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5. Juni

Nikos ist tot.

Ich kann es nicht fassen! Es scheint so unwirklich. Wie ist es möglich, dass er nicht mehr lebt, er, der so viel lebendiger war als die meisten Menschen?

Es ist, als ob die ganze Welt ausradiert wäre, als ob sich eine unermessliche Leere vor mir ausbreitete, die mich zu verschlingen droht. Nichts und niemand ist mehr wichtig, und ich nehme nichts wahr als diesen durchdringenden Schmerz, der jede Zelle meines Körpers gefangen genommen hat. Gibt es ein grösseres Leid, als die Person zu verlieren, die man auf der Welt am liebsten hatte? Ich weiss nicht, was ich tun soll ohne ihn. Ich fühle mich verloren.

Mein Nikos, mein armer Nikos. Wo bist du jetzt? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Oder ist da ewige Stille und Dunkelheit? Ach, wenn du zu mir sprechen könntest!

Du hast mir so viel gegeben. Du hast mich gelehrt, mich selbst zu sein. Aber ich bin noch unsicher. Werde ich fähig sein, meinen Weg ohne deine Hilfe weiter zu gehen? Ich fühle mich wie ein Kleinkind, das seine ersten Schritte wagt. Mit dem Unterschied, dass mich keine Mutter auffängt, wenn ich stürze. Ach, wärst du hier und könntest mich stützen, in deinen Armen wäre ich behütet. Nikos. – Nikos. Selbst dein Name klingt so…..wunderschön. Als wäre ein Zauber in ihm gefangen.

Die Zeilen, welche mir die Nachricht von deinem Tod überbrachten, sind für immer in meinen Gedanken eingebrannt wie ein schreckliches Brandmal:

Liebe Salome

Nikos ist tot. Er ist bei einem Vespa-Unfall gestorben.

Vielleicht tröstet es dich ein wenig zu wissen, dass er oft von dir gesprochen hat. Er hat dich sehr geliebt.

Papas

Ich bin sehr dankbar für die Zeit, die ich mit dir verbringen durfte. Aber sie war so kurz. Du warst wie ein Vogel, der mich kurz gestreift hat, um dann auf immer davon zu fliegen. 

Was ist mir geblieben von unserer gemeinsamen Zeit? Nichts als ein paar Gegenstände, an die ich mein Herz hänge, und die Erinnerung. Diese schmerzliche Erinnerung…

6. Juni

Ich kann nicht anders, ich muss noch einmal an den Anfang zurück, muss die Ferien auf Kos noch einmal durchleben, auch wenn es schwer fällt, verdammt. – Nikos!

Ich glaube, nur so kann ich deinen Tod verkraften und mir der Wandlung bewusst werden, die ich durch dich erfahren habe. Ich habe mal gehört, dass Menschen eine Art Selbsttherapie betreiben, indem sie das aufschreiben, was sie beschäftigt. Ich hoffe, mir bringt das etwas. Natürlich erinnere ich mich nicht mehr an alles ganz genau, aber ich werde versuchen, stets so korrekt wie möglich zu sein.

Ich freute mich wahnsinnig auf unsere Ferien auf Kos. Mit Michel war ich einmal auf Gran Canaria und zweimal auf Ibiza gewesen. Er bestimmte immer, wo es hinging. Ich wollte schon lange nach Griechenland, schliesslich hatte mein Vater, den ich nie kennen gelernt habe, eine Griechin geheiratet. Ich hoffte, durch das Land, in dem er jetzt wohnt, mehr über ihn herauszufinden. Zusanna hasst ihn und deshalb lässt sie nie ein gutes Haar an ihm, wenn sie über ihn spricht. Aber ich glaube nicht, dass er ein schlechter Mensch ist. Leider hat er nie etwas von sich hören lassen. Also bin ich als einzige Quelle auf die Berichte von Zusanna, meiner Mutter, angewiesen.

Zu meinem Glück hatte ein Kollege von Michel Kos im vorigen Jahr bereist und schwärmerisch davon gesprochen. Das hatte meinen Freund endlich überzeugt, dass Griechenland eine Reise Wert war.

Als ich Zusanna von unseren Reiseplänen erzählte, reagierte sie alles andere als begeistert. „Wieso gerade Kos? Es gibt doch genug andere griechischen Inseln“, meinte sie.

