überzogen war. Das Material schien im Sonnenlicht zu glitzern und lag nicht nur auf den Häusern, sondern auch am Boden, auf Zäunen, auf den Bäumen, einfach überall. Smitha las die Bildunterschrift. „St. Moritz im Schnee“, stand da. „Schnee“, was war das für ein Wort? Smitha kannte es nicht, hatte es noch nie gehört. Sie rätselte, was es sein könnte. Vielleicht war es eine Art Krankheit, die das Land befallen hatte. Aber würde neben all den schönen Bildern so etwas Negatives in diesem Buch abgebildet werden? Vielleicht war es etwas, was die Schweizer zu einem Fest verstreuten. So, wie die Inder am Holi-Fest Farbpulver umher schleuderten. Aber dann brauchten die Schweizer sehr viel von diesem Material, um ein ganzes Dorf damit zu bedecken.

Am Nachmittag, als sie ihrer Mutter dabei half, Gemüse zu schneiden für ein Gemüsecurry, fragte sie: „Mama, was ist Schnee?“

Ihre Mutter schaute sie irritiert an. „Woher hast du dieses Wort? Ich habe es noch nie gehört.“

„Ich habe es in einem Buch über die Schweiz gelesen“, antwortete Smitha und versuchte, sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen.

Am nächsten Tag bestürmte sie ihre Lehrerin, kaum dass diese das Schulzimmer betreten hatte. Sie zupfte am baumwollenen Sari der Lehrerin, schaute sie aus ihren grossen, wissenshungrigen Augen an und stellte die Frage, die ihr die ganze Nacht auf der Zunge gebrannt und ihr den Schlaf geraubt hatte.

„Schnee ist ähnlich wie Regen“, erklärte die Lehrerin. „In nördlichen Ländern, wo es im Winter kalt wird, gefriert der Regen und fällt als Schnee auf die Erde.“

„Und wie fühlt er sich an?“, wollte Smitha weiter wissen.

„Das weiss ich nicht, Liebes, ich habe selbst noch nie Schnee gesehen oder berührt.“

„Oh, schade“, meinte Smitha. „Können wir etwas machen, dass es auch hier Schnee gibt?“

„Nein, leider nicht, das liegt nicht in unserer Macht. Es hängt vom Wetter ab, von der Temperatur, und auf die können wir keinen Einfluss nehmen. Aber nun geh und setzt dich, damit wir mit dem Unterricht beginnen können“, antwortete sie und schob Smitha sanft von sich.

Natürlich passte Smitha bei der folgenden Rechenlektion nicht auf. Sie war viel zu sehr mit wichtigeren Fragen beschäftigt. Wie roch und schmeckte Schnee? Schmolz er, wenn man ihn berührte? Wie lange blieb er liegen? Wie kalt war er? Wie fühlte es sich an, wenn man auf ihm ging?

Nachts träumte sie vom Schnee. Sie war eine Schneemaharani, in einen hellblauen Salwar Kameez gekleidet, und tanzte auf dem Schnee. Sie wirbelte den Schnee mit ihren Füssen auf, warf ihn in die Luft, damit er wie glitzernde Pailletten hinunter fiel und auf ihren Schultern zu liegen kam wie ein feiner Schal. Sie schritt durch eine Reihe von Elefanten, die mit ihren Rüsseln feinsten Schnee auf sie stäubten. Tänzerinnen und Tänzer tanzten in farbenfrohen Kleidern auf dem verschneiten Balkon ihres Palastes, während sich schneebedeckte Gipfel im See vor dem Palast spiegelten.

Wie ein Pflänzchen spross in Smitha der Wunsch, einmal in ein Land mit Schnee zu reisen, am besten in die Schweiz. Sie wusste, dass das ein beinahe unmöglicher Wunsch war, aber Wünsche hüllten sich oft in einen Schleier der Unmöglichkeit. Wenn sie sich in der Schule anstrengte und gute Noten bekam, würde sie studieren und einen guten Job bekommen. Wenn sie das Geld sparte und dazu noch einen einigermassen wohl situierten Mann heiratete, würde sie vielleicht einmal in die Schweiz reisen können. Sie würde die gefleckten Kühe sehen, die spitzen Bäume und die Frauen mit den seltsamen Kopfbedeckungen.

