Kapitel 2 meines Fantasy-Romans: Das Orakel von Farò Donnerstag, Sep 3 2009 

Mit wachsendem Unmut beobachtete Ximalia, wie jeden Tag, der nach dem Raub des Zepters verstrich, eine der hundert Sonnen von Magion erlosch. Die Königstochter schauderte, als ihr mit einem Schlag bewusst wurde, dass nach Ablauf eines knappen Jahres, nach weniger als 100 Tagen, alle Sonnen erloschen sein würden. Sie lehnte sich aus dem hohen Fenster ihres Zimmers und suchte mit den Augen den Horizont ab.
„Wo bleibst du“, seufzte sie, „Held von Magion? Komm doch, bitte komm! Ich brauche dich, damit wir gemeinsam gegen Zaronn kämpfen können.“
Ihre Augen fingen an zu tränen, weil sie so angestrengt die Landschaft nach einem Reiter absuchte. Sie wischte mit dem Handrücken über die Augenwinkel. Die Tränenflüssigkeit auf ih-rer Haut glitzerte im Sonnenlicht wie flüssiger Kristall. Draussen regte sich kein Wind. Kein Laut drang ans Turmfenster herauf. Es schien, als ob die Welt in Leblosigkeit verharrte. Ximalia fühlte sich sehr einsam. Die Grösse ihrer Aufgabe lastete schwer auf ihren Schultern. Obwohl sie sich über den Tod ihres Vaters sehr grämte, war doch die Sorge um Magion noch stärker. Ximalia rief fast stündlich ihren guten Geist, ihre Lehrmeisterin Asprogis. Doch ihr Erscheinen blieb genauso aus wie das des versprochenen Helden. Die Königstochter hatte den Eindruck, von allen verlassen und verraten worden zu sein. Selbst ihre Mutter war mit der Trauer über den Tod des Königs so mit sich selbst beschäftigt, dass sie kaum Trost für ihre Tochter übrig hatte.
Unruhig wanderte die Prinzessin in ihrem Zimmer auf und ab, blieb mal hier, mal dort stehen, um sogleich wieder in ihren nervösen Trott zu verfallen. Auf einer Rosenholzkommode stand eine Sammlung von kleinen Schatullen. Mit den Fingerspitzen fuhr sie sachte über die schönen Kunsthandwerke, nahm schliesslich eine runde Box aus geschnitztem Knochen in die Hände, drehte ihn und betrachtete ihn liebevoll. Diese Schatullen hatte sie im Laufe der Jahre alle von ihrem Vater geschenkt bekommen.
„Ach Vater, warum musste das passieren?“, dachte sie wehmütig.
Sie stellte die Box wieder an ihren Platz und warf sich auf ihr Himmelbett. Sie versank in den vielen weichen Kissen und Flaumdecken. Tränen liefen ihr über die Wangen und bildeten dunkle Flecken auf dem blassblauen Satinbezug der Decken.
Am sechsten Tag nach der Beerdigung ihres Vaters, als das Warten zu unerträglich wurde, entschloss sich Ximalia, das Orakel von Farò um Rat zu fragen, dessen Hüterin Dinrasselle war. Dinrasselle war eine Weise, eine Seherin, die den alten Sagen nach schon so lange auf der Insel Farò im See Fundor lebte, dass niemand wusste, woher sie einst gekommen war oder wie alt sie eigentlich war. Manche Magioner erzählten sich sogar, sie sei so alt wie der Planet Magion selbst. Sie sei eines der ersten Wesen gewesen, eine mächtige Zauberin, die das ewige Leben in sich trage. Tatsache war, dass sie vor Ximalias Vater schon dem König vor ihm und demjenigen davor als Seherin gedient hatte. Dinrasselle wohnte in grosser Abgeschiedenheit und durfte grundsätzlich in ihrer Ruhe nur gestört werden, wenn man dem Orakel von Farò eine Frage stellen wollte. Ximalia erinnerte sich an die Erzählung, nach der sich ihr Vater einmal dem Orakel widersetzt hatte und gegen dessen Rat gehandelt hatte. Das war in der Geschichte Magions noch nie vorgekommen. Ihr Vater hatte sich da eine Ungeheuerlichkeit erlaubt, für die sich Ximalia schämte, obwohl sie nicht das Geringste damit zu tun hatte. Aber sie war eben die Tochter des Mannes, der nicht auf den Rat des Orakels gehört hatte. Die Prinzessin schob diesen unangenehmen Gedanken schnell beiseite. Sie verliess den Palast und hastete über die Regenbogenbrücke, die vom hoch gelegenen Schloss Xanmor beidseitig zu den Ufern des Zaubersees von Fundor hinab führte. Die Regenbogenbrücke war einmal ein richtiger Regenbogen gewesen, der aber von den Göttern gehärtet wurde und der nun als far-benprächtige Brücke diente. Unter ihr sah die Prinzessin winzig kleine Bäume und Strassen. Ocker- und smaragdfarbene Felder reihten sich wie Mosaiksteine aneinander und wirkten wie ein ungegenständliches Gemälde eines talentierten Künstlers. Der See von Fundor glitzerte im Sonnenlicht und die Wälder um ihn strahlten in sattem Grün. Die junge Frau war gespannt darauf, Dinrasselle, von der sie schon so viel gehört hatte, endlich einmal selbst kennen zu lernen. Wie war sie wohl, diese Frau, die so alt war, dass niemand ihre Ursprünge kannte? Als sie die Regenbogenbrücke verliess, schlug sie einen schmalen Kiesweg ein, der zwischen dem Seeufer und dem Wald zu einem hölzernen Steg führte, an dem ein kleines Ruderboot befes-tigt war. Die Königstochter raffte ihr Gewand zusammen und kletterte in das sachte schaukelnde Boot. Mit einiger Anstrengung löste sie den Knoten, mit dem das Boot befestigt war, ergriff dann die Ruder und tauchte sie ins Wasser, das spritzend auseinanderschlug, um da-nach die Holzruder sofort zu verschlingen. Die Ruder waren so schwer, dass sie Mühe hatte, sie zu lenken. Deshalb bewegte sich das Boot nur langsam vorwärts. Silberblau wie die Schuppen eines Fisches schimmerte das Wasser unter ihr. Weit im See ragte ein kleines In-selchen aus dem Wasser, auf das sie zuhielt.
Welch schöne Erinnerungen hatte sie an diesen See. Oft hatte sie auf Geheiss der Weissen Fee Asprogis’ in seinem klaren Wasser gebadet. „So, wie du dich äusserlich reinigst, so reinigst du auch dein Inneres. Du lässt alle Gedanken gehen, nichts soll dich beschäftigen. Du bist frei und leer. Dein Geist wird eins mit deinem Körper, und dein Körper wird eins mit dem Wasser. Wenn du aus dem See steigst, wirst du neu geboren sein“, murmelte Asprogis jedes Mal. Nach der Reinigung durfte sie ein leichtes, weisses Kleid überstreifen und sich an einen ganz bestimmten Platz am Ufer Fundors setzten, um den Göttern zu opfern. Sie brachte dafür ein kleines Kohlestück in einem Dreifuss zum Glühen und streute wohlriechende Kräuter, Harze und Hölzer darauf. In weichen Drehbewegungen stieg der Rauch in den Himmel und Ximalia atmete ihn ein und fiel dadurch nach einigen Minuten in Meditationszustand. In diesem Zustand löste sich ihr Geist aus ihrem Körper und begab sich auf Reise. Es war jedes Mal ein wunderschönes Erlebnis, bei dem sie die Macht der Götter schaute. Am Ende des Zeremoniells träufelte sie heiliges Wasser vom See auf die Asche, die vom Kohlestück und den Räucherwaren übrig geblieben war, um so aufzuhören, wie sie begonnen hatte: mit den Wassern von Fundor.
Mit einem knirschenden Geräusch legte das Boot am flachen Kiesufer der Insel an, und die Königstochter vertäute es an einem Pfosten. Sie hob ihren Rock hoch, stieg vorsichtig aus dem Boot und folgte dem Weg, der sie zur Orakelstätte bringen sollte. Vögel sassen in den Sträuchern neben dem Weg und pickten von den roten Beeren. Ein Eichhörnchen, das auf ei-nem Ast sass und einen Tannenzapfen anknabberte, entlockte der Prinzessin ein kleines Lächeln. Hinter einer Baumgruppe tauchte der runde, säulenumgebene Tempel, das Zuhause der Dinrasselle, auf. Er war sehr klein, viel kleiner als Ximalia ihn sich vorgestellt hatte. Aber trotzdem strahlte er die Ehrfurcht eines Heiligtums aus, das die Menschen in seiner Anwesen-heit sofort demütig machte. Im Kuppelbau eingelassen war ein kleines Tor, durch das Ximalia gebückt trat. Als sich ihre Augen an die im Innern herrschende Dunkelheit gewöhnt hatten, erkannte sie am anderen Ende des Raumes die hageren Umrisse Dinrasselles. Die Zauberin hatte ihr den Rücken zugekehrt; sie kauerte unbeweglich neben einigen Töpfen und blieb selbst reglos, als Ximalia sich ihr hüstelnd näherte.