„Warum denn nicht Kos?“, fragte ich.

„Ach – auf Kos gibt es nichts zu sehen. Es ist nur eine kleine Insel. Warum fliegt ihr nicht nach Rhodos oder Kreta?“

Mir kam das Verhalten meiner Mutter seltsam vor, normalerweise kümmerte sie sich kaum um mich und meine Pläne. Ich verstand nicht, was sie gegen Kos hatte.

„Michel will nach Kos, nicht auf eine andere Insel“, gab ich in einem Ton zur Antwort, der signalisierte, dass jede weitere Argumentation ihrerseits  unerwünscht war.

Im April flogen wir mit der Swiss auf die Insel nahe der Türkei. Der Flug war kurz und störungsfrei. Als wir letzten Sommer nach Gran Canaria geflogen waren, waren wir in Luftlöcher geraten. Das Flugzeug hüpfte auf und ab als hätte es Schluckauf. Ich hatte Angst, doch Michel, der auf cool machte, meinte nur, das sei wie Achterbahn, nur gratis.

Nachdem wir gelandet waren, im Hotel eingecheckt und die Kleider ausgepackt hatten, machten wir uns zu einer ersten Besichtigung von Kos-Stadt auf. Wir schlenderten an den Hafen, genossen die Meerluft und bummelten durch die Gassen, die mit allerlei Souvenierläden vollbepackt sind, bevor wir in einem Restaurant mit Fähnchen auf den Tischen einkehrten. Wir setzten uns zur Schweizerfahne und bestellten eine Griechische Platte mit den verschiedensten Spezialitäten. Das Essen war sehr gut, allerdings konnte ich fast nichts essen, weil alles öldurchtränkt war. Als wir das Restaurant verliessen, hatte Michel einen vollgestopften Bauch und ich Hunger.

„Was machen wir heute Abend?“, wollte er wissen.

Ich rauchte, um den Hunger zu vertreiben.

„Pläne erstellen, was wir wann besichtigen wollen?“, fragte ich vorsichtig, denn ich wusste nur zu genau, wie ungern Michel in den Ferien etwas anderes machte als baden.

„Du hast sie wohl nicht mehr alle? Wir sind den ersten Tag hier. Das muss gefeiert werden! Ausserdem habe ich nicht vor, hier irgend etwas anderes zu besichtigen als den Strand und die Bars und Clubs.“

„In meinem Reiseführer habe ich gelesen, dass es schöne Ausgrabungen gibt. Mosaike, ein Odeon und eine Anlage von Hippokrates, dem berühmten antiken Arzt“, versuchte ich ihn umzustimmen.

„Na dann geh doch und kracksle auf diesen alten Steinhaufen herum. Ich habe Besseres zu tun. Ich bin hergekommen, um das zu tun, was jeder normale Mensch in meinem Alter macht: um zu baden, braun zu werden und abzutanzen.“

Damit war die Diskussion zu Ende.

Etwas später gingen wir in die Disco ‘Fashion Club’. Ich zog mein schärfstes Teil an, um Michels Laune zu verbessern: schwarze Stiefel, einen roten Minijupe, der knapp meinen Po bedeckte, und ein tief ausgeschnittenes rotes Top. Michel fand das geil. Im Club musste ich vier oder fünf Cocktails trinken, bevor ich den Mut hatte, mit Michel auf die Tanzfläche zu gehen. Ohne Alkohol war ich nichts. Ich musste mich besaufen, um witzig zu sein, um erotisch zu tanzen und Michel zu gefallen. Zu dröhnenden Beats, die wie Hämmer an meine Schläfen schlugen, schmiegte ich mich an ihn, ging vor ihm in die Knie, tanzte lasziv um ihn herum, rieb mich an ihm, bis ich spürte, wie er hart wurde, krallte meine Finger um seine Pobacken, um ihn noch näher an mich zu drücken. Ich fühlte seinen heissen, gierigen Atem, sah die lüsternen Augen auf meinen Ausschnitt gerichtet. Seine Geilheit gab mir das Gefühl von Wichtigkeit. In seinen Armen fühlte ich mich für wenige Sekunden wie eine Königin, stark, begehrt, mächtig. Die Luft zwischen uns knisterte. Ich spürte, es brauchte nicht mehr viel, um ihm einen fulminanten Höhepunkt zu bescheren, und ich wusste, dass er, einmal in Stimmung gebracht, alles haben wollte. Also gingen wir aufs Klo. Zum Glück beherrschte er es, seinen Orgasmus lautlos auszuleben, daher blieb unser Toiletten-Abenteuer so gut wie unbemerkt.

