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Indien-Reise
Hallo,
ich berichte heute über meine 5-wöchige Indienreise. Ich startete in Dehli, wo mir schon mal der Koffer abhanden kam, bzw. der hatte einen anderen Flug genommen als ich. Ich musste zwei Tage auf ihn warten und war ziemlich nervös, da ich nicht wusste, ob und wann ich ihn bekommen würde. Am dritten Tag erwachte ich mit Schmerzen, und ich fühlte mich schlecht. Ich dachte, das käme von einer Flipflop-Wunde zwischen meinen Zehen. Ich fürchtete, eine Blutvergiftung aufgelesen zu haben. Ich beschloss, einen Arzt aufzusuchen. Ich ging zuerst ins Bad, um die Toilette zu benützen, da wurde mir schwarz vor Augen und ich musste mich setzen. Als sich nach einer ganzen Weile das Schwarz immer noch nicht aufgelöst hatte und sich noch Schweissausbrüche dazu gesellten, bekam ich es endgültig mit der Angst zu tun. Ich stand auf, um mich irgendwie zum Arzt zu schleppen, da fiel ich hin und in Ohnmacht. Irgendwann kam ich in der Dusche zwischen Eimern wieder zu mir mit zwei bösen Schrammen am Rücken. Zum Glück dachte ich in dem Moment daran, dass ich einen Salzmangel haben könnte und ich nahm etwas Salz zu mir. Ich ging dann trotzdem noch zum Arzt, bzw. ins Spital, weil so früh am Morgen noch kein Arzt geöffnet hatte. Das Spital sah aus wie ein Kriegslazarett mit Blutflecken auf den Laken. Der Doktor, der kein Englisch sprach, wollte mir unbedingt eine Spritze geben; ich musste mich mit Händen und Füssen wehren, um „ungespritzt“ davon zu kommen.
Dehli ist keine schöne Stadt, sie ist bloss gross. Es gibt Old und New Dehli, wo der Connaugh Place ist und wo die Reichen wohnen. Dehli ist laut, schmutzig, heruntergekommen, voller Menschen, voller Bettler, voller Verkehr. Die Hotels sind teuer und bescheiden; fürs Frühstück zahlt man extra. An Menschen, die auf der Strasse leben, muss man sich gewöhnen, ebenso an Invalide, die manchmal ziemlich hartnäckig betteln können. Jemand hat mir gesagt, dass manche Inder sich absichtlich die Hände oder Arme abschneiden, damit sie bei den Touristen Mitleid erregen und dadurch gutes Geld verdienen können.
Ein typisches Bild für Indien sind die Kühe auf der Strasse. Kühe gelten als heilig und haben jegliches Vorrecht. Sie sitzen oft mitten auf der Strasse und lassen sich keineswegs von den haarscharf an ihnen vorbeizischenden Motorrädern, den Abgasen und dem Lärm stören. Auch Hunde sieht man sehr oft, Katzen hingegen nicht. Die Hindus halten nichts von Katzen.
Am zweiten Tag in Dehli kam ich in den Monsun. Der Regen peitschte unglaublich stark auf die Erde, man war in Sekundenschnelle triefnass, und die Strassen standen danach etwa drei Tage unter Wasser. Und ich meine damit wirklich unter Wasser. Stellenweise war das Wasser so hoch, dass es einem bis über die Knöchel reichte. Das waren keine Strassen mehr, das waren Bäche. So etwas habe ich bisher nur einmal erlebt und zwar in Athen.
Wenn man in einen Laden geht, ist es ziemlich schwierig, ohne etwas herauszukommen. Die Verkäufer dringen auf einen ein, reissen allerhand Produkte hervor, die man eigentlich gar nicht sehen will, und am Ende fühlt man sich fast verpflichtet, etwas zu kaufen. Natürlich wird auch oft versucht, zu betrügen. Ich suchte in Stoffläden nach Seide, und nicht selten präsentierten die Verkäufer mir eine synthetische Faser als solche. Zum Erstaunen aller Anwesender machte ich jeweils die Brennprobe, womit ich Betrüger schnell entlarven konnte. Wenn man sich nicht auskennt, wird man rasch über die Ohren gehauen, sei es mit einem falschen Produkt oder mit einem zu hohen Preis.
In einem Kleiderladen wurde ich in der Kabine vom Besitzer betatscht. Als ich das meinem Kontaktmann im Hotel erzählte (übrigens ein Muslem), wurde er sehr zornig und schickte gleich zwei Leute los, um ihm die Leviten zu lesen und mit einer Anzeige zu drohen.