„Ihr kommt spät. Ich hatte Euch früher erwartet“, ertönte plötzlich ihre leicht heisere Stimme.
Sie bewegte sich noch immer nicht.
Ximalia hielt erstaunt in ihrem Schritt inne. Sie fragte sich, ob die Stimme überhaupt von Dinrasselle gekommen war.
„Ihr habt gewusst, dass ich es bin und dass ich kommen würde?“
Auf einen Stock gestützt stand Dinrasselle auf, eine Schale mit Kräutern in der Hand haltend, und drehte sich zu ihrer Besucherin um. Ihr Gesicht war alt und von unzähligen Runzeln ge-zeichnet. Ihre Haut war sehr blass und leicht durchscheinend. Man hätte meinen können, dass sie eine gewöhnliche, kränkliche Alte war, wenn nicht diese Augen gewesen wären; Augen, die erkennen liessen, dass sie das höchste Wissen in sich barg.
„Natürlich. Ihr musstet zuerst zu mir kommen, bevor sich Euer Schicksal erfüllen kann.“
Sie murmelte einige Zauberformeln, die Ximalia nicht verstand, und streute die Kräuter aus der Schüssel in das Wasser eines brunnenartigen Altars, worauf ein wohlriechender Rauch aufstieg, aus dem sich ein in einen Kreis eingefasstes Gesicht formte. Das Gesicht sah aus wie eine Maske oder wie ein Fabelwesen. Es hatte Widderhörner und einen seltsamen Aufsatzt auf dem Kopf. Dichte Augenbrauen, ein doppelter Schnurrbart und ein zotteliger Kinnbart gaben seinem Antlitz einen ungeheuren Ausdruck. Blätterränken gingen von allen Seiten von seinem Kopf aus und überschritten sogar den Kreis, in den das es schwebte. Die junge Thronnachfolgerin kam neugierig näher und musterte das seltsame Gesicht sowie die alte Frau. Sie wollte die Alte fragen, woher sie ihre Bestimmung kenne, doch Dinrasselle kam ihr zuvor, indem sie ihr mit einer Schnelligkeit, die Ximalia überraschte, den Zeigefinger auf die Lippen legte.
„Pssst. Das ist jetzt nicht wichtig. Ihr solltet nicht so viele Fragen stellen. Eine gesunde Portion Neugierde ist gut, zuviel bringt jedoch Schaden. Auf Eurer Reise werden sich noch zahllose Dinge zutragen, die Ihr nicht verstehen könnt. Ihr müsst lernen, manche Dinge einfach anzunehmen, so wie sie sind, ohne nach Herkunft oder Grund zu fragen. Denn auf so vieles dieser Welt gibt es keine Antwort. Und das ist auch gut so. Die Magie würde verloren gehen, wenn wir alles wissen und erklären könnten. Ein Mysterium ist nur solange mystisch, wie wir es nicht aufklären können. Sobald es logisch erklärbar wird, sobald es mit Hilfe von Zahlen und Fakten ausgedrückt wird, fällt der Zauber von ihm ab. Magion braucht seine Geheimnisse. – Schaut jetzt lieber das Orakel an und stellt ihm die im Moment einzig wichtige Frage. – Fragt und das Antlitz der Weisheit wird Euch antworten.“
Ximalia befeuchtete sich die Lippen. „Wann endlich kommt der Held, der mir geweissagt wurde?“
Das starre Gesicht begann, blau aufzuleuchten, und aus seinem Mund strömten die erklärenden Worte: „Iroas kommt nicht, Ihr müsst ihn suchen. Iroas ist der Letzte aus dem Geschlecht der heiligen Theolaos. Ihr werdet ihn erkennen unter Blut von Feinden an zwei Ringen, dem Zeichen aller Theolaos. Es ist Iroas’ Pflicht, Zaronn vernichtend zu schlagen. Seine Kraft, welche es vorerst in ihm zu wecken gilt, da er keinerlei Ahnung von ihr hat, kann allein den Fluch des Bösen brechen.
Aber seid gewarnt, o Kriegerin der Götter, zerrissen müsst Ihr die Banner des Üblen haben, bevor die letzte unserer hundert Sonnen erloschen ist. Mit jedem Tag, in dem das Zepter in Zaronns Macht ist, verglimmt eine Sonne, und wenn keine mehr übrig ist, kann Magion nim-mer mehr aus des Verräters Klauen befreit werden.“
Das Gesicht löste sich langsam auf und versank dann mitsamt dem Ring, in dessen Mitte es eingeschlossen war, in den Rauchschwaden, die dem Altar entströmten.
Ein Theolaos! Der Held, dem es bestimmt war, gegen Zaronn anzutreten, war ein Theolaos! Die Weisse Fee Asprogis hatte ihr nur voraus gesagt, dass einmal ein Zauberer Magion be-drohen würde und dass sie zusammen mit einem Helden gegen diesen antreten würde. Aber sie hatte nichts davon gesagt, dass dieser Held ein Theolaos war! Und wie konnte dies über-haupt möglich sein? Nach Ximalias Wissen waren alle Theolaos ausgerottet worden.
Die Theolaos waren ein halbgöttliches Volk, das aus der Untreue eines Gottes mit der Zaube-rin Nechrin entstanden war. Nechrin war die Urmutter und Behüterin aller Geheimnisse des Regenbogenzaubers, einer ganz alten Art der Zauberkunst, die für das Böse, für die ‚Praktiker der Schwarzen Kunst’ besonders gefährlich sein konnte.
Als Söhne der Nechrin pflegten die Theolaos die Geheimnisse des Regenbogenzaubers. Weil in ihren Adern zusätzlich das Blut eines Gottes floss, waren sie Herren über eine ganz beson-dere Macht, die nur ihnen eigen waren, da sie der einzige Völkerstamm von göttlicher Ab-stammung waren.
Das Volk der Theolaos lebte abgeschieden von aller Welt auf den ‘Regenbogen-Felsen’ an den Ufern von Fundor. Die zuckerhutartigen Felsen hiessen so, weil sie vom Schloss Xanmor aus in Regenbogenfarben schimmerten, da sich die Farben der Regenbogenbrücke an den glatten Steinwänden widerspiegelten. Die Felsen waren nicht nur glatt, sondern auch kahl und beinahe senkrecht in die Tiefe fallend. Auf ihren Gipfeln wucherte ein dschungelähnlicher Wald, und inmitten dieses fast undurchdringlichen Meeres der Vegetation türmten sich die steinernen Behausungen der Theolaos auf: Paläste, Altäre, Tempel und Türme, aufgebaut nach den Grundsätzen der Götter, bewohnt nach den Gesetzen des Regenbogenzaubers. Dieses Volk, entsprossen aus der Liebe eines Gottes mit der grossen Mutter und Behüterin der Träume, lebte allein für sich in seiner zauberumwehten Stadt, um seinen geheimen Wissen-schaften und Riten nachzugehen.
„Ihr habt es gehört.“, sagte Dinrasselle, nachdem sich die letzten Rauchschwaden des Orakels aufgelöst hatten. „Wenn Ihr das Zepter nicht zurückgewinnt, ehe die letzte Sonne stirbt, kann die Macht Zaronns nie mehr gebrochen werden und Magion ist auf immer zum Bösen ver-dammt. Erschwert wird Eure Aufgabe dadurch, dass ausgerechnet Zaronn das Zepter geraubt hat. Wenn es von einem normalen Praktiker der Schwarzen Kunst gestohlen worden wäre, hättet Ihr den Dieb auch selbst vernichten können, indem Ihr ihm das Zepter entrissen und es auf ihn gerichtet hättet. Aber Zaronn ist die gesammelte Machtessenz aller Kakoliden, und deshalb braucht es zusätzlich zur Macht des Zepter den Regenbogenzauber.“
„Die gesammelte Machtessenz der Kakoliden?“, fragte Ximalia, die nicht ahnte, wie mächtig ihr Widersacher tatsächlich war.
Dinrasselle blickte die Thronfolgerin mit zusammen gekniffenen Augen an.
„Ich nehme an, dass Ihr von den Kakoliden und deren Ausrottungszug gegen die Theolaos wisst, obwohl Ihr vier Jahre danach geboren worden seid?!“
Ximalia erinnerte sich nur zu genau an die Berichte von der Ermordung der Theolaos und damit verknüpft an die unehrenhafte Tat ihres Vaters, der dem Orakel von Farò keinen Glau-ben geschenkt hatte.