Als wir spät nach Mitternacht zum Hotel torkelten, war mir übel. Ich hatte zu viel getrunken.

8. Juni

Sarah hat mich heute angerufen und mir gesagt, dass sie Michel händchenhaltend mit einer aufgetakelten Blondine gesehen hat. Ich habe mir schon gedacht, dass es nicht lange geht, bis er die nächste an Land zieht. Aber egal, mich kümmert er nicht mehr.

Wo war ich letztes Mal stehen geblieben? Ach ja, bei unserer ersten Nacht auf Kos. Am nächsten Morgen erwachte ich, weil eine Zunge meine Brustwarzen umspielte. Michel war schon wieder geil – scharf wie eine Chilischote. Er war unersättlich, konnte und wollte einfach immer, wobei er auf mich keine Rücksicht nahm. So war es auch diesmal. Ich mit meinem Kater hatte überhaupt keine Lust, ihm war das egal. Und weil ich dachte, er würde ausrasten, wenn ich mich nicht seinem Willen beugte, hielt ich eben hin. Er fickte mich wie eine Gummipuppe: schnell, gefühllos und ohne auf meine Bedürfnisse zu achten. Nachdem er gekommen war, liess er mich liegen wie ein aufgebrauchtes Parfumfläschchen, dessen Duft er geraubt hatte und das nun wertlos für ihn war. Er zog sich an, und ich tat es ihm gedankenleer nach. Es war etwas vor elf, und so hatten wir, wenn wir uns beeilten, gerade noch Zeit, um im Hotel zu frühstücken. Natürlich waren wir die letzten Gäste, und die Hotelangestellte war bereits dabei, das karge Buffet abzuräumen. Sie stellte aber alles wieder hin, als sie uns sah; wir liessen uns nicht zweimal bitten und stürzten uns auf die übrig gebliebenen Speisen. Michel hatte seinen Teller gefüllt mit Brot und Orangenmarmelade und sechs dieser kleinen Bütterchen.

Als er sah, wie ich mein Brot ass, nämlich mit viel Pfeffer und etwas Salz, fragte er: „Was soll das?“

Ich räusperte mich.

„Naja, es gibt hier keinen Magerjoghurt, also muss ich Brot mit Gewürzen essen, Marmelade hat mir zu viele Kalorien.“

„Wo hat denn Marmelade Kalorien? Sie hat doch gar kein Fett!“

„Nein“, belehrte ich ihn, „aber Zucker. Unmengen von Zucker. Auf 50 Gramm Früchte kommen 50 Gramm Zucker.“

„Na, mir ist’s gleich, wie du’s anstellst, Hauptsache, du behältst deine Figur!“ 

Am Nachmittag mieteten wir Velos und fuhren zum Strand von Marmari, wo wir uns von Zeit zu Zeit im Meer abkühlten. Es war ein ungewöhnlich heisser Frühling. Meine Haut glühte, mein Kopf schmerzte; wenn ich Sonnencrème einstrich, war mein Körper danach sandbehaftet wie ein Schmirgelpapier. Ich bin seit jeher kein besonderer Badeferienliebhaber. Die Stunden vergingen schleppend. Zum Glück hatte ich ein gutes Buch dabei. „Homo Faber“ von Max Frisch, in dem sich ein Mann in die eigene Tochter verliebt. Seltsame Vorstellung!

Ich rauchte wie ein Schlot Marlboro light. Wie schnell eine Packung durch ist! Einmal fragte mich jemand, weshalb ich rauche. Ich konnte ihm keine Antwort geben, denn ich wusste es selbst nicht genau. Ich tat es eben einfach. Inzwischen sind mir die Gründe klar geworden. Ich rauchte, weil es a) cool war, b) die Figur erhält und c) weil man in unangenehmen Situationen immer weiss, was man mit den Händen machen soll.