Zwei Jahre später, Smitha spielte mit anderen Kindern draussen auf der Strasse, kam eine junge Frau auf sie zu. Die Frau war hellhäutig und hatte Haare wie die Sonne. Sie trug eine leichte, weisse Hose und ein besticktes, rotes Top. Sie war gross und schlank und erinnerte Smitha an eine Ausländerin, die in einem Bollywoodfilm gespielt hatte. Die Frau kam direkt auf die Kinder zu, doch Smitha verstand nicht, warum. Was wollte sie von ihnen? Als die Fremde noch einen Meter entfernt war, langte sie in ihre riesige Beuteltasche und zauberte einen Stoffhund hervor, den sie Smithas Freundin gab. Smithas Schwestern bekamen eine Kette mit Glasperlen und glitzernde Aufkleber. Jetzt hatten auch die Kinder, die auf der anderen Strassenseite gespielt hatten, entdeckt, dass es hier etwas zu holen gab. Sie rannten auf die Frau zu, bedrängten sie und rissen ihr aus den Fingern, was sie aus der Tasche holte. Smitha getraute sich nicht, aufdringlich zu werden. Sie fand, dass sich das nicht gehörte. Sie stand abseits und sah dem Treiben neugierig zu. Endlich hatte jedes Kind ein Geschenk bekommen und die Frau entfernte sich, jedoch nicht, ohne Smitha einen Blick zuzuwerfen, der ein Versprechen zu beinhalten schien. Die Fremde schaute sich in einem nahen Geschäft Bindis an, aber sobald sich die Kinder verstreut hatten, kam sie zurück und lächelte Smitha an. Smitha lächelte zurück, schenkte der Fremden ihr schönstes Lächeln. Ohne ein Wort zu sagen, griff die Frau ein letztes Mal in ihre Tasche und brachte eine Glaskugel zum Vorschein. Sie drückte sie Smitha in die Hände, lächelte noch einmal und ging fort. Smitha sah ihr nach, bis sie von der Menschenmenge verschluckt wurde, und sie nicht einmal mehr die gelben Haare ausmachen konnte. Jetzt erst betrachtete sie die Kugel richtig. Sie war etwa so gross wie Papas Faust und hatte einen weissen Sockel, auf dem sie stehen konnte. Im Innern der Kugel waren diese spitzen Bäume, die sie aus dem Buch über die Schweiz kannte, und drei der Holzhäuser, die ebenfalls im Buch abgebildet waren. Das Beste jedoch war, dass alles von einer weissen Schicht überzogen war. Schnee! In dieser Kugel war Schnee! Reflexartig schüttelte Smitha die Kugel. Und siehe da: Der Schnee stob auf, um dann friedlich herunter zu rieseln. Smitha sah dem Wunder staunend zu, sah die tanzenden Flocken und verspürte das Bedürfnis, sie zu berühren. Einen kurzen Augenblick erwog sie, die Kugel zu zerschlagen, um den Schnee auf ihren Händen zu fühlen und damit eine Antwort auf all ihre Fragen zu finden, doch dann entschied sie sich anders. In der Kugel war der Schnee geschützt und würde besser erhalten bleiben, als wenn sie ihn heraus nähme.

Sie schüttelte den Glasball erneut und erfreute sich am Schneefall wie sie es in Zukunft noch oft tun würde. Woher hatte die Fremde bloss gewusst, dass sie sich Schnee wünschte? Smitha fand keine Antwort darauf, aber es spielte auch keine Rolle. Hauptsache, ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen, wenn auch in etwas anderer Form als ursprünglich gedacht.