Nichts konnte den Alltag der Theolaos beeinträchtigen, nichts ihre zusammengetragene Magie zerstören – bis zu jenem schicksalsträchtigen Tag, an dem die Kakoliden, die schlimmsten Praktiker der Schwarzen Kunst, mit schrecklichen Flugtieren die Felsen des Regenbogens aus der Luft stürmten und die theolan’sche Stadt solange bombardierten, bis sie in sich zusam-menstürzte und ihre Bewohner niedergemetzelt waren. Ximalias Vater rüstete, nachdem er von der Invasion der Kakoliden gehört hatte, sofort seine Truppen, um die Verbrecher zu ver-nichten. Er gelangte mit seinem Gefolge zu den Felsen des Regenbogens, gerade als der Kampf zu Ende war und jede Hilfe für die Theolaos zu spät kam. Obwohl ihm das Orakel von Farò davon abgeraten hatte, vernichtete der König die Kakoliden in seiner masslosen Wut, indem er das Zepter auf sie richtete.
Ximalia nickte: „Ja, mein Vater tötete die Kakoliden mit Hilfe des Zepters, obwohl ihm Euer Orakel davon abgeraten hatte. Er lud damit grosse Schande auf sich.“
„Seine Schande ist noch das kleinste Übel. Viel schlimmer ist die Folge, die sich aus der Tat Eures Vaters ergeben hat. Die Kakoliden hatten einen schwarzen Spiegel geschaffen, welcher Ursprung und Bestand ihrer schwarzen Magie darstellte. Dieser Spiegel zersplitterte zwar in tausend Stücke, als der König das Zepter gegen ihn richtete, doch die Spiegelteile reflektier-ten die Strahlen nur. Der innerste Kern des Schlechten, der im Spiegelglas gefangen war, überlebte das Massaker. Dieser Kern setzte die dunklen Scherben wieder zu einem Ganzen zusammen und die übrig gebliebenen Reste der Schwarzen Magie sammelten sich in ihm, um eine neue Kraft zu entwickeln, stärker als je zuvor. Diese Kraft nannte sich selbst Zaronn.“
Was Dinrasselle selbst nicht wusste, war, dass die Kraft Zaronn einen Körper brauchte. Die Körper der Kakoliden waren in tausend Stücke zerborsten und die Leiber der Theolaos konnte die dunkle Macht nicht verwenden, da sie seit ihrer Geburt den Regenbogenzauber in sich trugen und ihre Körper deshalb für das Böse ‘verseucht’ waren. Bald aber fand die geballte Macht der Kakoliden eine geeignete Gestalt, in die sie schlüpfte, nachdem sie dem Spiegel entstiegen war. Zwar hatte die ‘Hülle’ einem sehr jungen Menschen gehört, doch Zaronn durchlebte die Kinder- und Jugendjahre dieses Menschen sehr rasch, sodass er innert weniger Minuten zum Erwachsenen wurde.
Ximalia hatte dem Bericht Dinrasselles ungläubig zugehört. Die Zauberin hatte ihr gerade den ganzen Radius der Katastrophe dargelegt, die sich aus der Tat ihres Vaters ergeben hatte. In ihrem Kopf dröhnte es und ihr schwindelte. Sie musste sich mit der Hand auf dem Altar ab-stützen, um nicht hinzufallen. „Wie ist es überhaupt möglich, dass ein Theolaos der Held ist, wo doch alle Theolaos von den Kakoliden getötet worden sind?“.
„Es gab einen Überlebenden“, erwiderte Dinrasselle. „Iroas wurde an eben diesem Schre-ckenstag geboren und konnte von seinem Vater in einer Höhle verborgen werden, ehe die Kakoliden in die Häuser einfielen und seinen Vater und seine Mutter, die noch schweissnass und keuchend auf dem Gebärbett lag, niederstreckten. Iroas ist der einzige Erbe des Volkes des Regenbogenzaubers, der Einzige, der dem Schicksal seines Volkes entging, um seine eigene Bestimmung zu finden und zu erfüllen.“
Die Hüterin des Orakels liess Ximalia keine Zeit, auf diese Information zu reagieren, sondern machte mit ihrer rechten Hand eine schlenkernde Bewegung zum Ausgang hin. „Geht nun, geht. Macht Euch auf den Weg und findet den Helden, der Euch geweissagt wurde.“
Ximalia bedankte sich irritiert und eilte so schnell als möglich zum Boot zurück. Hastig ruderte sie über den See Fundor und dachte unentwegt an Zaronn und den überlebenden Theolaos.
Iroas, einziger Überlebender des grauenvollen Massakers am Volk des Regenbogens, wurde in der Höhle, in der ihn sein Vater versteckt hatte, von einer Pumamutter und ihren Jungen aufgestöbert. Die Pumamutter erkannte die bedeutende Herkunft des Säuglings und zog ihn deswegen wie eines ihrer Jungen auf. Sie liess ihn an ihren Zitzen säugen und machte ihm damit ein Geschenk, das noch keinem Magioner widerfahren war: Dadurch, dass Iroas die Milch eines Muttertieres trank, lernte er die Sprache der Tiere als wäre er einer von ihnen.
Ximalia erreichte den Steg, befestigte das Boot und eilte den Weg zurück, den sie gekommen war. Nachdem sie über die Regenbogenbrücke im Palast angekommen war, suchte sie ihre Mutter. Sie schaute im Audienzsaal, in königlichen Schlafgemach, im Speisezimmer und im Salon nach: ohne Erfolg.
„Mutter, wo steckst du?“, dachte Ximalia. „Vielleicht im Garten?“
Die Prinzessin rannte eine Wendeltreppe hinunter, durchquerte den Innenhof und stürmte durch ein steinernes Tor in den Schlossgarten. Unzählige Blumen blühten in allen Farben in symmetrisch ausgerichteten Beeten. Die Buchsbäume waren zu Kugeln oder steilen Pyramiden geschnitten. In einem Springbrunnen plätscherte das Wasser, und überall waren Statuen aufgestellt. Ein Gärtner war damit beschäftigt, Unkraut zu jäten.
„Verzeiht“, sprach ihn Ximalia an, „habt Ihr meine Mutter gesehen?“
Der Gärtner blickte auf und blinzelte in die Sonne.
„Vor einiger Zeit hab ich sie in den Rosenpavillion gehen sehen. Ich weiss aber nicht, ob sie noch dort ist.“
Die Prinzessin sagte Danke und lief auf den Rosenpavillion zu. Ausser Atem stürzte sie hin-ein. Königin Ossiva sass auf der Himmelschaukel, die in seinem Innern aufgestellt war, und wischte sich mit einem Spitzentuch die Tränen von den Wangen. Ximalia setzte sich neben sie und nahm sie tröstend in die Arme. Nachdem sie sich ein wenig beruhigt hatte, erzählte sie ihr, was sie bei Dinrasselle erfahren hatte und dass es ihre Bestimmung sei, an der Seite eines Helden gegen Zaronn zu bekämpfen.
Ossiva blickte ihre Tochter geschockt an. „Du sollst gegen dieses Monster kämpfen, das dei-nen Vater ermordet hat? Das kommt überhaupt nicht in Frage! Ich will nicht nach meinem Mann auch noch mein einziges Kind verlieren. Wir haben schliesslich genug ausgebildete Soldaten, die das übernehmen können. Die wissen viel besser, …“
Noch während sie sprach, wurde ihr mit der Heftigkeit eines Messerstichs bewusst, dass sie ihre Tochter gehen lassen musste. Vor Jahren hatte sie der Weissen Fee Asprogis ein Ver-sprechen gegeben, das sie nicht brechen durfte. Ihr Herz setzte einen Moment, als sie sich über die Tragweite dieses Versprechens bewusst wurde. Ximalia bemerkte, wie ein Ausdruck von Angst und Schrecken über das Gesicht ihrer Mutter huschte, und fragte sie nach dem Grund. Ossiva erzählte es ihr und weinte bitterliche Tränen.
„Du brauchst dich nicht zu sorgen. Ich werde gut auf mich aufpassen und ausserdem stehe ich unter dem Schutz von Asprogis“, versicherte ihr Ximalia.
„Aber du bist ein Mädchen und so wie du es mir erzählt hast, ist Zaronn ein mächtiger Zaube-rer. Es ist für ihn bestimmt ein Leichtes, dich mit einem Schlag zu vernichten.“
„Wenn es dich beruhigt, kann ich mich mit einer Soldatengarde auf den Weg machen“, schlug die Königstochter vor.
„Natürlich nimmst du eine Soldatengarde mit, wenn du schon gehen muss! – Durch meine Schuld“, schluchzte sie und fing wieder an zu weinen.