Mitte Nachmittag hatte Michel endlich genug, und wir fuhren zum Hotel zurück.

Bevor wir in ein Restaurant gingen, wollte ich duschen, um den elenden Sand von meiner Haut zu bekommen. Ich fragte mich, ob wir tatsächlich jeden Tag an den Strand gehen würden, summte leise vor mich hin und schmierte zart duftendes Vanille-Shampoo auf meine Haare. Ich hörte nicht, wie die Badezimmertür geöffnet wurde und Michel herein kam. Plötzlich wurde der Duschvorhang zur Seite geschoben und ich fühlte eine Hand auf meinem Rücken. Ich zuckte zusammen. Die Angst krallte sich in meinem Herzen fest und liess es einen Moment still stehen. Die Gegenwart wurde zur Vergangenheit.

„Nein, fass mich nicht an! Lass mich! Ich will nicht!“

Ich schrie wie am Spiess, schlug um mich, als stünde der Teufel in Person hinter mir und kriegte einen Heulanfall. Wimmernd kauerte ich mich in einer Ecke der Badewanne zusammen, die Beine angezogen und die Arme um meinen Körper geschlungen. Ich fühlte mich hilflos, schmutzig und verletzend nackt. Augenblicklich war ich wieder das Kind von damals.

Michel reagierte auf seine typische Art. Wütend schimpfte er mich eine Zicke und warf mir allerhand Anschuldigungen an den Kopf, die ich hier nicht rezitieren will, bevor er das Hotelzimmer mit knallender Tür verliess.

Als ich begriff, dass mich keine Hände mehr berührten, liessen meine Tränen nach, der Dämon in meinem Gehirn wich, und ich fand in die Gegenwart zurück. Mit zittrigen Fingern wusch ich mir das Shampoo aus den Augen, spülte meine Haaren und stieg erschöpft aus der Wanne. Ich erkannte nun, dass es Michel gewesen war, der mich berührt hatte, doch es war alles genauso wie damals gewesen. Vor zehn Jahren war ich von meinem Onkel, zu dem mich meine Mutter regelmässig abgeschoben hatte, in der Dusche vergewaltigt worden. Ich hatte nie die Kraft gehabt, mit jemandem darüber zu sprechen. Es war so erniedrigend. Eigentlich hatte ich geglaubt, nach all den Jahren den Vorfall verarbeitet zu haben. Schliesslich machte es mir nichts aus, mit Michel zu schlafen. Aber die Situation in der Dusche hatte mich so sehr an damals erinnert, dass ich automatisch in die Rolle des Opfers zurück gefallen war. Vielleicht hatte auch dazu beigetragen, dass ich mit Michel nie in der Dusche gebumst hatte und dass ich normalerweise die Tür abschloss, wenn ich duschte. Anscheinend hatte ich es diesmal vergessen und Michel es bemerkt.

Mir war elend zumute. Die schrecklichen Bilder von damals stiegen in mir hoch wie Galle. Ich fühlte wieder die Schmerzen, die Angst, die Verzweiflung. All diese tot geglaubten Empfindungen waren mit einem Schlag und mit einer Heftigkeit, die ich nicht für möglich gehalten hätte, wieder da. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich wieder im Griff und die Erinnerungen an damals einigermassen verdrängt hatte. Endlich zog ich mich an. Ich brauchte länger dafür als gewöhnlich, denn meine klammen Finger wollten mir nicht richtig gehorchen. Mit einem breiten Kajalstrich   und violettem Lidschatten überschminkte ich meine verquollenen Augen. Ich hatte keine Ahnung, wohin mein Freund gegangen war, jedoch vermutete ich ihn in der Hotelbar. Ich machte mich auf die Suche nach ihm, um mich für mein seltsames Benehmen zu entschuldigen. (Obwohl eher er derjenige war, der sich hätte entschuldigen müssen, aber das war mir damals nicht klar.) In der Bar fand ich ihn nicht. Die Dame an der Reception hatte ihn auch nicht gesehen, denn als ich sie danach fragte, zuckte sie nur mit den Schultern.