Von Dehli aus startete meine kleine Rundreise mit Chauffeur durch Rajasthan. Erster Stopp nach einer langen Fahrt war Mandava, wo ich einen Tempel besuchte, in dem früher Saati, die Witwenverbrennung, vollzogen wurde. Saati galt lange als ehrbarer Brauch für die Frauen: Sie liessen sich zusammen mit dem Leichnam ihres Mannes bei lebendigem Leibe verbrennen, weil der Hinduismus besagt, dass die Frau nur vollständig ist durch ihren Gatten. Dieses schreckliche Ritual wurde übrigens erst im 19. Jahrhundert von den Briten verboten.
Zweiter Stopp war Bikaner, wo ich den Rattentempel busuchte. Dieser Tempel ist voller Ratten, die frei herumlaufen. Man muss also aufpassen, dass man nicht auf eine tritt. Reittiere sind im Hinduismus wichtige Tiere, weil eine Ratte das Reittier von Ganesha, dem elefantenköpfigen Gott des Glücks, ist.
In Bikaner gibt es ausserdem einen Maharadscha-Palast, einer der wenigen, der innen eine sehenswerte Ausstellung beherbergt und nicht einfach leer steht.
Nach weiteren Stunden Fahrt durch die Wüste Thar kam ich in Jaisalmer an, allerdings nicht, bevor ich einen Zwischenhalt für eine Dromedarsafari gemacht hatte, die mir die Kamera zerstörte. Sand im Gehäuse einer Kamera ist einfach Gift! Deswegen ging mir auch dasjenige Foto durch die Lappen, das wahrscheinlich das schönste der ganzen Reise geworden wäre: bunt gekleidete Frauen mit Wassertöpfen auf dem Kopf!
Berühmt für Jaisalmer sind die Havelis, Häuser mit filigran geschnitzter Fassade. Und auch die Grabstätten, wo die Maharadschas verschiedenster Epochen mit ihren Frauen beerdigt liegen, sind einen Besuch wert.
In Jodhpur, der blauen Stadt, besuchte ich ebenfalls einen Maharadscha-Palast. Übrigens der einzige mit Audio-Guide! Das Hotel dort war sehr intim, ein kleiner Familienbetrieb, mit wunderschöner, auf anik getrimmter Einrichtung und ausgestopftem Tiger. Man fühlte sich wie zu Kolonialzeiten. Am liebsten hätte ich mein Bett mitgenommen.
Nächstes Ziel war Ranakpur.
In Ranakpur liegt eine Jain-Tempel im Dschungel, wunderschön und geheimnisvoll. Die Aussenseiten sind prächtig verziert, im Innern gibt es viele Säulen, von denen keine der anderen gleicht. Ranakpur ist ein Ort des Friedens, der Ruhe, der Harmonie. Ein architektonisches Juwel und mein persönliches Highlight in Rajasthan.
Nächster Stopp lag in Udaipur, der Stadt der Seen. Der berühmte Lake Palace, ein in ein Hotel umgewandelter Maharadscha-Palast inmitten des Sees, gehört zu einem der besten Hotels der Welt. Und auch das Udaivilas ist ein mondänes Hotel mit luxuriöser Ausstaffierung. Ich habe zu meinem grossen Bedauern kein einziges Foto von Udaipur, da mir später die Kamera gestohlen wurde. Ich muss dann wohl noch einmal nach Indien, um erneut Fotos zu machen. 
Was ich ein bisschen schade finde an Indien, ist, dass man nicht so viel machen kann. Wenn man die Sehenswürdigkeiten besucht hat, die man sehr rasch gesehen hat und die sich in europäischen Augen oft karg ausnehmen, kann man nicht mehr viel machen. Spaziergänge machen keinen Spass, die Läden, bzw. den Markt, hat man relativ schnell gesehen, Filme im Kino sind auf Hindi (ohne Untertitel) und Sportaktivitäten halten sich sehr in Grenzen. Discos oder Bars kennt man ausser in den Grossstädten nicht und die Restaurants sind meistens auch nicht so toll, dass man Stunden darin verbringen möchte.
Auf dem Weg nach Jaipur übernachtete ich eine Nacht in Pushkar, einem Pilgerort für die Hindus, der aber leider sehr aufs Geldabknöpfen ausgerichtet ist. Für den Segen, den man für sich und seine Familie bekommt, verlangen die Inder dort eine mehr als grosszügige Spende. Wenn man weniger geben will, werden sie böse. Mich hat das auch ärgerlich gestimmt. Am Ende lief ich dem Seligsprecher einfach davon. – In einem Shop in Pushkar kaufte ich ein hübsches knallblaues Kleid, dessen Farbe aber nicht fixiert ist, weshalb ich immer wie ein Schlumpf aussah, wenn ich es getragen hatte.