Absage vom Verlag Samstag, Dez 6 2008 

Leider hab ich’s nicht geschafft! Ich habe eine Absage für meinen Fantasy-Roman gekriegt. Ich bin zwar froh, dass ich eine begründete und nicht eine dieser zerstörerischen Standard-Absagen bekommen habe, aber zum Teil verstehe ich die Kritik nicht. Warum darf ich nicht schreiben „weisser Marmor“? Es gibt doch auch schwarzen oder rosafarbenen Marmor. Warum ich nicht „alte Tradition“ schreiben soll, ist mir da schon verständlicher. Traditionen müssen schliesslich ein gewisses Alter haben, sonst wären es keine Traditionen.

Ich weiss jetzt nicht, was ich machen soll. Soll ich das Manuskript noch einmal überarbeiten? Habe ich die Zeit, Muse und Kraft dazu? Wenn ich nur wüsste, ob es irgendwann einmal etwas bringt, dann fiele es mir viel leichter. Hingegen wenn ich es nicht mache….kann ich dann akzeptieren, dass ich meine Geschichte nicht veröffentlichen kann? Sie ist doch gut, voller Fantasie. Und um es ganz unbescheiden zu sagen: Ich habe im letzten halben Jahr mindestens 10 Bücher angefangen (und weggelegt), die schlechter waren als meine Geschichte, mit viel Blabla und wenig Spannung.

Nein, ich denke, ich muss es nochmal versuchen, es kann einfach nicht sein, dass ich es nicht schaffen soll! Eine Kerbe fällt noch keinen Baum!!!

Erstes Kapitel von meinem Fantasy-Roman „Magion“ Sonntag, Okt 12 2008 

Kapitel 1: Das Unglück

 

Es war ein schöner Tag, ein Tag, wie geschaffen für die Jagd. Die hundert Sonnen von Magion strahlten vom Himmel und wurden nur selten von Wolken bedeckt. Die Wälder um das Schloss Xanmor waren so reich an Wild, dass die königliche Jagdgesellschaft nicht nur im Herbst, sondern das ganze Jahr über Hirsche, Wildschweine, Fasane und Füchse schoss.

Der König stand am offenen Fenster und schaute auf den glitzernden See und die smaragdgrünen Wälder, die tief unter Xanmor lagen. Das Schloss Xanmor stand auf einem Felspfeiler im See Fundor, der in der Mitte des Planeten Magion lag. Etliche Türme strebten  himmelwärts, und wenn die Aussicht schon vom Erdgeschoss aus fantastisch war, dann war sie von den Türmen aus atemberaubend.

„Die Pferde sind gesattelt, Mylord“, meldete der erste Jagdaufseher.

Der König wandte sich vom Fenster ab und blickte den Jagdaufseher an, der erwartungsvoll da stand.

„Gut“, sagte er, „dann lasst uns gehen!“

Mit grossen Schritten durchquerte er den Raum, und seine Stiefel hallten auf den Steinplatten wider. Er nahm seinen braunen Jagdhut mit der Fasanenfeder vom Tisch, kontrollierte, ob der lederne Armschutz richtig sass und verliess das Zimmer. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein kaum wahrnehmbares Lächeln ab. Er freute sich auf die Jagd. Denn diese Jagd war etwas Besonderes. Am nächsten Tag hatte seine Tochter Ximalia Geburtstag und aus diesem Anlass gab es ein grosses Fest. Natürlich sollte den vielen Gästen ein exzellentes Essen geboten werden und deshalb sollten bei dieser Jagd mehr Tiere als sonst erlegt werden. Auch wenn das seiner Tochter selbst nicht gefiel. Als Tierfan rührte sie kein Fleisch an. Aber den Gästen konnte man schliesslich nicht nur Gemüse aufstellen.

Im Hof wartete die Jagdgesellschaft bereits auf ihren Pferden. Es waren adlige Herren, die zum Vertrautenstab des Königs gehörten. Sie waren alle in braune Hosen und ein braunes Oberteil gekleidet, das mit Fellbordüren verziert war. Als der König aus dem Schloss trat, grüssten sie ihn und verbeugten sich leicht. Der König nickte ihnen freundlich zu, schwang sich behände auf sein Pferd und gab das Zeichen zum Abritt. Ein Page löste die Leinen von den Halsbändern der Hunde, die geifernd und jaulend nur darauf warteten, losgelassen zu werden. Die Jagdhörner klangen weit über die Wälder, als die Gesellschaft zum Haupttor hinaus ritt. Die Hunde rannten bellend voraus über die Regenbogenbrücke, die über den Zaubersee von Fundor führte und das Schloss Xanmor mit dem festen Boden verband. Kaum hatten die Jäger die ersten Bäume passiert, scheuchten die Hunde auch schon kläffend Wildtiere auf.

Die Jagd lief gut und so hatte die königliche Jagdgruppe nach einer Stunde bereits drei Hirsche erlegt. Die Jäger liessen die Beute von den Dienern in die Schlossküche bringen und rätselten insgeheim, auf wie viele Arten die Köche das Fleisch wohl zubereiten würden. Manch einem lief das Wasser im Mund zusammen, als er an Hirschpfeffer, Rehrücken in Rotweinsauce oder pfeffrigen Fleischkuchen dachte. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass die Geburtstagsfeier der Prinzessin ausfallen würde.

Die Hunde hatten bereits wieder die Spur eines Wildtieres aufgenommen und rannten bellend und jaulend durch das Unterholz, während die Jäger versuchten, ihnen durch das Dickicht zu folgen. Der König ritt an der Spitze, trieb sein Pferd an, hetzte es durch Sträucher und über Wurzelknollen. Er duckte sich nah an den Hals des Pferdes, um von den Ästen nicht am ganzen Gesicht zerkratzt zu werden. Bald einmal hörte er das Schnauben der anderen Pferde nur noch gedämpft hinter sich und kurz darauf gar nicht mehr. Er war allein an erster Position hinter den Hunden.