Ich beschloss, einen kurzen Spaziergang zu machen. Die frische Luft würde mir gut tun. Es war ungefähr fünf und noch warm genug, um in Minijupe und Top draussen zu sein. Ich schlenderte Richtung Stadt: Aneinander klebende Häuschen wie Bauklötze. Eine Brise, die den Duft von Salzwasser mit sich trägt. Blauer Himmel, mit wenigen Wolken bestickt. Zum Glück hatte ich meine Malboros dabei, ich hätte sonst nicht gewusst, wohin mit den Händen. Wenn ich mit Michel zusammen war, konnte ich mich bei ihm einhaken. Aber jetzt? Ich war sehr oft mit Michel unterwegs. Wenn ich es mir recht überlege, eigentlich zu oft. Wir gingen jeden Abend in ein Pup, ins Kino oder in die Disco. Samstags und sonntags ging ich zu ihm und wir machten uns ein gemütliches Weekend. „Privat-Party“, wie er das nannte. Seine Eltern waren meist ausser Haus und wir hatten sturmfreie Bude. Früher hatte ich in meiner Freizeit gelernt und Hausaufgaben gemacht. Aber seit ich mit Michel zusammen war, vernachlässigte ich meine Pflichten. Deshalb musste ich das vierte Jahr des Wirtschaftsgymnasiums wiederholen. Doch jetzt hatte ich die Kantizeit endlich hinter mir und das Maturzeugnis in der Tasche. Ich jobbte nun ganztags bei Mc Donald’s. Zwischen fetttriefenden Pommes und ungesundem Weissbrot. Im Geruch von Hamburgern und schmelzendem Käse. Umgeben von Bergen von Karton: Kartonbecher, Kartonboxen, Kartontüten. Mit einem roten Käppi auf dem Kopf. Wie es mich anwiderte, den ganzen Tag mit Fast Food arbeiten zu müssen. Lieber hätte ich in einer Salatbar Geld verdient. Aber das gibt es ja nicht! Die Menschen essen lieber Pommes frites und wundern sich, wenn sie dabei aufgehen wie ein Ofenküchlein. Zum Glück hatte ich jetzt erst mal zwei Wochen Ferien!

Ich merkte, dass ich mich verlaufen hatte. Ich hatte meinen Gedanken nachgehangen und dabei nicht darauf geachtet, woher ich gekommen war. Ich befand mich in einem Gässchen mit vielen kleinen Läden. Aber sieht hier nicht ein Gässchen aus wie das andere? Überall gibt’s kleine Läden, Kos-Stadt ist schliesslich vertouristisiert. Ich versuchte, wenigstens herauszufinden aus welcher Richtung ich gekommen war. Hm, das war gar nicht so einfach, doch ich entschloss mich, das nächste Strässchen nach links zu nehmen und ihm auf gut Glück zu folgen, zuversichtlich, dass es mich dem Hotel, zu dem ich zurückkehren wollte, ein Stück näher brachte. Tatsächlich gelangte ich auf einigen Umwegen in die Strasse, an der unser Hotel lag. Ich atmete erleichtert aus. Es begann bereits zu dämmern. Vielleicht machte sich Michel, der sicher ungeduldig im Hotelzimmer wartete, Sorgen um mich. Ich beeilte mich, grüsste flüchtig die Dame an der Reception und verschwand im Lift, der zufälligerweise gerade in Betrieb war. Der Aufzug hielt mit einem Ruck auf dem fünften Stock. Von irgendwoher ertönte Musik. Griechischer Pop. Ich öffnete behutsam die unverriegelte Tür unseres Zimmers und trat in den kleinen Korridor. Zuerst roch ich das Parfum, dann das Verbrechen. Ich machte zwei Schritte vorwärts, sodass ich um die Ecke zum Bett spähen konnte. Michel war über eine halb nackte Frau gebeugt, deren Gesicht ich nicht erkennen konnte, da sie mir die schwarze Haarpracht zugewandt hatte, und küsste ihr wie wild den Hals. Die Wahrheit ohrfeigte mich. Ich stand einen Moment wie gelähmt, unfähig etwas zu sagen oder zu tun. Michel und seine Gefährtin waren so in ihr Liebesspiel vertieft, dass sie mich nicht bemerkten. Tränen schossen mir in die Augen. Ich drehte mich um und rannte, so schnell ich konnte, davon.

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