In Jaipur lernte ich zwei meiner indischen Freunde kennen.
Und ich hatte da meinen persönlichen Tuktuk-Fahrer, der mich überall hin brachte, wo ich wollte. Das war ein lustiger Kerl, der andauernd Witze erzählte oder dumme Sprüche riss. (No hurry, chicken curry!)
Diese Tuktuks sind übrigens wahre Wundergefährte. Was unmöglich erscheint, ist doch möglich: z. B. drei Personen mit Koffern und Taschen in ein Tuktuk zu verladen. In Europa undenkbar, in Indien kein Problem!
Jaipur nennt man auch pink City. Der berühmte Palast der Winde war gerade im Gerüst, als ich da war, man sah also nicht viel von ihm. Aber auch sonst ist er ein bisschen enttäuschend, da er eigentlich nur Fassade ist und man nicht rein kann.
Von Jaipur ging die Reise mit dem Bus nach Agra zum Taj Mahal, wo ich (in aller Bescheidenheit gesagt) fast die grössere Attraktion war als das marmorene Grabmal. Die Inder standen Schlange, um mit mir ein Foto zu machen. Ich trug einen schlichten, bordeaux-roten Sari, der einen schönen Kontrast zum Weiss des Tajs abgab. Die Inder fahren total auf grosse Augen ab. Diese Tatsache brachte mir ein paarmal das Kompliment ein, ich sähe aus wie Ashwarya Rhai (ehemalige Miss World!), obwohl ich ausser der grossen Augen kaum etwas mit ihr gemein habe.
Mit dem Zug gings dann weiter nach Varanasi (Banares). Das war eine wirkliche Horror-Erfahrung. Erstens hatte der Zug acht Stunden Verspätung, zweitens hatte ich deswegen eine Freinacht gehabt, drittens fuhr er viel langsamer als geplant, weshalb sich die Ankunft noch einmal um ca. sieben Stunden verzögerte, und viertens wurde ich ausgeraubt. Durch das vergitterte Fenster hindurch stahl jemand meine Tasche mitsamt Geld, Pass, Natel, Kamera (mit vollem Film!), Bankkarten,… Ich drehte fast durch! Wurde zum ersten Mal in meinem Leben richtig hysterisch. Dabei ging es nicht nur um den materiellen Verlust, sondern auch darum, dass jemand in meinen sehr persönlichen Sachen rumschnüffeln würde und Dinge vielleicht wegwerfen würde, die mir wichtig oder sogar unersetzlich (Fotos) waren.
Auf dem Polizeiposten mussten wir weitere drei Stunden verbringen, da die Polizisten da unfähig sind einen Rapport zu schreiben. Zuerst schrieb der Polizst ihn auf Englisch, wobei ich ihm dauernd sagen musste, wie man gewisse Wörter schreibt. Dann musste ich den Text abschreiben und korrigieren, danach schrieb ein anderer Polizist ihn nochmals auf Englisch und auf Hindi.
Ich hatte nach diesem Erlebnis gar nicht mehr gross Lust, etwas in Varanasi zu unternehmen. Ich machte zwar noch eine nächtliche Bootsfahrt auf dem Ganges, aber da war es so dunkel, dass man gleich viel gesehen hätte, wäre man im Hotelzimmer bei abgelöschtem Licht geblieben.
Ich wollte nur eines: möglichst rasch weg von Banares! Mit dem Flugzeug ging es dann von Banares zurück nach Dehli. Dort musste ich auf die schweizerische Botschaft, um mir ein Laissez-passer auszustellen. Danach musste ich auf dem Foreigner’s office ein Exitvisa beantragen. Man kann sich nicht vorstellen, welche Zustände auf diesem Amt herrschen. Es war wie in einem Hühnerstall, in den der Fuchs eingebrochen ist. Es hatte viel zu viele Menschen, manche weinten, weil sie schon so lange warten mussten, keiner wusste, wer wofür zuständig ist, und die Beamten waren mürrisch. Nach insgesamt ca. 20-stündiger Wartezeit gab man mir schliesslich das Exitvisa. Zum Glück hatte ich eine Kopie das Passes gemacht, die mir jetzt half, ansonsten hätte die Ausstellung der diversen Papiere wohl noch viel länger gedauert. Wahrscheinlich hätte ich dann gar nicht mit meinem reservierten Flug zurück fliegen können. |