Im Eifer der Jagd hatte niemand das Wesen bemerkt, das dem Trupp schon seit einiger Zeit folgte. Nur die Vögel und Eichhörnchen flohen ängstlich vor dem riesenhaften Tier, das lautlos wie ein dunkler Schatten durch die Luft schwebte. Das Wesen jedoch machte keinerlei Anstalten, das fliehende Kleingetier zu verfolgen: Es hatte es auf eine viel grössere Beute abgesehen, auf eine Beute, die ihm grenzenlose Macht bescheren sollte.

Die Hunde hatten inzwischen einen Eber eingekreist, der aggressiv versuchte, aus dem Ring der knurrenden Tiere auszubrechen. Doch die Hunde kamen immer näher, und das Schwein drängte sich an eine Eiche, die von einem Feuer, das hier einmal gewütet hatte, schwarz verkohlt war. Zwei verkrüppelte Äste ragten in einer grotesken Haltung himmelwärts und liessen den Baum wie ein Wesen aussehen, das seine Arme flehend zum Himmel streckte. Der König zügelte sein Pferd wenige Schritte vom Eber entfernt. Ruhig nahm er einen Pfeil aus dem fuchsbehangenen Köcher an seinem Rücken, spannte ihn in seine Armbrust, zielte sorgfältig und traf das Schwein hinter dem linken Schulterblatt, worauf es röchelnd zusammensackte. Der König lächelte überlegen. Er war stolz darauf, ein ausgezeichneter Schütze zu sein, und zwar auf der Jagd wie im Krieg.

Die Blätter der Bäume raschelten, und dem König schien es, als wolle ihm selbst die Natur ihre Ehrfurcht bezeugen und seinen Jagderfolg mit einem kräftigen Applaus würdigen. Dass dies ein Irrtum war, sollte er nicht mehr feststellen können. Das Wesen, das dem König unauffällig gefolgt war, hatte ihn ins Visier genommen und stürzte so schnell wie ein Pfeil auf ihn hinab. Der König merkte nicht einmal, wie ihm geschah, so schnell schlitzte das Ungetüm ihm mit seinen messerscharfen Krallen den Brustkorb auf. Blut spritze in Fontänen heraus und besudelte die Mähne des Pferdes. Das Tier scheute in Todesangst und warf den Reiter ab. Die anderen Jäger brachen kurz darauf durchs Unterholz und sahen gerade noch, wie sich der schreckliche Riesenvogel mit seinen schwarzen, ledernen Flügel über die Baumwipfel emporschwang und schnell davonflog. In den riesigen Klauen hielt er seine grausame Beute: das bluttropfende, noch pochende Herz des Königs.

Die Jäger waren geschockt. Einige stiegen von den Pferden und kauerten sich über den am Boden liegenden Körpter. Eine tiefe Wunde zog sich quer über den Brustkorb, und an der Stelle des Herzens klaffte ein tiefes Loch, aus dem das Fleisch in Fetzen hing und ununterbrochen Blut sprudelte. Einer der Jagdgefährten des Königs, Graf Eridor, schloss die Augen seines Königs und murmelte kaum hörbar: „Ich reite nach Xanmor und überbringe der königlichen Familie die schreckliche Botschaft. Bringt den König noch nicht ins Schloss. Ich werde eine Trage und ein Tuch schicken, damit man ihn bedecken kann.“

Graf Eridor fühlte sich wie benommen. Er konnte selbst noch nicht fassen, was geschehen war. Alles war so schnell gegangen, und der Vogel hatte sich so leise genähert, dass ihn niemand gesehen hatte. Der Graf schüttelte den Kopf, als könnte er dadurch das Bild des blutüberströmten Königs abschütteln, doch es hatte sich ihm wie ein Brandmal ins Gehirn geätzt. Er würde es sein Leben lang nicht mehr vergessen.

Der Graf preschte durch den Wald, überquerte eilend die Regenbogenbrücke, die zum Schloss Xanmor führte und übergab im Innenhof sein Pferd einem Stallburschen. Er bemerkte die dunkelgrauen Wolken nicht, die sich über den Zinnen von Xanmor bedrohlich zusammen ballten. Auch dem Wind, der durch den Innenhof fegte und der sein Pferd so erschreckte, dass es sich aufbäumte und angstvoll wieherte, schenkte er keine Beachtung.

„Schnell, schickt zwei Diener mit einer Bahre und einem grossen Tuch in den Wald zur verkohlten Eiche. Und dann ruft Ossiva und Ximalia. Ich muss mit ihnen sprechen“, rief er dem ersten Diener zu, der seinen Weg kreuzte.

„Worum handelt es sich, bitte?“, wollte der Diener wissen.

„Der König liegt tot im Wald. Und jetzt tut, was ich Euch gesagt habe und beeilt Euch! Die Königsfamilie muss umgehend von diesem Unglück in Kenntnis gesetzt werden!“

Der Diener schaute den Grafen irritiert an, bat ihn aber schliesslich in den Audienzsaal. Dort sollte er auf Ossiva, die Königsgemahlin, und Ximalia, deren gemeinsame Tochter, warten.

Der Graf sah sich nervös im Raum um, den er so gut kannte und der jetzt, nach dem Tod des Königs, plötzlich vollkommen anders wirkte. An der einen Wand war der Thron aufgestellt: ein hoher Stuhl aus Gold. Die Armlehnen wurden von Greifen gestützt und auf der Rückenlehne war das Zepter von Magion abgebildet. Rechts und links vom Thron waren die Stühle für die Vertrauten des Königs aufgereiht. An den Wänden hingen riesige Wandteppiche, und zwischen ihnen steckten Fackeln in den gusseisernen Fackelhaltern.  An einer Längswand war eine grosse Feuerstelle in die Mauer eingelassen, über der zwei gekreuzte Hellebarden und ein Schild hingen. Von der Decke hingen fünf prächtige Kronleuchter, in deren Kristalltropfen sich das Kerzenlicht brach und regenbogenfarbene Reflexe auf die Wandteppiche und den Boden warf. Hier hatte der König seine Gefolgsleute und Untertanen empfangen, hier hatten die Adligen zusammen mit ihm so manche Schlachtpläne entwickelt und neue Gesetze aufgestellt. Der Audienzsaal war das Herzstück des Schlosses, der Ort, wo alle wichtigen Regierungsgeschäfte erledigt wurden. Der Graf fühlte, wie Wehmut in ihm aufstieg, als er den leeren Thron und die vielen Stühle für die Mitglieder des Vertrautenstabs betrachtete. Wer würde jetzt den Platz auf dem Thron einnehmen? Der Herrscher hatte keinen Sohn, nur eine Tochter. Würde sie fähig sein, die das Königreich Magion mit harter Hand zu regieren? Der Graf lenkte seinen Blick zum langen Tisch im linken Teil des Saales, wo der König oft Schlachtpläne ausgerollt hatte. Würde sie als einzige Frau in einer Runde von Männern akzeptiert werden oder würde manch ein General versuchen, sie von der Kopfseite des Tisches zu verdrängen?

Der Graf wurde abrupt aus seinen Gedanken gerissen, als der Diener die Königin und ihre Tochter lauthals ankündigte. Graf Eridor fiel einmal mehr die Schönheit der beiden auf. Ossiva wirkte demütiger und blasser als ihre Tochter, war aber auf ihre Art sehr anmutig. Sie hatte glatte, blonde Haare, die sie nach hinten gekämmt und in einem Knoten festgesteckt hatte. Ihr blassgrünes Kleid war hochgeschlossen und hatte Rüschen am Hals und an den Ärmeln. Ximalia, die ihrer Mutter nicht sehr ähnlich sah, war auf ganz andere Weise schön. Ihre Augen waren gross und glänzten geheimnisvoll, so, als ob sie eine Wahrheit geschaut hätte, die allen anderen versagt geblieben war. Ihre Haare waren blond wie die der Mutter, aber stark gelockt. Ihr langes, luftiges Seidenkleid war von einem klaren Aquamarinblau und umspielte ihre schlanke Figur. Sie war jung und zart, aber gleichzeitig strahlte sie eine so grosse Stärke und eine solche Energie aus, dass ihr mancher Magioner bereits jetzt mehr Respekt zollte als ihrer Mutter; und das nicht nur, weil sie als einziges Kind des Königspaars die direkte Nachfolgerin des Königs war. Wollte man die beiden Frauen mit Blumen vergleichen, wäre Ossiva eine sanfte Margarite, Ximalia hingegen wäre eine Rose: schön, aber wegen ihrer Dornen auch gefährlich.

Der Graf grüsste die Frauen, indem er seinen Hut zog und sich tief verbeugte.

„Womit kann ich Euch dienen, verehrter Graf?“, fragte Ossiva etwas erstaunt über den unerwarteten Besuch.

Der Graf wich dem Blick der Königsgattin aus und fingerte nervös an seinem Hut herum. Er liebte die Königsfamilie fast wie seine eigene und deshalb fiel ihm das Überbringen dieser Hiobsbotschaf so schwer wie noch nie etwas in seinem Leben. „Es ist… nicht einfach, Euch diese Botschaft zu überbringen.“ Er versuchte, den Kloss in seinem Hals herunterzuschlucken. Aber er konnte nicht, sein Mund war trocken wie eine Wüste. „Leider bleibt mir keine Wahl. – Es ist…der König…“

„Der König? – Was ist mit dem König?“ Ossiva hatte ihre Ruhe verloren, aufgeschreckt machte sie einige Schritte auf den Grafen zu und schaute ihn ängstlich an.

Graf Eridor wich ihrem Blick aus.

„Er…er ist…getötet worden“, stammelte er unbeholfen.

„Getötet? Aber…das kann nicht sein!“, rief die Königin entsetzt.

Der Graf berichtete ihr und Ximalia, wie sich alles zugetragen hatte. Dass niemand den Vogel früh genug gesehen habe und dass alles so schnell gegangen sei, dass niemand die mörderische Bestie habe erschiessen können.

Ossivas Beine versagten, sie klammerte sich an die Lehne eines Stuhls und liess sich langsam auf ihn sinken. Ximalia reagierte gefasster. Sie musste die Worte des Mannes zuerst verarbeiten. Alles klang so unwirklich. Sie konnte nicht glauben, dass ihr Vater tot war. Einen Moment lang erwog sie, ob der Graf sich einen Scherz mit ihnen erlaubte und ihr Vater jeden Augenblick zur Tür herein käme. Aber dann verwarf sie den Gedanken wieder, denn sie kannte den Grafen als ehrlichen Mann, der nichts auf solche üblen Spässe gab.

„Es tut mir sehr Leid“, sagte er und seine Stimme fühlte sich in der unrealistischen Stille wie ein Messerstich an. „Ich habe angeordnet, dass man den Leichnam in den Schlosshof bringt.“

Die Nachricht drang wie von fern an die Ohren der Frauen. War der König wirklich tot? Konnte es sein, dass sie nie mehr mit ihm zusammen sein konnten? Die Zeit hielt in diesen Minuten den Atem an und versetzte Mutter und Tochter in einen Zustand tiefster Ohnmacht.

Als keine der Frauen etwas erwiderte, fügte er hinzu: „Vielleicht möchtet Ihr ihn sehen. – Später, meine ich, wenn er gewaschen und zurechtgemacht ist. “

Ossiva starrte ihn apathisch an. Sie bekundete mit keiner Geste, dass sie verstanden hatte, was er gesagt hatte. Graf Eridor wusste nicht, wie er mit der Trauer der beiden Frauen umgehen sollte. Ihm wurde die Situation mit jeder Sekunde unangenehmer. Sollte er den Frauen als Zeichen des Beileids die Hand auf die Schulter legen, wie er es bei einem Kameraden machen würde, und ihnen gut zusprechen oder sollte er sie vielleicht besser allein lassen? Er entschied sich für letzteres, denn er befürchtete, dass die königlichen Damen jederzeit in Tränen ausbrechen könnten und er dann noch viel weniger wusste, wie er sich zu benehmen hatte.

Er räusperte sich. „Wenn Ihr mich nicht mehr braucht, würde ich mich gerne zurückziehen.“

Da sich keine der beiden Frauen dazu äusserte, verneigte sich der Graf und verliess den Saal mit schnellen Schritten. Begleitet wurde er dabei von einer Stille, die er auf einmal unangenehmer fand als alles Schluchzen und Wimmern. 

 

Die Beerdigung des Königs am nächsten Abend fand in der Abdankungshalle statt. Diese Halle bestand ausschliesslich aus weissem Marmor. An den Wänden entlang waren Statuen der Götter aufgestellt. Skios, der Gott der Unterwelt, stand auf einem Podest, sodass er die anderen Götter überragte. Schliesslich war diese Halle des Todes ihm gewidmet. An den Wänden hingen Teppiche, die Darstellungen aus dem Totenreich zeigten. In massiven Gusseisenkerzenständern staken dicke, weisse Kerzen, deren Flammen unruhig flackerte. Die bunten Mosaikglasfenster warfen farbige Muster in den Raum. Etwa hundert Marmorsäulen stützten das Dach der Halle.

Wie es die alte Tradition verlangte, war das Zepter von Magion aus seinem sicheren Aufbewahrungsort, der ‚Grotte der Heiligen’, geholt und in der Abdankungshalle hinter dem Haupt des aufgebahrten Leichnams aufgerichtet worden. So konnte seine Kraft ein letztes Mal über den toten König wirken, damit dieser unbehelligt seine Reise ins Reich der Toten antreten konnte.

Auf diesen Moment hatte der Zauberer Zaronn gewartet. Er hatte seit Jahren seine Macht kontinuierlich aufgebaut und alles genau geplant:  die Ermordung des Königs und den Raub des Zepters. Das Zepter würde ihm uneingeschränkte Macht über ganz Magion bescheren, eine Macht, die er für seine finsteren Zwecke nutzen wollte.

Der König trug rote Samthosen und ein passendes Oberteil dazu, das über und über mit Goldmustern bestickt war. Seine Füsse steckten in feinen Schuhen mit  einer grossen Schnalle und kleinem Absatz. Er war gewaschen, gekämmt und mit wohlriechenden Ölen eingerieben. Auf seiner Stirn war mit roter Farbe eine Krone aufgemalt, dem Zeichen, dass hier ein Mitglied der Königsfamilie seine letzte Ruhe fand. Die hässliche Wunde in seiner Brust war durch die Kleider verdeckt, und man hätte meinen können, der König schlafe, wenn nicht seine Haut fast ebenso weiss wie das Marmorpodest gewesen wäre, um das sich Hunderte von Menschen in andächtiger Stille versammelt hatten. Ja, diese Stille. Sie war nicht nur andächtig, sondern mutete fast schon unheimlich an. Niemand sprach, niemand bewegte sich; die Trauergäste standen da, als wären sie selbst ebenso leblos wie der Mann, um dessen Willen sie hierher gekommen waren.

Ximalia fixierte das wächserne Gesicht dieses Mannes, der ihr jetzt, im Tod, so fremd erschien. Das also war ihr Vater, ihr strenger, doch geliebter Vater, der für seine Härte im ganzen Land gefürchtet, für seine Gerechtigkeit jedoch geschätzt worden war. Jetzt lag er da, kalt und schwer, und würde nie mehr seine Ehrfurcht gebietende Stimme erheben. Nun war er nichts weiter als ein toter Leib, obwohl er auch als solcher streng und ernst wirkte.

Die Zeremonie hatte noch nicht angefangen, weshalb Ximalia eine der schwarzen Rosen abbrach, die in grossen Töpfen rund um das Podest angepflanzt waren. Sie atmete den süsslich-schweren Duft ein, der sich ihr wie ein Schleier der Melancholie in die Lunge legte. Sie legte die Rose behutsam auf die Brust ihres Vaters. In einer letzten zärtlichen Geste strich sie mit den Fingerkuppen sanft über die erkaltete rechte Hand ihres Vaters. Diese Hand hatte ihr früher liebevoll über das Haar gestrichen. Ximalia hielt den Kopf gesenkt, damit niemand die Tränen sah, die ihr über die Wangen liefen.

Welch Ironie des Schicksal! An diesem Tag hätten eigentlich alle froh sein müssen; mit einem grossen Fest hätte man den Geburtstag der Prinzessin gefeiert. Doch jetzt standen die Geburtstagsgäste in stummer Trauer beisammen und huldigtem ihrem toten König.

Die Chöre hatten zum Auftakt der Totenfeier gerade das ‘Lied der Zeit’ angestimmt, als die schweren Eichentüren der Totenhalle aufsprangen und ein riesenhafter Schatten in den Saal fiel. Tobende Wirbelstürme wehten alles, was ihnen in den Weg kam, nieder. Die Trauernden sowie die Chöre und die Priester flohen in Panik. Auch Ximalia, die mit ihrer Mutter Ossiva in der ersten Reihe der Trauernden gestanden hatte, floh aus erstem Reflex heraus. Sie raffte ihren Rock zusammen und folgte der Mutter, die ihre Hand ergriffen hatte und sie hinter sich herzog. Rechts und links von ihnen drängelten sich die Trauergäste vor, und es dauerte nicht lange, dass Mutter und Tochter getrennt wurden. Ximalia spürte, wie ein Wirbelsturm mit voller Kraft auf sie zukam. Sie musste sich irgendwo festhalten, sonst würde er sie davonwehen! Sie schaffte es gerade noch, sich an eine der Säulen zu klammern, ehe der Wirbelsturm vorbeifegte. Neben ihr wurden Menschen durch die Luft geschleudert, die mit einem dumpfen Klang wieder am Boden landeten und dort in grotesker Haltung liegen blieben.

Als der Sog der Winde nachliess, lehnte sie sich erschöpft an die Säule und beobachtete das Drama, das sich vor ihr abspielte.

Der Aufruhr war perfekt: überall strömten schreiende Menschen zum Ausgang, die Angst hatten, von den Wirbelwinden davongeweht zu werden oder durch deren Krachen und Zischen zumindest das Gehör zu verlieren. Einige stolperten in dem Gedränge und fielen hin. Aber niemand half ihnen wieder auf die Beine, jeder trampelte einfach über sie hinweg. Mannshohe Kerzenständer lagen kreuz und quer im Raum verstreut; die wertvollen Teppiche an den Wänden waren in einzelne Fäden aufgelöst, und die ungeheuren Sturmböhen entwurzelten die schwarzen Rosen, die in wildem Durcheinander herumgeschleudert wurden. – Das Chaos war ausgebrochen.

In diesem ganzen Tumult verkleinerte sich der bedrohliche Schatten, der in die Totengewölbe eingedrungen war, zu einer düsteren Gestalt, und Zaronn marschierte mit höhnendem Lachen zum Totenpodest des Königs. Er riss das Zepter, das unberührt hinter dessen Haupt stand, an sich. Ximalia stockte der Atem. Sie fühlte die Stärke und Boshaftigkeit, die von dieser schwarzen Gestalt ausging. Ihre drohende Anwesenheit füllte den Raum wie giftiges Gas und liess die Prinzessin erschaudern. Sie roch ihre eigene Angst, während sie sich in Gedanken gut zusprach und sich so zu beruhigen versuchte: „Reiss dich zusammen. Er hat dich nicht gesehen und kann dir somit auch nichts tun!“ Vorsichtig spähte sie hinter der Säule hervor und musste zusehen, wie das Unmögliche geschah: der Diebstahl, der die grösste je dagewesene Katastrophe auf Magion auslösen sollte. Eine Sekunde erwog sie, sich gegen den Dieb zu werfen, um ihn aufzuhalten, doch sie ahnte instinktiv, dass sie damit nackten Selbstmord begehen würde. Also blieb sie, wo sie war, und beobachtete, was weiter geschah.

Zaronn hatte sein Ziel erreicht. Das Zepter würde ihm uneingeschränkte Macht verleihen und ihm helfen, eine neue, finstere Herrschaft über Magion zu erstrecken. Er hielt es, mit beiden Händen umschlossen, in die Höhe, und sein grässliches Lachen dehnte sich zu einem einzigen, langgezogenen, durchdringenden Schrei, einem Schrei von solcher Grelle, dass die bunten Fensterscheiben unter seiner Tonhöhe barsten. Ximalia hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und meinte trotzdem zu fühlen, wie sich der Schrei wie ein Stachel in ihren Kopf bohrte. Die Prinzessin biss die Zähne zusammen, drückte ihre Stirn gegen die Säule und musste sich zwingen, in ihrem Versteck zu bleiben und nicht einfach davon zu rennen, weg von diesem entsetzlichen Lärm. 

Endlich verebbte der markerschütternde Schrei, dafür dröhnten nun die Worte von den Wänden: „Endlich, endlich ist es mein, das Zepter von Magion. Die gesamte Macht der Welt liegt in meinen Händen. Jetzt kann mich nichts mehr aufhalten. Ich werde Magion in ein Reich der Dunkelheit verwandeln, und Bossal wird sein neues Machtzentrum werden. Die Sonnen werden nicht mehr scheinen, und alle Kreaturen werden auf meine Befehle hören, wenn sie ihr erbärmliches Leben behalten wollen. Zaronn wird auf ewig über ihnen stehen.“

Der Name Zaronn liess Ximalia erschaudern. Es war der Name, den sie am meisten fürchtete. Der Name, mit der die schreckliche Prophezeiung verknüpft war. Sie hatte schreckliche Angst, aber sie musste einfach wissen, wie der Mann aussah, der auf so niederträchtige Weise in ihr Leben eingriff. Sie spähte vorsichtig hinter der Säule hervor. Ein schwarzer, wehender Mantel hüllte die grosse Gestalt ein, und eine Kapuze verdeckte ihr Gesicht so, dass unter deren Schwärze nur das teuflische Glitzern der Augen erkennbar war.

Die Wirbelwinde hoben Zaronn empor, bevor er, so schnell wie er gekommen war, durch ein zerbrochenes Fenster in die Finsternis der Nacht verschwand. Sein Gelächter hallte noch eine Weile von den Wänden wider, doch dann endlich war auch dieses letzte Echo verstummt, und zurück blieb die Verwüstung.

 

Nach diesem schrecklichen Ereignis stieg Ximalia auf den höchsten Turm des Palastes. Sie schaute in den schwarzen Himmel und zu den glitzernden Sternen. In ihrem Innern stauten sich Trauer, Wut und Verzweiflung. Einige Zeit blieb sie nur so stehen und kämpfte mit den aufkommenden Tränen. Dann fiel sie auf die Knie, legte die Hände wie zum Gebet zusammen und atmete die frische Nachtluft ein.

 „Vater, ich weiss, wer dein Mörder ist. Bestimmt ist Zaronn, der Dieb des Zepters, der Vogel gewesen, der dir das Herz aus dem Leib gerissen hat. Ich schwöre dir, dass ich deinen Tod rächen werde. Zaronn wird seine Strafe für dieses Verbrechen erhalten. Mit Hilfe des Helden, den mir Asprogis geweissagt hat, werde ich versuchen, das Zepter zurück zu holen, das verspreche ich dir. Es muss mir gelingen oder ich will tot sein! Magion soll nicht von einem Verbrecher regiert werden!“, rief sie in die Nacht hinaus und der Wind trug ihre Worte mit sich fort, hoch bis zu den Göttern hinauf.

Als sie sich und der Welt ihr Wort gegeben hatte, rief sie, allein auf dem grossen Balkon stehend, die Weisse Fee, ihre Lehrerin aus früheren Zeiten, an: „Asprogis, meine Zeit ist nah, ein Teil deiner Weissagung hat sich erfüllt. Zaronn, der Herr des Dunkeln, hat das Zepter von Magion, den Inbegriff der höchsten Macht und Herrschaft, gestohlen. Du hast mich gelehrt und mich auf mein Schicksal vorbereitet, das mir nun offenbart wird. Ich bin bereit, meine Aufgabe zu erfüllen. Sende den Helden, den ich nicht kenne, damit wir gemeinsam in den Kampf gegen Zaronn ziehen können. Denn mein sei die Rache, und ich will nicht eher ruh’n, als dass Zaronn vernichtet ist.“

Sie schaute in die Sterne, die über ihr glitzerten wie Diamanten, und dachte verbittert: „Auch wenn es mein Ende sein sollte.“

 

In dieser Nacht wurde die Königstochter von schlimmen Selbstzweifeln gequält.

„Wieso habe ich es nicht gemerkt? Wieso habe ich nicht gemerkt, dass der Tod meines Vaters kein Zufall war, sondern Absicht? Ich hätte doch erkennen müssen, dass sein Tod ein Trick Zaronns ist, um an das Zepter zu kommen. Wieso habe ich das nicht realisiert? Ich hätte meiner Mutter verbieten müssen, das Zepter aus der Grotte der Heiligen zu holen, dann hätte Zaronn es nie rauben könne. Wieso nur, wieso habe ich bloss seinen Trick nicht durchschaut? Ich habe ja von der Prophezeiung gewusst, habe gewusst, dass das Zepter einmal von Zaronn gestohlen werden würde!“

Diese Vorwürfe liessen sie nicht zur Ruhe kommen. Sie wälzte sich auf ihrem Bett hin und her und versuchte, sich zum Schlafen zu zwingen, doch ihre Gedanken waren zu dominant. Nach einigen Stunden vernahm sie in ihrem Innern die Stimme von Asprogis, ihrer Lehrerin: „Mach dich nicht selbst verrückt, Ximalia. Du warst wegen der Trauer über den Tod deines Vaters zu verwirrt, als dass du den Zusammenhang hättest erkennen können. Und selbst wenn du die Gefahr gesehen hättest und deiner Mutter verboten hättest, das Zepter aus der Grotte der Heiligen zu holen, hätte das nichts gebracht. Ossiva hätte sich widersetzt und trotz deiner Warnung den alten Brauch weiter geführt. Das Schicksal kann man nicht ändern, Ximalia.“

Diese Worte beruhigten die Prinzessin ein wenig. Sie erkannte, dass Asprogis Recht hatte: Man  kann dem Schicksal nicht ausweichen. Mit dieser Erkenntnis schlief sie erschöpft ein.

 

 

Das Schreiben als Lebensinhalt, das Schreiben als Dämon Freitag, Sep 19 2008 

Früher, als ich ein Kind und eine Jugendliche war, war das Schreiben für mich ein grosses Thema. Es war mehr als ein Hobby, es war Lebensinhalt. Mit zehn, elf Jahren hatte ich den Roten Seidenschal von Federica de Cesco gelesen und mir gedacht, dass ich das auch könne. Mit zwölf begann ich, mit Bleistift eine Indianergeschichte zu schreiben. Die Indianer interessierten mich schon so lange ich denken konnte. Ich wusste viel über sie, sammelte und bastelte indianische Gegenstände. Ich fühlte mich fit für einen Roman. Ich schrieb verbissen an der Geschichte, hörte nicht einmal, wenn mich meine Freundin fürs Kino abholen kommen wollte, so vertieft war ich. Nach etwa drei Jahren war ich fertig. Dann kaufte ich mir einen Computer, tippte die Geschichte ab und verbesserte sie. Ich schickte sie an unzählige Verlage, bekam aber immer eine Absage. Das deprimierte mich zwar, hielt mich aber nicht davon ab, gerade eine zweite Geschichte zu schreiben. Diesmal einen Fantasy-Roman. Mit sechzehn begann ich, mit zwanzig war ich fertig. Dann korrigierte und überarbeitete ich sie und reichte sie wieder an verschiedene Verlage ein. Irgendwie hatte sich in all den Jahren ein ungeheurer Druck aufgebaut, ein Zwang, einmal ein Buch veröffentlichen zu können. Dies hängte wohl auch damit zusammen, dass ich von sechzehn bis zwanzig ins Wirtschaftsgymnasium ging und dort in einer Klasse war, die mich einfach nur fertig machte. Und zwar massiv. Mein Selbstwertgefühl war so gross wie eine Null mit nix davor und nix dahinter. Ich wurde gehänselt, diskriminiert, zur Aussenseiterin erklärt. Ich hatte kaum Freunde, sass oft allein und fühlte mich wie in einem grossen schwarzen Loch, aus dem es kein Entrinnen gibt. Das Schreiben bot mir in dieser Zeit eine Stütze, es war eine Welt, in die ich mich zurück ziehen konnte, eine Welt, wo ich Macht hatte und Personen sterben und leben lassen konnte, wie es mir gefiel. Das Schreiben gab mir auch ein Ziel, auf das ich stetig hinarbeitete, aber gleichzeitig wurde es zu einem ungeheuren Druck. Plötzlich dachte ich, ich müsste ein Buch veröffentlichen, weil ich sonst nichts Wert sei. Ich glaubte, dadurch mir und vor allem diesen Vollidioten aus meiner Klasse etwas beweisen zu müssen. So wurde dieses Hobby, das mir zuerst Lebenssinn versprochen hatte, auf einmal zu einem lebensbedrohlichen Dämon, der mich zu verschlingen suchte. Nach jeder Absage von einem Verlag war ich am Boden zerstört, ein Häufchen Elend. Ich versank in Depressionen, hängte meinen ganzen Selbstwert an das Buch-Projekt, das mir meine Daseinsberechtigung bringen sollte. Doch die kam nicht. Mit der Zeit merkte ich, dass es so nicht weiter ging, dass ich mich kaputt machen würde, wenn ich mich weiterhin so auf dieses Ziel versteifen würde. An meinem vierundzwanzigsten Geburtstag verbrannte ich deshalb das Schreiben und alles, was damit zusammen hängt, symbolisch. Ich schrieb kleine Zettelchen mit Begriffen rund ums Schreiben, machte zuerst eine Räuchersitzung, in der ich Harze und Kräuter verbrannte und hielt schliesslich die Zettelchen ins Feuer. Da verbrannte es, das Schreiben, Stück für Stück. Diese drückende Last wurde endlich von mir genommen und ich war wieder frei! Seit diesem Moment an habe ich nur noch kleinere Texte geschrieben: Gedichte und die obligatorische Weihnachtsgeschichte. Meinen Fantasy-Roman legte ich eine Weile auf die Seite und verspürte auch gar nicht mehr den Wunsch, ihn unbedingt zu veröffentlichen. Ab und zu feilte ich vielleicht etwas an ihm, doch nie so sehr, dass ich ihn wieder eingeschickt hätte. Bis jetzt. Um die Zeit meiner Arbeitslosigkeit zu nutzen, habe ich das Manuskript wieder hervor gekramt und bin nun dabei, es ernsthaft und ein allerletztes Mal zu überarbeiten. Aus der Sicht einer siebenundzwanzigjährigen Frau betrachte ich das Skript anders als mit zwanzig Jahren. Ich fand viele Stellen, die ich ausschreiben musste, weil sie zu kurz waren oder die ich streichen musste, weil sie überflüssig waren. In ein paar Tagen werde ich die ganze Geschichte fertig haben und dann werde ich noch einmal einen Verlags-Vorstoss wagen. Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn es klappen würde mit dem Veröffentlichen, aber auch wenn das nicht der Fall sein sollte, werde ich nicht mehr leiden, so extrem leiden, wie noch vor ein paar Jahren.